Fledermäuse im Eggarten: "Es gibt noch kein Gutachten"

Bedrohen die aktuellen Abrissarbeiten an den verlassenen Häusern im Eggarten streng geschützte Fledermäuse? Naturschützer sind alarmiert. Die AZ hat beim Gutachter nachgefragt.
| Irene Kleber
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Die alten Häusl an der Eggartenstraße 4 und 9 sind schon entkernt, gerade reißen Arbeiter an der Daxetstraße 4 (Foto) herum. Von rund 25 Häusern sollen bis Frühjahr 14 abgerissen sein.
Die alten Häusl an der Eggartenstraße 4 und 9 sind schon entkernt, gerade reißen Arbeiter an der Daxetstraße 4 (Foto) herum. Von rund 25 Häusern sollen bis Frühjahr 14 abgerissen sein. © iko

München – Die Aufregung ist riesig in der hundert Jahre alten Kolonie Eggarten, seit an den ersten drei verlassenen Häusern Entkernungen begonnen haben - als Vorbereitung für eine Neubausiedlung mit fast 2.000 Wohnungen. Und die Frage wird immer lauter: Kommen Fledermäuse zu Schaden, die in den verwunschenen Gärten Insekten jagen und jetzt womöglich in den alten Häusln ins Winterquartier ziehen?

Im Eggarten wurden neun Fledermausarten nachgewiesen

Das wäre verboten. Denn die neun Arten, die 2019 hier per Gutachten nachgewiesen wurden, wie die Rauhaut- oder Zwergfledermaus, stehen unter strengem Schutz. Heißt: Die Tiere dürfen nicht gestört, gefangen oder getötet werden. Ihre Jagdräume müssen erhalten und Winter und Sommerquartiere gesichert werden.

Die Stadtrats-ÖDP und die München-Liste hatten deshalb Anzeige erstattet und damit die Abrissarbeiten kurzzeitig gestoppt. Und auch der Landesbund für Vogelschutz kritisiert die Bauarbeiten scharf. Die Bauherren, die Büschl-Gruppe und CA Immo begründen ihr Fortfahren mit einem "neuen Fledermaus-Gutachten", das das alte relativieren soll, legen bislang aber kein Papier dazu vor. Die AZ hat beim Gutachter nachgefragt.

Gutachter im Interview: Abriss kam unerwartet schnell

AZ: Herr Schreiber, in Ihrem Gutachten von 2019 ist zu lesen, dass sich "mit relativ großer Sicherheit" in den alten Häuschen auch Quartiere für Fledermäuse befinden. Was steht denn nun in Ihrem neuen Zweitgutachten, auf das die Naturschützer alle warten?
RALF SCHREIBER: Es gibt noch gar kein neues Gutachten. Nur einen Zwischenbericht, den ich vor etwa zwei Wochen fertig gemacht habe. Dazu ein paar Protokolle, die der Naturschutzbehörde und dem Bauherren vorliegen.

AZ-InterviewmitRalf SchreiberDer Biologe ist Chef des Neu-Ulmer Bio-Büros Schreiber, das Artenschutz-Gutachten anfertigt.
AZ-InterviewmitRalf SchreiberDer Biologe ist Chef des Neu-Ulmer Bio-Büros Schreiber, das Artenschutz-Gutachten anfertigt. © privat

Warum das?
Weil nicht geplant war, die Häuser so früh abzubrechen. Ein Gutachten war noch gar nicht vorgesehen. Mir wurde dann im Oktober gesagt, dass es schneller gehen muss.

Was haben Ihre Untersuchungen im Eggarten ergeben?
Wir haben letztes Jahr Ausflugsbeobachtungen gemacht mit dem Ergebnis, dass es keine regelmäßig genutzten Quartiere gibt. Die Fledermäuse fliegen zum Jagen durch, vielleicht schlafen sie auch mal tagsüber hinter einem Fensterladen, sie bleiben aber nicht dauerhaft. Auch vor dem Entrümpeln waren wir nochmal in den Häusern, da gab es ebenfalls keine Beobachtungen.

Für die Fledermäuse beginnt jetzt der Winterschlaf

Wie viele Fledermäuse fliegen dort wohl nachts?
Im Sommer möglicherweise eine dreistellige Zahl. Darunter Rauhaut-, Weißrand-, Zwergfledermäuse und Große Abendsegler. Jetzt im Spätherbst dürften nicht mehr viele da sein, weil sie keine Nahrung mehr finden, jetzt geht es Richtung Winterschlaf.

Wo lassen die sich fest zum Schlafen nieder?
Im Winter können das Baumhöhlen sein, Ritzen an den Häusern um die Lassallestraße, auch Brennholzstapel, es kann überall sein im Umkreis von zehn Kilometern. Auch in den Eggarten-Häusern, die wir noch nicht untersucht haben.

Sie waren noch gar nicht in allen Häusln?
Nein, eine Feinuntersuchung innen haben wir erst an sieben Häusern gemacht, darunter die Eggartenstraße 9 und 4 und die Daxetstraße 4, wo gerade entkernt worden ist. Bisher haben wir keine Quartiere gefunden. Wir werden nochmal außen in Dachvorsprüngen oder Hohlräumen in der Fassade schauen, bevor abgebrochen wird.

Es gibt rund 25 Häuser im Eggarten. Können Sie ausschließen, dass Sie in den übrigen noch Quartiere finden?
Nein, natürlich nicht. Wir werden alle Häuser kontrollieren, die bis zum Frühjahr abgerissen werden. Jeweils ein paar Tage vor den Entkernungs- oder Abrissarbeiten.

"Wir haben Endoskope und Spiegelchen und wir suchen nach Fledermauskot"

Wie suchen Sie nach Schlafplätzen?
Wir schauen vom Keller bis zum Dachboden. Im Winter hängen die Tiere nicht einfach von der Decke. Manche kuscheln sich an Holz, wie in Fensterladen-Ritzen, oder an Stein. Sie schlüpfen waagrecht oder senkrecht in Spalten und Löcher. Wir haben Endoskope und Spiegelchen und wir suchen nach Fledermauskot.

Wie groß können solche Schlaflöcher sein?
Eine Zwergfledermaus ist so groß wie ein kleiner Finger, der reicht eine Ritze, die einen Zentimeter breit ist.

Wo eine ist, sind viele?
Fledermäuse sind im Winter oft Einzelgänger, manche kuscheln sich auch in Gruppen zusammen. Sie sehen dann in einer Fensterrahmenritze nur eine, aber dahinter sitzen noch weitere. Noch ein Werkzeug ist ein Ultraschall-Detektor.

Wie funktioniert das?
Das Gerät macht die Ultraschall-Rufe hörbar. Außerdem können Fledermäuse Soziallaute machen, das klingt dann wie ein hohes Gezirpe. Die geben die Tiere auch ab, wenn sie sich zum Beispiel durch unseren Lärm gestört fühlen.

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Wenn Fledermäuse gefunden werden, müssen die Arbeiten unterbrochen werden

Was passiert als Nächstes?
Wir werden 15 bis 20 Fledermauskästen an den drei alten Häusern anbringen, die stehenbleiben sollen.

Wenn Sie doch noch Fledermäuse finden, was dann?
Dann werden zuerst einmal die Arbeiten dort ausgesetzt, der Bauherr wird bei der Höheren Naturschutzbehörde eine Ausnahmegenehmigung beantragen, wir werden dann die Tiere bergen und in einem Ausweichquartier überwintern lassen. Im Extremfall könnte die Behörde auch sagen: Baustopp bis nach dem Winter.

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