"Freu mich wie Bolle": Das sind die Pläne von Münchens neuem Nachtbeauftragten

Seit gut zwei Wochen ist Kay Mayer nun Münchens neuer Nachtbeauftragter. Was er vorhat, warum er kein Nachtbürgermeister ist und ob sich seine Party-Rituale nun ändern, darüber hat er mit der AZ gesprochen.
| Lukas Schauer
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Kay Mayer (37) ist Münchens neuer Nachtmoderator.
Kay Mayer (37) ist Münchens neuer Nachtmoderator. © Daniel von Loeper

München - Seinen neuen Arbeitsplatz kennt Kay Mayer (37) zumindest räumlich schon recht gut, obwohl er erst seit zwei Wochen offiziell in seiner neuen Funktion dort ein und ausgeht.

Denn als Leiter der der "ConAction"-Stelle war Mayer jahrelang als Streetworker in Kontakt mit dem Sozialreferat, das nun auch sein neuer Arbeitgeber ist. Der 37-Jährige ist seit 1. Juni neuer Leiter der Fachstelle "Moderation der Nacht". Mayer wird im Erdgeschoss in der Franziskanerstraße ein ehemaliges und nun zum Büro umgebautes Café beziehen - was irgendwie passend ist für seinen neuen Job.

Da der Umbau noch nicht abgeschlossen ist, findet das Gespräch mit der AZ im Büro seiner Chefin, Dr. Eva Jüsten, statt. Sie leitet das Büro für Bürgerliches Engagement und Konfliktmanagement.

AZ: Herr Mayer, wie darf ich Sie denn nun ansprechen? Nachtbürgermeister? Nachbeauftragter?
KAY MAYER: Die Fachstelle heißt Moderation der Nacht, also passt Nachtmoderator. Es wurde natürlich viel von Nachtbürgermeister oder Nachtbeauftragter gesprochen, da ist es aber wichtig, dass man nicht falsche Assoziationen schafft. Wenn man vom Bürgermeister spricht, denkt man vielleicht, ich laufe durch die Stadt und bestimme Dinge – das ist es aber nicht. Es ist auch kein politisches Amt, es ist auch kein Exekutivamt, deswegen muss man aufpassen, dass nicht falsche Erwartungen geweckt werden. Aber: solang die Leute wissen, was damit gemeint ist, können die Leute mich nennen, wie sie wollen.

Also ist Ihre Stelle nicht vergleichbar mit denen in anderen Städten wie etwa in Deutschland Mannheim oder international Barcelona oder New York?
MAYER: Nein, es ist nicht vergleichbar mit anderen Städten, weil es in Mannheim gerade zum Beispiel ein sehr viel repräsentativeres Amt für Nacht- und Clubkultur ist. Das ist auch meine Aufgabe, ganz bestimmt, aber ich bin mehr Moderator. Das heißt aber nicht, dass ich keine Konflikte scheue, ganz im Gegenteil.
JÜSTEN: Dazu muss man auch sagen, dass wir ja schon länger einen Strategieprozess geführt haben über 1,5 Jahre mit allen an den Themen Beteiligten – Verwaltung, Politik, Nachtkultur. Da ging es um die Folgen der Nacht aber eben auch um eine Strategie, was kann in München welcher Platz an Nachtleben vertragen und wo wird es vielleicht zu viel, wie lässt sich das steuern. Ein Ergebnis dieses Prozesses ist nun diese Fachstelle. Herr Mayer wird nun im September einen Runden Tisch starten, der die Themen des Strategieprozesses wieder aufgreift.

Kay Mayer und Dr. Eva Jüsten im Gespräch mit AZ-Redakteur Lukas Schauer.
Kay Mayer und Dr. Eva Jüsten im Gespräch mit AZ-Redakteur Lukas Schauer. © Daniel von Loeper

Was bringen Sie denn aus ihrem vorherigen Job mit, die Probleme dürften Ihnen ja durchaus bekannt vorkommen?
MAYER: Ja, die sind mir durchaus bekannt und das ist auf jeden Fall hilfreich, um die Stelle angemessen anzugehen. Es braucht eine Ambition und eine Leidenschaft für die Nacht und den Spaß, sich darin aufzuhalten. Und das war schon bei "ConAction" wichtig, als Leitung habe ich mich da schon öffentlich für die Zielgruppe positioniert. Aber auch dort habe ich schon viel links und rechts mitbekommen, was mir jetzt helfen kann. Aus Streetworker-Sicht war die wichtigste Perspektive aber sicherlich die der Jugend, die auch in ihren Rechten zu bestärken, gerne feiern zu gehen, auch den öffentlichen Raum mit zu vereinnahmen, weil sonst alles mögliche Brach liegt. Ich bin mir aber sicher, dass ich jetzt das überparteiliche gut hinbekommen werde. Es ist schon so, dass die Zielgruppe von jungen Menschen gerade in der Corona-Zeit eine ist, die es verdient, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Aber klar ist die Perspektive jetzt als Moderator eine andere als als Streetworker.

"Corona wirkt wie ein Brennglas für all die Probleme im Nachtleben"

Hat sich denn das Nachtleben in der Pandemie so sehr geändert oder hat Corona als Brennglas gewirkt und die Probleme, etwa am Gärtnerplatz, einfach verstärkt?
JÜSTEN: Der Gärtnerplatz war ein Hotspot, aber tatsächlich wurde es vor Corona etwas weniger, das haben wir mit AKIM gesehen. Durch Corona hat sich das wieder geändert – allerdings auch das Publikum, das ist jetzt teilweise weniger entspannt als früher. 
MAYER: Es ist ja auch spannend, dass jetzt zwei Jahre lang junge Leute neu nach München gekommen sind und die Situation nur so kennen, wie sie derzeit ist. Das ist eine lange Zeit. Da wird sich zeigen, wie sich das rückentwickeln wird, welche Infrastruktur noch da ist, welche Clubs wieder und vor allem wie wieder aufmachen. Da maße ich mir auch noch nicht an, zu sagen, wie das aussehen wird. 
Aber ich gebe Ihnen Recht, dass Corona ein Brennglas war für Thematiken, die jetzt sichtbarer werden: Wir haben eine Clubkultur, die ganz viele wichtige Funktionen hat, die jetzt wegfallen, wie eine Ordnungsstruktur etwa. Und Corona hat gezeigt, dass diese Clubkultur nicht eins zu eins ersetzbar ist.

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Werfen wir einen Blick nach vorne: Was sind denn die ersten Dinge, die Sie nun angehen wollen?
MAYER: Ich will vor allem erst einmal Ansprechpartner sein für alle. Der erste wichtige Schritt ist, dass sich die ganzen verschiedenen Instanzen, also Barbetreiber, Türsteher, Wirte, Gäste und so weiter, überhaupt richtig aufgehoben fühlen. Wie man dann die verschiedenen Probleme löst, wird eh nur über das Miteinander gehen. Da muss ich dann die Vernetzungsfunktion nutzen, etwa mit Hilfe des Runden Tisches, der ja auch nicht nur ein Mal stattfinden soll. Dort sollen dann die Fäden zusammenlaufen. Das heißt aber im Umkehrschluss: Ich muss die Fäden jetzt erst einmal breit auswerfen und die Rückmeldungen dann thematisch sortieren.
JÜSTEN: Für uns war das ein Punkt in der Besetzung der Stelle, dass Herr Mayer nicht von null anfangen muss, sondern mit all diesen Themen schon Berührung hatte. Dass die MoNa-Stelle im Übrigen einstimmig beschlossen wurde, zeigt auch, dass der Stadt das Thema wichtig ist. Eine feste Stelle mit dem entsprechenden Budget gibt es in Deutschland so nicht noch einmal.

"Natürlich hilft ein Stadtrat, der selber mal Clubbetreiber war"

Hilft es Ihnen denn dann auch, dass mit Herrn Süß ein ehemaliger Club-Betreiber im Stadtrat sitzt?
MAYER: Absolut. Ich kenne David Süß gut, wir haben vieles zusammen erlebt und gut gearbeitet. Es ist einfach gut zu wissen, ich muss da nicht bei Null anfangen. Mit so viel Erfahrung geht auch ein gewisser Pragmatismus einher. Viele Leute schauen sonst auf "das Feiern" und sagen, das ist eh alles eins und ich finde eh alles schlecht, weil alles laut ist, nur Dreck macht, sich die Leute die Drogen in die Birne hauen und Frauen sexuell angehen. Das wird aber dem Thema natürlich nicht gerecht – und dieser Blick alleine ist auch nicht hilfreich, auch wenn das sehr wichtige Themen sind, die aber konstruktiv und nicht plakativ angegangen werden müssen.

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Mittlerweile ist bundesrechtlich geregelt, dass Clubs als "Anlagen für kulturelle Zwecke" eingestuft werden - das betrifft natürlich auch München. Ist das übertrieben oder notwendig?
MAYER: Ich finde das sehr angemessen. Eben aus dem Grund, dass Clubs und auch die ganze Nachtkultur eine Steuerungs-, aber auch eine gesellschaftliche Funktion haben. Was da alles aufgefangen und abgefedert wird, was für Kreativräume geschaffen werden, das ist ganz wichtig und wurde lange Zeit unterschätzt. Und auch da war Corona wieder ein Brennglas und hat gezeigt, dass man in dem Bereich mehr Anerkennung braucht. Und weil das nur durch Reden anscheinend nicht geht, muss es dann manchmal auf eine höhere Ebene gehoben werden.

"Mir geht das spontane Feiern in der Stadt unheimlich ab"

Letzte Frage: Wo geht der Münchner Nachtmoderator abends feiern?
MAYER (lacht): Im Moment mag ich natürlich das Isarufer, ich mag den Nordteil des Englischen Gartens, weil man da auch mal sein Ruhe hat. Wenn’s mit den Club-und Bar-Öffnungen wieder losgeht, muss ich tatsächlich auch erstmal wieder schauen, was denn noch da ist und werde das dann auch wieder sehr genießen, in verschiedene Läden zu gehen. Wo ich mich aber einfach sehr drauf freue: Wenn man mit Freunden einen Abend verbringt, und dann schaut man sich an und sagt: Wir haben Bock, jetzt gehen wir noch in die Stadt. Das geht mir unheimlich ab.

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Und das bleibt auch so auch als Nachtmoderator?
Das bleibt auch so! Diese Leidenschaft fürs Nachtleben gilt ja nicht nur im beruflichen Kontext, ich gehe auch einfach gern feiern. Da trinke ich natürlich auch gern mal was. Das möchte ich mir auch nicht nehmen lassen. Da sollte die Stelle auch keine Einschränkung machen, im Gegenteil: Es ist doch authentisch. Dieses Gefühl, was nachts für Stimmungen sind, wer so unterwegs ist, dass lässt sich ja auch schwierig vom Schreibtisch aus erfühlen. Da muss man schon Teil davon sein. Und ich freu mich wie Bolle auf beides.

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