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"Ein bisschen wie Andechs – nur näher an München": Hier entsteht ein neues Juwel

Aus einem verfallenen Gutshof wird ein autofreies Vorzeigedorf: In Freiham lässt die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung das historische Augustiner-Gut mit Kirche, Pferdestall, Fassmanufaktur, Brennerei, Museum und Gasthof neu aufleben – als familienfreundliches Ausflugsziel vor Münchens Toren. Ein AZ-Rundgang.
Nina Job
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Eine Schau ist es, wenn eines der Brauereipferde vor den Stallungen geduscht wird. Vier Pecherons sind aktuell im Gut zu Hause. Sie gehören der Stiftung. Die Pferdepfleger wohnen im Gebäude daneben.
Eine Schau ist es, wenn eines der Brauereipferde vor den Stallungen geduscht wird. Vier Pecherons sind aktuell im Gut zu Hause. Sie gehören der Stiftung. Die Pferdepfleger wohnen im Gebäude daneben. © Nina Job

Es ist noch gar nicht so lange her, da bröckelte von den Gebäuden der Putz und durch die undichten Dächer tropfte das Wasser. Eine Scheune drohte sogar einzustürzen. Es stand nicht so gut um das mittelalterliche Gut Freiham im Westen Münchens. Der Weiler, der in früheren Zeiten mal ein landwirtschaftliches Vorzeige-Gut gewesen war mit Kirche, Friedhof, Herrenhaus und Stallungen, gammelte in weiten Teilen vor sich hin.

Heruntergekommen: So sah das Gut (hier ein Stall) aus, bevor es von der Stiftung übernommen wurde.
Heruntergekommen: So sah das Gut (hier ein Stall) aus, bevor es von der Stiftung übernommen wurde. © AZ-Archiv

Bis 2014. Da kaufte die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung Gebäude um Gebäude und begann diese nach und nach zu sanieren. Auch wenn noch nicht alles fertig ist: Das alte Gut hat sich wieder zu einem Vorzeigeprojekt gemausert.

Ein Blick in die mustergültig herausgeputzten Stallungen.
Ein Blick in die mustergültig herausgeputzten Stallungen. © Ben Sagmeister

Der Edith-Haberland-Wagner-Stiftung gehören etwas mehr als 50 Prozent von Münchens ältester Privatbrauerei Augustiner. Ein großer Teil des Gewinns aus dem Bierverkauf fließt in gemeinnützige Projekte. Für Stiftungschefin Catherine Demeter ist Freiham ein Herzensprojekt. Sie ist die Ur-Ur-Ur-Urenkelin der Brauereigründer Anton und Therese Wagner. "Wir wollen hier eine Oase schaffen, einen Ort, an dem die Menschen ein bisschen ihre Sorgen vergessen können", sagt sie. "Freiham ist unser größtes Projekt bisher", ergänzt Zweiter Vorstand Martin Liebhäuser. Er hat die AZ herumgeführt.

Martin Liebhäuser ist der Zweite Stiftungsvorstand: "Freiham ist unser größtes Projekt bisher."
Martin Liebhäuser ist der Zweite Stiftungsvorstand: "Freiham ist unser größtes Projekt bisher." © Ben Sagmeister

Wer das Areal noch von früher kennt und länger nicht dort war, wird staunen, wie viel sich verändert hat. Als Erstes wurde die kleine Heilig-Kreuz-Kirche saniert. Am Eingang des Kirchhofes befindet sich das prächtige Grab des Reichsgrafen von Yrsch, auch das Familiengrab von Ex-Finanzminister Kurt Faltlhauser kann man hier finden.
Die Tür zur Kirche ist abgeschlossen, Martin Liebhäuser muss erst aufsperren. Viel Gold und Weiß strahlen dem Besucher entgegen. Der Innenraum wirkt, als sei er gerade erst fertig geworden, so frisch herausgeputzt wirkt er. Ursprünglich stammt die Kirche aus dem Mittelalter, 1760 wurde sie im Stil des Rokoko umgebaut.

Die Heilig-Kreuz-Kirche auf Gut Freiham: Das Rokoko-Kleinod ist inzwischen komplett renoviert worden.
Die Heilig-Kreuz-Kirche auf Gut Freiham: Das Rokoko-Kleinod ist inzwischen komplett renoviert worden. © Ben Sagmeister

Als die Stiftung übernahm, war die Kanzel heruntergebrochen, das Dach undicht und die Holzwürmer fraßen sich satt. "Die Monstranzen und eine Glocke waren gestohlen worden", erzählt Martin Liebhäuser. Das soll sich nicht wiederholen. "Heute ist hier alles alarmgesichert", betont er. Ab 2028 ist geplant, dass in der Kirche auch wieder Hochfeste gefeiert werden können. Schon heute können Münchner in dem kleinen Gotteshaus heiraten und Taufen feiern.

Brausebad, Villa, Alte Kongresshalle

Ein Hingucker: die Alte Kongresshalle. Foto: imago

Die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung prägt auch die Gegend rund um die Bavaria: 2007 kaufte sie die Alte Kongresshalle am Bavariapark. Drei Jahre später kam die Villa an der Theresienhöhe 14 dazu. Dieses Gebäude steht oberhalb der Theresienwiese, von dort sind es nur wenige Schritte zur Festwiese. Gebaut wurde das Haus für die Weltausstellung 1908. Später wohnte der Direktor der Alten Messe darin, auch städtische Beschäftigte arbeiteten hier.
In der dreijährigen Sanierungsphase verwandelte sich das Gebäude zu einer schmucken Villa. 2015 zog die Stiftung ein und hat hier seitdem ihren Sitz. Im Viertel blieb sie weiterhin aktiv: Gegenüber baute sie das Jugendhotel Augustin (Eröffnung 2019) mit dem Restaurant Fräulein Wagner. Am Bavariaring sanierte die Stiftung das Brausebad (gebaut 1894), das zuletzt nur noch als Klohäusl genutzt worden war. Heute ist es Münchens kleinste Wirtschaft „Das Bad“. Jüngstes Projekt ist ein Häusl, in dem einst der Wärter wohnte, der die Bavaria bewachte. Die Stiftung erwarb das „Wärterhäusl“ in Erbpacht. Nun ist es saniert und soll für ein Jugendprojekt genutzt werden.

Während der eineinhalbjährigen Sanierung in der Kirche wurden an der Schmiede nebenan Gebeine aus früheren Jahrhunderten gefunden. Der Friedhof sei früher rund angelegt gewesen, erklärt Liebhäuser. Die Gebeine wurden umgelagert und von einem Pfarrer wieder bestattet.

Auch ein kleines Schloss gehört zum Augustiner-Dorf.
Auch ein kleines Schloss gehört zum Augustiner-Dorf. © Nina Job

"Was für ein Juwel sich hier verbirgt"

Nach dem Gotteshaus wurden die Pferdestallungen saniert. "Wir wussten erst gar nicht, was für ein Juwel sich hier verbirgt", sagt Liebhäuser. Die Braurösser, Percherons, die zur Wiesn die Prachtgespanne ziehen, haben in Freiham nun riesige Boxen in einer dreischiffigen Säulenhalle. Ganz schön nobel ...

Himmlische Aktion

Wieder genauso schön wie vor dem Krieg: das rekonstruierte Deckenfresko im Alten Peter. Foto: imago

Die Rekonstruktion des Deckenfreskos im Alten Peter (Johann Baptist Zimmermann, 1753-56, im Krieg zerstört) war 1998 eine Spenden-Aktion, die in der ganzen Stadt Aufsehen erregt hat. Drei Millionen Mark kostete die Wiederherstellung – die Hälfte davon zahlte die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung. Der Rest kam auf Idee von Stadtpfarrer Herbert Kuglstatter ( † 2020) so zusammen: Der „Himmel“ im Alten Peter wurde quasi verkauft wurde: 1000 Mark pro halber Quadratmeter. Die himmlischen Parzellen fanden reißenden Absatz, die meisten Spenden kamen aus München, aber auch aus den USA. Im April 2000 wurde bereits der letzte Pinselstrich gezogen. Im strahlenden Deckenfresko mit seinem Konterfei verewigt: der Initiator der Spenden-Aktion und Augustiner-Grande Ferdinand Schmid.

Früher seien die Pferde auf diesem Gut Statussymbole gewesen, erzählt Liebhäuser, daher mussten auch die Stallungen was hermachen. Das ist nun auch wieder so und ein großes Logo der Stiftung prangt darin. Hat man als Besucher Glück, ist gerade Waschtag und man kann vom Dorfplatz aus zuschauen, wie die Pferdepfleger vor dem Stall eines der stattlichen Tiere abschrubben und duschen.

Handarbeit: In der Fassmanufaktur Schmid fertigen Schäffler die Fässer für Augustiner.
Handarbeit: In der Fassmanufaktur Schmid fertigen Schäffler die Fässer für Augustiner. © Ben Sagmeister

Gegenüber, auf der anderen Seite des Platzes, wird derweil mit vollem Körpereinsatz gearbeitet. In den sanierten Kuhstall ist die Fassmanufaktur Schmid eingezogen. Die Schäffler kochen Dauben, biegen, hämmern und sägen: Hier werden nun die Holzfässer fürs Augustiner-Bier angefertigt. Eine Etage tiefer lagern die vollen Fässer für die Biergärten – kühl bei 12 bis 15 Grad.

Rettung eines 680 Jahre alten Kleinods

Eingang zum Museumsstüberl im ältesten Bürgerhaus Münchens. Foto: imago

Sterneckerstraße 2: 1999 kaufte die Stiftung Münchens ältestes Bürgerhaus Es ist ein Wunder, dass dieses Kleinod überhaupt erhalten geblieben war: das aus mehreren Bauteilen bestehende, spätgotische Bürgerhaus in der Sterneckerstraße 2. Die ältesten Teile reichen übrigens bis ins Jahr 1346 zurück, womit es Münchens ältestes Bürgerhaus ist. Um 1570 wurde das Haus um- und ausgebaut, 1595 noch um zwei Etagen erhöht. Prunkstück ist die 450 Jahre alte Himmelsleiter, deren 46 Stufen vom Erdgeschoss in den vierten Stock führen. 1999 erwarb die Edith-Haberland-Wagner Stiftung das Bürgerhaus. Nach einer langen, aufwendigen Planungs- und Bauphase wurde im September 2005 das heutige Bier- und Oktoberfestmuseum mit vielen Ausstellungsgegenständen aus dem ursprünglichen „Deutschen Brauereimuseum“ (das seinen Sitz in der Burgstraße am Alten Hof hatte) und ein gastronomischer Betrieb, das Museumsstüberl, eröffnet. Beim Fassadenpreis-Wettbewerb 2005 der Landeshauptstadt München wurde das Schmuckstück ausgezeichnet.

Es gibt noch mehr zu entdecken auf dem Gut. Wer online eine Führung (Preis: 15 Euro) bucht, kann unter anderem die nagelneue Schnapsbrennerei besichtigen. Augustiner beziehungsweise die Stiftung brennt in Freiham seit 2024 Obstbrände und Whisky. Auch Führungen mit Bier- oder Schnapsverkostung werden angeboten (25 Euro).

Noch ein Kleinod: Die nagelneue Schnaps-Brennerei.
Noch ein Kleinod: Die nagelneue Schnaps-Brennerei. © Bernd Wackerbauer

Als letzte Immobilie auf dem Gutsgelände hat die Stiftung 2021 das Schloss (ursprünglich von 1680) gekauft. Darin war zuletzt eine US-Firma, die von dort Kosmetikprodukte vertrieb. Künftig soll das Schloss wieder für öffentliche Konzerte und Veranstaltungen genutzt werden.

Millionen für Klenzes Prunkstück

Prächtig: die gelbe Treppe in der Residenz. Foto: imago

Spiegelnd geschliffener gelber Stuckmarmor erstrahlt den repräsentativen Treppenaufgang und die über ihm liegende zwölf Meter hohe imposante Kuppel: Seit 2021 ist die „gelbe Treppe" in der Residenz, ein architektonisches Glanzlicht von Leo von Klenze, wieder zu bewundern. Im Krieg wurde das Schmuckstück zerstört. Da der ursprüngliche Zustand aber lückenlos dokumentiert war, konnte der Hauptzugang zu den königlichen Appartements im Königsbau der Residenz originalgetreu wiederaufgebaut werden. An den Baukosten in Höhe von 6,5 Millionen Euro beteiligte sich die Haberland-Wagner-Stitfung mit einem Spende von 3,08 Millionen Euro. Zudem spendierte sie 150.000 Euro für die Restaurierung der historischen Marmorkandelaber. Die Stiftung hatte das lange geplante Bauvorhaben insgesamt 13 Jahre lang begleitet.

Außerdem ist noch ein echtes Highlight geplant: Ein Museum, in dem es um die vier Elemente gehen wird, kündigt Catherine Demeter an. Zwei Räume wird der amerikanische Lichtkünstler James Turrell gestalten. "Das wird sensationell", freut sich Demeter. Turrell hat bereits dem Freisinger Diözesanmuseum eine spektakuläre Installation beschert.

Ich bin sehr hoffnungsvoll, dass wir dieses offene Thema kurzfristig lösen.

Jan-Christian Dreesen

"Ein bisschen wie Andechs – nur näher an München"

Die Edith-Haberland-Wagner-Stiftung will mit Freiham ein Ausflugsziel für Familien schaffen. "Ein bisschen wie Andechs" soll es werden, sagt Demeter, "nur näher für die Münchner".

Eine gescheite Wirtschaft gibt's freilich auch: "Zum Gustl" heißt sie, passend zu Augustiner.
Eine gescheite Wirtschaft gibt's freilich auch: "Zum Gustl" heißt sie, passend zu Augustiner. © Nina Job

Ein Gasthof mit Biergarten gehört da selbstverständlich auch dazu. Passend zu Augustiner heißt er "Zum Gustl". Im angegliederten Hofladen gibt es unter anderem die Obstbrände. Kinder können sich auf drei Spielplätzen austoben. Und einen großen Parkplatz gibt es in Freiham auch. Das Augustiner-Dorf selbst ist autofrei.

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