"Es ist eine riesige Chance für die Stadt": Was die Olympia-Entscheidung für München bedeutet

Zu siegessicher will sich am Samstagmittag im Alten Münchner Rathaus keiner geben. Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD) hat Olympia-Unterstützer hierher eingeladen, um den Entscheid live zu verfolgen: Darf sich NRW oder München für Olympische Spiele bewerben? Darüber stimmt der DOSB auf einer Mitgliederversammlung in Baden-Baden ab und im Alten Rathaus läuft die Fernseh-Übertragung auf großer Leinwand.
Sogar eine Popcorn-Maschine und eine Candy-Bar, wo man sich Gummibärchen aus Gläsern picken kann, sind aufgebaut. Schon zwei Stunden vor der Entscheidung füllt sich der Saal - mit Stadträten, Referenten, Vertretern von Sportvereinen und Verwaltungsleuten. Köln, das sagen viele hier, hat mit seiner Olympia-Bewerbung aufgeholt. Und wer weiß, wie die Sportverbände am Ende entscheiden?
Freude, Parteigrenzen sprengt
Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) bekannt gibt, dass es München wird - und zwar mit einem deutlichen Abstand von 91 zu 50 Stimmen - jubelt, kreischt und klatscht der Saal. “München, München, München”, schallt es. Die SPD-Bürgermeisterin Verena Dietl umarmt auf der Bühne zuerst den Staatssekretär Sandro Kirchner von der CSU - und dann Bürgermeisterin Mona Fuchs von den Grünen, lange und herzlich. Die Freude, das sieht man da, sprengt Parteigrenzen.
“Ich bin völlig überwältigt”, ruft Dietl. “Meine Stimmung könnte nicht besser sein”, sagt Fuchs. Sie geht davon aus, dass Olympia für München einen “Quantensprung” auslösen könnte - so wie die Spiele 1972, mit denen München zur Großstadt wurde. CSU-Chef Manuel Pretzl spricht von einem “historischen Tag für München”. Nur, was heißt das alles genau - und wie geht es jetzt weiter?

Als OB Dominik Krause (Grüne) von Baden-Baden zurück nach München fährt, ruft er bei der AZ an. Sein erster Gedanke, als die Entscheidung bekannt gegeben wurde: “Mir ist ein großer Stein vom Herzen gefallen. Und dann habe ich gedacht: Jetzt können wir richtig loslegen.”
Kosten in Milliardenhöhe
München muss sich nun international durchsetzen. Gegen wen genau, ist unklar. Es heißt, in Europa haben auch Istanbul, Madrid, der Norden Großbritanniens Olympia-Pläne. Katar und Indien gelten als mögliche Kandidaten für Olympia 2036. Die Entscheidungen des IOC werden sich wohl noch Jahre hinziehen.
Gleichzeitig hat sich München viel vorgenommen. Ein neues Olympia-Dorf im Nordosten der Stadt, zahlreiche ÖPNV-Projekte und Sanierungen von Sportstätten stehen an. Kosten wird das alles viele Milliarden - die München nicht hat.
Als die ARD-Moderatorin Esther Sedlaczek im Fernsehen Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf die Finanzierung anspricht, antwortet er: “Der Freistaat Bayern, der kriegt das schon hin, gemeinsam mit dem Bund.” Und dann sagt er noch: “Das ist eine Chance für unser Land. Wenn es bei der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt am Geld scheitert - das wäre peinlich, das darf uns nicht passieren.” Söder bekommt dafür in Baden-Baden viel Applaus.
Und auch im Saal des Alten Rathauses freuen sich viele über diese Worte. “Olympia wird der Stadt vieles ermöglichen, was sonst nicht möglich gewesen wäre - etwa beim ÖPNV-Ausbau und beim Wohnungsbau”, sagt CSU-Chef Manuel Pretzl.
Zum Beispiel plant das Rathaus schon seit vielen Jahren an einer neuen Siedlung im Münchner Nordosten bei Daglfing. Vorwärts ging dabei in den vergangenen Jahren relativ wenig. Genau dort soll das Olympische Dorf hin - und Stadtbaurätin Elisabeth Merk (parteilos) erwartet sich nun einen Schub für das Projekt: “Wir können jetzt hoffentlich auch die Zweifler und Skeptiker mit ins Boot holen.”
Es gibt auch Widerstand
Widerstand kam von den Grundstücksbesitzern. Zur AZ sagt OB Krause, dass er mit den Eigentümern in den vergangenen Monaten sehr viele gute Gespräche geführt habe. “Ich gehe auch davon aus, dass die heutige Entscheidung einen Booster geben wird”, sagt Krause. Womöglich will im Nordosten am Ende keiner als Olympia-Verhinderer gelten. Theoretisch wäre es auch möglich, das Olympiadorf auch ausschließlich auf den Flächen zu bauen, die der Stadt gehören, sagt die Stadtbaurätin.
Sie sieht sich übrigens sehr gut vorbereitet: In den vergangenen Jahren fertigte ihr Referat zahlreiche Gutachten und Studien an - etwa zum Verkehr und zu den Grünflächen. Auch konkretere Pläne für das Olympiadorf gebe es: “Wir können sofort loslegen”, sagt Merk.

Und auf noch einen Mann kommt viel Arbeit zu: Mobilitätsreferent Georg Dunkel (parteilos) muss für Olympia gleich mehrere Verkehrsprojekte auf einmal planen: darunter sind eine Verlängerung der U4 zum neuen Olympiadorf und die neue U-Bahn U9, die die Stammstrecke entlasten soll. “Das ist das schwierigste Projekt”, sagt Dunkel. Fünf neue U-Bahnhöfe in der Innenstadt sind dafür geplant - unkomplizierter als die Stammstrecke, deren Kosten inzwischen auf elf Milliarden geschätzt werden, dürfte das nicht werden.
“Natürlich ist die U9 besonders komplex, weil sie durch das Herz der Stadt führt”, sagt auch Krause. Berücksichtigen muss man zum Beispiel die Wiesn - denn es ist ein neuer U-Bahnhof bei der Theresienwiese geplant.
Krause: “Nichts davon bereitet mir Kopfschmerzen”
Macht sich Krause nun, wenn er auf die lange Liste schaut, was alles für Olympia ansteht, doch auch ein paar Sorgen? “Nichts davon bereitet mir Kopfschmerzen”, antwortet er. “Es ist eine riesige Chance für die Stadt. Vor ‘72 hätte man auch sagen können: Uns ist die Herausforderung zu groß. Zum Glück hat man es nicht gemacht.”
Doch nur euphorisch sind nicht alle. “Ich freue mich”, sagt SPD-Chefin Anne Hübner zwar. Sie sagt aber auch, dass man nun darauf achten müsse, dass “den Preis für Olympia nicht am Ende die zahlen, die es in München eh schon schwer haben”.
Linken-Chef Stefan Jagel meint, es fehle ein Plan für die Bereiche, für die dann wegen Olympia Geld fehlen werde: etwa das Soziale, die Kultur, die Wohnungsförderung.
OB-Krause betont, dass sich die Kosten, die Spiele durchzuführen, selbst tragen würden - durch Ticket-Verkäufe und Sponsoring. Und die Infrastruktur-Projekte? Da habe er noch von niemanden gehört, dass die Stadt diese nicht angehen solle. Klar sei aber auch, sagt Krause, dass die Stadt Unterstützung von Freistaat und Bund brauche. “Finanzielle, aber auch rechtliche, um die Planungen zu beschleunigen.”
Wo er den Olympia-Erfolg feiern will, weiß Krause auf seiner Heimfahrt nach München noch nicht. Am morgigen Sonntag will er “zumindest eine Schaumige” trinken. “Wir haben ja noch eine Woche Wiesn vor uns. Da wird es schon noch Gelegenheit zum Feiern geben.”