"Für Sendling bin ich zuversichtlich"

Er sitzt für die SPD im Landtag und möchte Partei-Chef in Bayern werden: Florian von Brunn (48) spricht im AZ-Interview über Politik, Pläne und Heimat.
| Interview: Thomas Müller, Felix Müller
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Brotzeit im Eck: Florian von Brunn mit Lokalchef Felix Müller (rechts) und Vize-Chefredakteur Thomas Müller.
Daniel von Loeper Brotzeit im Eck: Florian von Brunn mit Lokalchef Felix Müller (rechts) und Vize-Chefredakteur Thomas Müller.

München - Kein Zweifel, der Sendlinger Florian von Brunn ist instinktsicher. Das Lokal seiner Wahl zum AZ-Interview "Auf eine Weißwurst": Wallners Gaststätte Großmarkthalle – nun, es gibt schlechtere Orte in München, um eine Weißwurst zu essen.

Er seziert die Spezialität nicht ganz astrein, aber gekonnt: Erst halbieren, dann jeweils längs geschnitten und das Brät rausgekratzt, was gut gelingt, weil die Wallner-Würste ja frisch sind. Fazit: Haben wir schon schlechter gesehen. Auf geht’s.

AZ: Herr von Brunn, Dieter Reiter ist in Sendling aufgewachsen. Was ist Sendling am Oberbürgermeister?
FLORIAN VON BRUNN: Seine ganze Art. Er ist, wie man in Sendling ist: Da ist nichts Aufgesetztes dran.

Steht Reiter mehr für Ihr München, als es Ude getan hat?
Nein, weil München viele Seiten hat. Wie die Münchner SPD: Wir haben ein Kulturforum, aber kämpfen auch für Arbeitnehmer. Und Ude galt immer als „Bürger-King“.

Vermissen Sie Ude manchmal?
Ich sehe ihn öfter und freue mich dann. Natürlich kann man ihn vermissen: Er hatte große Stärken und viele Themen. Aber wir haben auch jetzt wieder einen starken Oberbürgermeister.

Zurück nach Sendling, wo Sie seit mehr als 20 Jahren leben. Was hat sich seither am meisten verändert?
Sendling wahrt seinen Charakter sehr gut. Das gelingt viel besser als anderswo. Die vielen Genossenschaftsbauten sind hier ein Anker, Luxussanierungen und Entmietungen gibt es nicht so viele wie in anderen Vierteln mit so hoher Lebensqualität.

Wir sitzen hier an der Großmarkthalle. Ein Teil des Geländes wird künftig mit Wohnungen bebaut sein, nebenan am Viehhof zieht das Volkstheater ein. Fürchten Sie, dass Sendling in den nächsten Jahren doch viel schicker werden könnte?
Ich wäre ein Fan davon gewesen, das Volkstheater direkt hierher in den denkmalgeschützten Teil der Großmarkthalle zu holen. Das sind gute Veränderungen – die aber natürlich auch die Gefahr mit sich bringen, dass Gentrifizierungsprozesse ausgelöst werden. Man kann die Zeit nicht anhalten, eine Stadt verändert sich. Ich bin für Sendling relativ zuversichtlich. Aber man muss natürlich aufpassen.

Sehen Sie positive Aspekte von Aufwertung für Sendling?
Ich finde es positiv, wenn es mehr kleine Läden und Cafés gibt und ein Viertel bunter ist. Sendling soll nicht zu sauber werden. Eine Stadt macht auch aus, dass es auch unaufgeräumte Ecken gibt.

Ihr liebstes Geschäft, Ihr liebestes Café, Ihre liebste Parkbank in Sendling?
Ich gehe sehr gerne an die Isar zum Laufen und ins Südbad. Und ich bin sehr gerne rund um die Daiserstraße unterwegs, dort sind viele nette Cafés und gute Restaurants.

Ein spätes Bier in Sendling?
Ich gehe gerne ins Picola Italia, ins Café Kreislauf oder in die Trattoria Bussone. Und ich mag den Sendlinger Augustiner.

Und wann waren Sie das letzte Mal in der Gruam, der Absturzkneipe an den Bahngleisen?
Ich war ehrlich gesagt noch nie drin.

Würden Sie sagen, München ist noch eine SPD-Stadt?
Ja. In manchen Ecken von Sendling hatten SPD und Grüne mehr als 70 Prozent der Stimmen bei der letzten Kommunalwahl!

Das gilt aber nicht für die ganze Stadt. 2014 wurde die CSU stärkste Kraft.
Ich gehe davon aus, dass das ein einmaliger Vorgang war und wir wieder stärkste Fraktion werden.

Diesel raus aus der Stadt? "Das trifft die Falschen"

Hätten Sie 2014 lieber Rot-Grün gesehen – obwohl es keine klare Mehrheit mehr gab?
Die Konstellation war damals sehr schwierig, das gebe ich gerne zu. Aber ich würde mir sehr erhoffen, dass wir das nächste Mal wieder Rot-Grün machen.

Ihr Gefühl: Ist das die Mehrheitsmeinung in der Partei?
Vom Gefühl her: ja!

Ihre Themen sind öffentlicher Nahverkehr, Bio-Eier, der Schutz des Gebirges. Unterscheiden Sie sich eigentlich irgendwo von den Grünen?
Für mich ist soziale Gerechtigkeit zentral: Es darf nicht die treffen, die es sich nicht leisten können.

Das haben die Grünen zu wenig im Auge?
Ja. Zum Beispiel fordern sie eine Citymaut für München. Mobilität darf aber nicht vom dicken Geldbeutel abhängen.

Wie ist das Problem zu lösen, dass in München zu viele Autos unterwegs sind?
Ich selbst fahre fast alles mit dem Rad. Aber das ist meine individuelle Entscheidung. Natürlich muss man die Radwege weiter ausbauen, es ist die umweltfreundlichste Mobilitätsform. Und wir müssen den Nahverkehr konsequent ausbauen – gerade auch mit Trambahnen, die ein sehr kostengünstiger Verkehrsträger sind. Und: Wir brauchen mehr Tangentialverbindungen zwischen den Außenästen der S-Bahn. Und natürlich Elektromobilität.

Die ist im privaten Bereich bisher das Zweitwagen-Hobby reicher Münchner. Soll man die wirklich subventionieren?
Ich bin der Meinung des ehemaligen MVG-Chefs Herbert König, der immer gesagt hat: Wir machen mit Trambahnen und U-Bahnen die beste Elektromobilität. Übrigens finde ich es auch falsch, einfach alle alten Dieselfahrzeuge auszuschließen. Das geht als Sozialdemokrat nicht, das trifft die Falschen.

Sind sie offen für die Idee, Autos ganz aus der Altstadt auszuschließen?
Wenn es ein gutes Konzept gibt: ja. Man muss aber zum Beispiel vermeiden, dass es die Aufwertung noch fördert, die letzten alten kleinen Geschäfte auch noch verschwinden.

Tram-Westtangente?
Unbedingt!

Die U9 von der Giselastraße zum Bahnhof und weiter zur Implerstraße?
Das wird viel schwerer zu realisieren, aber wir brauchen dringend eine Entlastung der U3 und U6. Jeder, der dort U-Bahn fährt, merkt, dass es zu voll ist.

Ein S-Bahn-Ring im Norden?
Dafür muss die Staatsregierung endlich eine anständige Planung vorlegen.

Sie sind Parteivize in München. Unser Eindruck ist, dass Sie den Oberbürgermeister zuletzt härter angingen.
Ich habe ihn nicht kritisiert. Ich habe nur gesagt, dass ich nicht seiner Auffassung bin, dass wir in nächster Zeit ein Ratsbegehren zur dritten Startbahn brauchen. Ich würde gerne abwarten, wie sich die Starts und Landungen wirklich entwickeln – und darauf, dass die schnelle ICE-Verbindung nach Berlin in Betrieb geht. Dann gibt es keinen Grund mehr, nach Berlin zu fliegen.

Spricht aus Reiters Aussagen der ehemalige Wirtschaftsreferent, der sich für Ihr Thema – den Umweltschutz – nicht so recht interessiert?
Es sitzt da zwischen den Stühlen. Er ist ehemaliger Wirtschaftsreferent, muss auch wirtschaftlich die Interessen der Stadt vertreten, sieht aber natürlich auch die Probleme der Leute vor Ort und beim Umweltschutz. Man muss schon sehen, dass er da einen schwierigeren Stand hat als ich als Umweltpolitiker.

Sie sind klar gegen die Startbahn?
Ja. Ich bin der Auffassung, dass wir im Inland und im nahen Ausland den Verkehr auf die Bahn verlagern sollten.

Sie touren derzeit durch Bayern, werben für sich als neuen SPD-Chef. Was können die Leute auf dem Land von den Münchnern lernen?
Da sollte man vorsichtig sein. Uns wird ja schnell vorgeworfen, arrogant zu sein und zu viel Geld zu haben. Ich glaube, man sollte es lieber so formulieren, dass man selbst noch viel lernt, wenn man unterwegs ist.

Und: Was lernen Sie auf der Ochsentour?
Auf jeden Fall, wie unterschiedlich Bayern ist. In anderen Teilen des Freistaats spielen Traditionen noch eine viel größere Rolle. Während wir Schulen bauen, gibt es woanders immer weniger Schüler und es wird diskutiert, ob Schulen geschlossen werden müssen.

Sie treten an mit dem Versprechen, die CSU härter zu attackieren. Das ist gerade in München sehr schwierig, weil die liberaler gewordene CSU kaum Angriffsfläche bietet. Spontan: Zwei Punkte, in denen man sich noch unterscheidet?
In der Verkehrspolitik. Und: Die SPD will eine offene, liberale Gesellschaft.

Im Rathaus stimmt die CSU da doch immer bei allem mit.
Naja. Die SPD hat schon eine ganz andere Grundhaltung. Wir wollen zum Beispiel auch keine Abschiebungen nach Afghanistan. Oder nehmen Sie die CSU-Forderung nach einem bewaffneten städtischen Ordnungsdienst. Da liegen Welten zwischen uns.

Wie sehen Sie ihre Chancen, Bayern-SPD-Chef zu werden?
Schwer zu sagen. Natascha Kohnen ist in der Bevölkerung sehr wenig bekannt, in der Partei war sie aber viel unterwegs. Aber es gibt natürlich auch viele, die sagen: Nach den acht Jahren kann Natascha Kohnen nicht glaubwürdig für einen Neuanfang stehen. Ich setze darauf, sie in eine Stichwahl zu zwingen. Dann ist auf dem Parteitag alles möglich.

Hat der Bayern-SPD-Chef aus Ihrer Sicht ein Vorrecht, wenn er Ministerpräsidenten-Kandidat werden will?
Nein. Die Partei sollte den oder die aufstellen, der den größten Erfolg verspricht.

Sie haben gesagt, SPD-Chef zu sein, werde kein Erholungsurlaub. Bleibt dann noch Zeit für Ihr Hobby, das Klettern?
Das will ich mir beibehalten. Ich gehe einmal die Woche in die Kletterhalle in Thalkirchen.

Sie sind ja im Alpenverein. Ein spontaner Tourentipp?
Ich bin gerne im Karwendel oder in den Ammergauer Alpen, zum Beispiel auf der Kreuzspitze.

Sie haben vorgeschlagen, dass wir uns hier an der Großmarkthalle treffen. Zu welchen Anlässen kommen Sie in die Gaststätte?
Meistens mit meinem 13-jährigen Sohn. Wenn er aus der Schule kommt, geht er hier gerne mit mir Mittagessen. Mein Sohn geht ganz gerne in Gaststätten in unserem Viertel essen.   

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