Fünf versprochen, zwei im Bau: So steht es um Münchens Tram-Offensive

Um die Verkehrswende in München voranzutreiben, haben Grüne und SPD am Anfang ihrer Legislatur ein neues Referat gegründet: das Mobilitätsreferat. Chef ist dort seit 2021 der parteilose, aber grünen-nahe Georg Dunkel. Was hat das neue Referat geschafft? Welche Versprechen aus dem Koalitionsvertrag haben Grüne und SPD in dieser Legislatur umgesetzt?
Die Ziele, die sich Grün-Rot vorgenommen hat, waren ambitioniert: Fünf neue Tramlinien wollten sie bauen und acht weitere Linien prüfen und priorisieren. Das haben Grüne und SPD nicht geschafft. Im Bau sind derzeit zwei Linien. "Doch soll man jemanden, der sich viel vornimmt, härter bewerten als jemand der sich kaum Ziele steckt?", hat Andreas Frank vom Fahrgastverband "Pro Bahn" geantwortet, als die AZ ihn nach seiner Bilanz fragte.
Nächsten Samstag geht eine neue Tram-Linie in Betrieb
Fakt ist: Nächsten Samstag, am 28. Februar, wird zum ersten Mal seit zehn Jahren eine neu gebaute Tramlinie in Betrieb gehen: nämlich ein Stück der Tram-Westtangente. Vorher hat die Stadt zuletzt 2016 die Tram zum "SZ"-Hochhaus in Berg am Laim in Betrieb genommen.
Allerdings wird nicht die gesamte Tram-Westtangente fertig, sondern nur ein Abschnitt zwischen Agnes-Bernauer-Straße und Ammerseestraße. Geplant ist, dass diese neue Linie 14 alle zehn Minuten fährt: Vom Pasinger Bahnhof über die Fürstenrieder Straße bis zum Gondrellplatz.
Die MVG hat die neue Strecke bereits mit historischen und modernen Trams getestet. Diese Generalprobe sei erfolgreich gewesen, teilte die MVG mit.

Doch dann geht die Baustelle weiter. Die restlichen Abschnitte der 8,3 Kilometer langen Strecke zwischen Nymphenburg und Obersendling sollen 2028 fertig werden.
Die zweite Tram-Baustelle, die das grün-rote Rathaus startete, ist die "Tram Münchner Norden" zum Neubaugebiet Neufreimann auf der ehemaligen Bayernkaserne. Dort entstehen Wohnungen für etwa 15.000 Menschen.
Durch die neue Tramlinie sollen sie schneller zu den U-Bahn-Stationen Kieferngarten (U6) und Am Hart (U2) kommen. Spatenstich war im Oktober 2025. Die MVG rechnet mit einer Bauzeit von 4,5 Jahren. Ende 2029 soll die Tram in Betrieb gehen. Ob das klappt, hängt auch davon ab, wie schnell der Bau der Brücke über die Gleise der Deutschen Bahn vorangeht.
Der Freistaat stoppte die Tram durch den Englischen Garten
Nicht weitergekommen ist die Stadt bei der Tram Nordtangente. Diese sollte eigentlich durch den Englischen Garten fahren. Doch der Freistaat als Eigentümer des Parks stoppte das Projekt.
Auch bei einem weiteren Teilstück dieser Strecke – nämlich zum Bahnhof Johanneskirchen – geht seit Jahren nichts vorwärts.
Ursprünglich sollte der Bau im September 2023 losgehen. Doch die Regierung von Oberbayern stoppte alles. Denn die Stadtwerke hatten nicht das Planfeststellungsverfahren abgewartet. Bis heute gibt es keine Genehmigung für die Strecke.
Einige Planungen für neue Tram-Linien liegen auf Eis
Mehrere Machbarkeitsstudien für diverse andere Tram-Projekte hat Grün-Rot gestrichen, um Geld zu sparen. Darunter sind etwa die Tram nach Freiham, die Tram nach Ramersdorf, die Tram-Südtangente, die Tram auf der Wasserburger Landstraße Richtung Haar und die Tram von Berg am Laim nach Daglfing. Vor 2027 wird die Stadt an diesen Linien nicht weiterplanen.
Auch ein "U-Bahn-Ausbau-Programm" hat Grün-Rot in ihrem Koalitionsvertrag angekündigt. Und tatsächlich baut die Stadt zum ersten Mal seit 2010, seitdem der U-Bahnhof in Moosach eingeweiht wurde, wieder an einer neuen U-Bahn-Linie.
Derzeit laufen die Bauarbeiten für die U5-Verlängerung vom Laimer Platz nach Pasing. Das Baureferat will den ersten Abschnitt bis zum neuen Bahnhof Baumschule Laim 2031 in Betrieb nehmen. Der Rest soll bis 2034 folgen.
Für eine weitere Verlängerung bis nach Freiham bereitet das Baureferat gerade das Planfeststellungsverfahren vor. Dann muss der Stadtrat entscheiden. Einem Vorhaltebauwerk in Freiham, also dem Rohbau für einen U-Bahnhof, hat der Stadtrat bereits zugestimmt. Allein dieses Bauwerk kostet fast 100 Millionen Euro.
Auch am Hauptbahnhof entsteht für die U9 ein solches Vorhaltebauwerk. Dieses wird mit mehr als 560 Millionen Euro noch teurer als das in Freiham. Derzeit laufen für die U9 noch die Vorplanungen. Unter "günstigen Voraussetzungen" rechnet die MVG damit, dass die Strecke frühestens in zehn bis 15 Jahren fertig wird. Entscheidend, wie das Projekt weitergeht, wird die Haushaltslage sein. 2022 hieß es, die Strecke werde rund vier Milliarden kosten. Inzwischen dürften die Preise um ein Vielfaches gestiegen sein.
Die Planungen für die U4-Verlängerung sind eingestellt
Die Planungen der Verlängerung der U4 in den Nordosten hat das Rathaus hingegen eingestellt – aufgrund der Haushaltslage.
Anders als im Koalitionsvertrag versprochen, laufen die Planungen für einen Autotunnel im Münchner Norden weiter. Weil die ursprüngliche Vorzugsvariante durch ein Wasserschutzgebiet verlaufen wäre, haben SPD, CSU und FDP gemeinsam entschieden, dass die Verwaltung eine neue Variante untersuchen soll. Die Ergebnisse sollen Mitte des Jahres vorliegen. Dann muss der Stadtrat neu entscheiden. Ziel des Ganzen ist, BMW besser anzubinden.
Und was wollen die Parteien nach der Kommunalwahl umsetzen? Die AZ hat nachgefragt.
SPD: "Mehr umsetzen, weniger planen"
Beim ÖPNV-Ausbau will SPD-Chefin Anne Hübner den Fokus darauf legen, begonnene Projekte fertigzustellen – wie die Tram-Westtangente und die Tram "Münchner Norden", die das Neubaugebiet Neufreimann anbindet.

"Wir wollen weniger planen und mehr umsetzen", sagt sie. Nur eine neue Planung kann sie sich vorstellen: eine neue Tramlinie nach Daglfing. Dort will die Stadt ein Neubaugebiet schaffen und, wenn München den Zuschlag für Olympia bekommt, ein Olympisches Dorf.
Bisher hieß es, dass dafür die U4 verlängert wird. "Das kann ich mir aber wegen der Kosten nur mit Olympia vorstellen", sagt Hübner. Denn dann bekomme München Förderungen von Bund und Freistaat. Von der Prioritätenliste gerutscht, sei die Tramlinie Johanneskirchen.
Fertig werde in der nächsten Legislatur die U-Bahn-Verlängerung nach Pasing. Dass die Stadt aus eigener Tasche eine U-Bahn-Verlängerung nach Freiham finanzieren kann, dafür sieht Hübner keine Möglichkeit.
Auch bevor die Stadt mit dem Bau der U9 beginnt, brauche es eine feste Förderzusage vom Bund. Doch Hübner weiß: "Ob die kommt, ist zweifelhaft." Denn momentan würden eher Projekte gefördert, die Neubaugebiete erschließen. Die U9 soll das Netz entlasten.
Dass die Stadt ihr Busnetz ausweitet, sieht Hübner eher nicht kommen – wegen der Kosten: "Es wird schon eine große Aufgabe, Takt-Einschränkungen zu vermeiden." Besser kann es aus ihrer Sicht nur werden, wenn es zu Fortschritten beim autonomen Fahren kommt.
Grüne: "Mehr Tram-Linien"
"Wir haben die Verkehrswende eingeläutet", sagt der OB-Kandidat der Grünen, Bürgermeister Dominik Krause. Und das trage nun die ersten Früchte: München sei nicht mehr Stau-Hauptstadt, fast 80 Prozent der Wege würden inzwischen mit dem ÖPNV, dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt. Für Krause ist das ein Erfolg.
Er bezeichnet die Wahl als eine Richtungsentscheidung: "Wird der Kurs fortgesetzt? Oder das Rad zurückgedreht?" Ja, die Haushaltslage sei angespannt. Allerdings werde es später noch teurer, wenn die Stadt nicht weiterhin investiere. Und schließlich sei der Ausbau des ÖPNV-Netzes auch deshalb notwendig, weil München in den vergangenen zwölf Jahren um 150.000 Einwohner gewachsen sei.

Konkret will Krause den Bau der Verlängerung der U5 fortsetzen – nicht nur nach Pasing, sondern danach weiter nach Freiham.
Auch den Bau der neuen Linie U9 müsse die Stadt vorantreiben. Momentan entsteht erst einmal beim Hauptbahnhof ein Vorhaltebauwerk – also eine Hülle für einen neuen U-Bahnhof.
Außerdem will Bürgermeister Krause weitere Tramlinien auf den Weg bringen. Er nennt: Die Tram Lerchenauer Feld, die nach Feldmoching fahren soll, wo die Stadt ein Neubaugebiet plant. Auch eine neue Tramlinie Richtung Dachau und eine Tram Richtung Daglfing stehen auf Krauses Liste.
Dass all diese Linien in den nächsten sechs Jahren fertig gebaut werden, will er nicht versprechen. Doch zumindest müsse die Stadt mit ihren Planungen deutliche Schritte weiterkommen, fordert Krause.
CSU: "U-Bahn statt Tram"
Als ein großer Freund neuer Tramlinien zeigt sich der OB-Kandidat der CSU Clemens Baumgärtner nicht. Er hätte lieber weiterhin Busse auf der Fürstenrieder Straße fahren lassen, als die Tram-Westtangente zu bauen. Doch das Projekt zu stoppen, gehe nun nicht mehr. Auch die Tram "Münchner Norden" sieht Baumgärtner kritisch. Doch auch sie wird wohl schwer zu stoppen sein.

Anders sieht es bei der Tram Johanneskirchen aus. Für sie erfolgte noch kein Spatenstich. Und die würde er auf jeden Fall streichen, sagt der CSUler. Denn schließlich sollen hier 800 Meter Tram 70 Millionen kosten.
Mehr übrig hat Baumgärtner für neue U-Bahn-Linien. Er will die Verlängerung der U4, der U5 und auch die U9 durch die Innenstadt befürwortet er. Aber auch er wisse, dass das Geld knapp ist, sagt Baumgärtner. Seine Hoffnung setzt er deshalb auf Olympia und die Fördergelder des Bundes und des Freistaats, die dann fließen. Außerdem will er das autonome Fahren vorantreiben. Aus seiner Sicht kann die Technologie ein "echter Game-Changer" sein und deutlich Kosten sparen.
FDP: "Mehr Geld für den ÖPNV"
Der FDPler Fritz Roth macht eine Beobachtung, die ihn besorgt: "Auch bei der Münchner U-Bahn kommt es zu mehr Störungen. Das darf nicht ausufern." Für mehr Pünktlichkeit und bessere Takte fordert Roth, dass das Rathaus den Zuschuss an die MVG von heute 150 Millionen im Jahr auf mindestens 200 Millionen erhöhen müsse. "Der städtische Haushalt beträgt über neun Milliarden Euro. Da sollte etwas mehr drin sein“", findet er.

Konkret fordert er eine neue Ring-Buslinie auf dem Mittleren Ring und einen flächendeckenden Fünf-Minuten-Takt auf allen Tramlinien.
Aus seiner Sicht muss die Stadt zumindest die Planungen für die Verlängerung der U4 Richtung Nordosten in der nächsten Legislatur fertig kriegen. Auch die Tram zum Bahnhof Johanneskirchen müsse dringend bis 2030 gebaut sein, fordert Roth. Die neue Tram nach Neufreimann sieht er skeptisch. Lieber wäre ihm eine U-Bahn gewesen.
Linke: Kostenlose Öffis für alle
Dass der ÖPNV in München günstiger wird, steht für Katharina Horn ganz oben auf der Prioritätenliste. Sie kandidiert für Die Linke: "Wenn wir wollen, dass mehr Menschen mit den Öffis fahren, muss es günstiger sein." Momentan kostet ein Einzelfahrschein 4,20 Euro. "Das ist viel zu teuer", sagt Horn.

Sie fordert außerdem auch in München einen Sozialtarif fürs Deutschlandticket. Langfristiges Ziel der Linken sei ein kostenfreier ÖPNV für alle Menschen. Dafür würden dann weniger Kosten für Kontrolleure und Ticketschalter anfallen, sagt sie. "Aber natürlich geht das nicht morgen."
Beim Ausbau des Netzes setzt sie auf die Tram statt die U-Bahn – zum Beispiel auch nach Daglfing.
Sofort beenden würde Horn sämtliche Pläne für die Innenstadt-Linie U9. "Ich sehe nicht, wie die jemals kommen soll", sagt Horn. Da sei es sinnvoller, das Projekt gleich zu beenden.
Sie fordert außerdem, dass die U-Bahnen nicht nur am Wochenende ("für die Party-People") die ganze Nacht fahren sollen, sondern auch unter der Woche. Das sei wichtig für Menschen, die Schichtarbeit leisten.
ÖDP: "Schnell neue Buslinien"
m die Verkehrswende schnell voranzutreiben, setzt ÖDP-Chef Tobias Ruff auf mehr Buslinien. Skeptisch sei seine Partei bei Großprojekten wie der neuen Innenstadt-U-Bahnlinie U9, die eines Tages die Stammstrecke entlasten soll. Weil diese teuer und schwierig zu realisieren sei.
Sinnvoll sei hingegen, das Neubaugebiet Freiham im Münchner Westen mit der U-Bahn zu erschließen. Denn schließlich sollen in Freiham einmal um die 25.000 Menschen wohnen.

Bei neuen Tramlinien habe die ÖDP eine differenzierte Haltung, sagt Ruff. Für richtig hält er die Strecke zum Bahnhof Johanneskirchen. Doch momentan ist nicht klar, wann der Bau beginnen kann. Seit Jahren streiten die Regierung von Oberbayern und die Stadtwerke über das Planfeststellungsverfahren.
Die Tram zum Neubaugebiet Neufreimann im Münchner Norden sieht Ruff kritisch, weil dafür 200 Bäume gefällt werden müssten.