Dieter Reiter verliert OB-Wahl: FC-Bayern-Debatte als Grund für die Niederlage ?
"Es ist ein bitterer Abend für mich." So beginnt Oberbürgermeister Dieter Reiter seine Rede auf der Bühne des Oberangertheaters, wo seine SPD mit ihm eigentlich feiern wollte. Doch da ist schon seit gut 20 Minuten klar: Zu feiern hat die SPD an diesem Sonntag nichts. Reiter hat die Wahl verloren. Der Münchner OB wird bald Dominik Krause heißen. Reiter kommt nur auf 43,6 Prozent.
Bitter für Reiter? "Für uns!", brüllt ein SPDler dazwischen. "Da wäre ich schon noch drauf gekommen", entgegnet Reiter unwirsch, fast ein bisschen patzig. Man merkt schnell, wie sehr ihn das Ergebnis berührt. "Ich hab’s verbockt. Es ist meine Schuld", sagt er. Dann bedankt er sich bei seiner Partei, seinen Wählern, wünscht dem Wahlsieger Krause viel Glück und kündigt an: "Das ist der letzte Tag meiner politischen Karriere." Danach – nach nicht einmal zwei Minuten – verlässt Dieter Reiter das Oberangertheater mit seiner Frau Petra wieder.

Kurz vor Weihnachten hat die AZ noch einen sehr selbstbewussten OB Reiter zum Interview in seinem Büro im Rathaus getroffen. Ob er sich frei nehme für den Wahlkampf, wollte die AZ wissen. Da wehrte der OB ab. Er sei eh jeden Tag draußen, rede mit den Bürgern. Mehr als ein, zwei Veranstaltungen wolle er nicht machen, sagte er. Sein Gesicht und ein "Passt" auf dem Plakat würden reichen, die Wahl zu gewinnen. So war damals seine Stimmung.
Turbo-Wahlkampf in der letzten Woche
Drei Monate später zeigt sich: Da hat sich Dieter Reiter getäuscht. Trotz Turbo-Wahlkampf in der vergangenen Woche, trotz seiner großen Rosen-Verteil-Aktion vor Einkaufszentren, auf Wochenmärkten, an U-Bahn-Stationen, morgens, mittags, nachmittags gelingt es ihm nicht, die Wähler zu überzeugen. Für diesen Wahlkampf-Endspurt nahm sich Reiter sogar doch Urlaub. Das Rathaus führte derweil sein Stellvertreter und Herausforderer Dominik Krause von den Grünen. Plötzlich schrieben nicht nur die AZ, sondern auch der „Spiegel“, „Die Zeit“, „Der Stern“, dass der 35-jährige Krause Chancen habe, der erste grüne OB Münchens zu werden.
Von einem Kopf-an-Kopf-Rennen gehen an diesem Wahlsonntag viele aus – "das der Dieter aber natürlich gewinnen wird". So klingen um 18.30 Uhr noch viele Sozis, mit denen die AZ im Oberangertheater spricht. Und dann kommt es doch ganz anders: Krause gewinnt deutlich.
"Noch nie hat eine Niederlage so weh getan"
"Es ist schwer, Worte zu finden", sagt SPD-Fraktionschefin Anne Hübner zur AZ, als die ersten Prognosen einlaufen, als sich anbahnt, dass Krause mindestens zehn, zwölf Prozentpunkte vorn liegen wird – so viel jedenfalls, dass sich an diesem Abend nichts mehr drehen wird. Als Sozialdemokratin sei sie Niederlagen gewohnt, sagt Hübner. "Aber noch nie hat eine so weh getan. Für die SPD war es immer selbstverständlich, dass wir den Oberbürgermeister stellen. Vielleicht war es zu selbstverständlich."

Was Dieter Reiter so einen Dämpfer verpasst hat? Schon im ersten Wahlgang am 8. März erhielt er mit 35,6 Prozent der Stimmen sein persönlich schlechtestes Ergebnis. Es war auch das schlechteste Ergebnis aller SPD-OB-Kandidaten seit 1952.
Ein Grund dafür ist, dass kurz vor dieser Wahl öffentlich wurde, dass Reiter für seine Tätigkeit im Verwaltungsbeirat des FC Bayern jährlich 20.000 Euro dazu verdient hatte. Diese Nebeneinkünfte hatte er nicht vom Stadtrat genehmigen lassen. Zudem ließ er sich in den Aufsichtsrat des Fußballkonzerns wählen, wo es wohl noch deutlich mehr Geld gegeben hätte. Auch ohne Genehmigung.
Viele Fragen bleiben unbeantwortet
Den Chef der Linken, Stefan Jagel, der im Stadtrat dazu Fragen stellte, verlachte Reiter, nannte ihn einen "Spaßvogel", behauptete, bloß als Gast in der Aufsichtsratssitzung gewesen zu sein. Obwohl er bereits gewählt worden war. Erst Tage später und auch nur scheibchenweise rückte Reiter langsam mit der Wahrheit heraus. Er trat von seinen Ämtern beim FC Bayern zurück und kündigte an, das erhaltene Geld (90.000 Euro) zu spenden. Viele weitere Fragen zur Nebentätigkeit blieben unbeantwortet.
SPDler meinen: Es lag nicht nur an der FC-Bayern-Debatte
Dass nur die FC-Bayern-Geschichte schuld am Ergebnis sei, daran glaubt SPD-Wirtschaftsreferent Christian Scharpf nicht. Eher glaubt er, dass die Münchner – obwohl die Stadt gut da stehe – eine Veränderung, einen Aufbruch, einen jüngeren Kandidaten wollten.
Später irgendwann müsse die SPD das genauer analysieren, meint Scharpf.
Andere sprechen es deutlicher aus: "Dieter Reiter hat in den vergangenen Monaten einsame Entscheidungen getroffen", sagt Markus Lutz, der Chef des Sendlinger Bezirksausschusses. "Natürlich hatte die Debatte um den FC Bayern einen starken Einfluss."
Aber eben nicht nur. Da war zum Beispiel auch das Hin und Her bei Tempo 30 auf der Landshuter Allee. Die plötzliche Abkehr von den "Städtebaulichen Entwicklungsmaßnahmen" (SEM), mit der das Rathaus eigentlich große Siedlungen im Münchner Norden und Nordosten voranbringen wollte. Reiter erklärte diese Maßnahmen, an denen viele im Rathaus seit Jahren arbeiteten, plötzlich für beendet – per Pressemitteilung.

Dass die SEM Teil des SPD-Wahlprogramms ist? "Da haben Sie das Wahlprogramm besser gelesen als ich", entgegnete Reiter, als ein "SZ"-Journalist ihn darauf ansprach. Sollte lässig klingen. Doch bei den eigenen Leuten kam das nicht gut an.
Was aber womöglich entscheidender gewesen sein dürfte: seine fehlende Bereitschaft Wahlkampf zu führen.
"Ein OB muss auf die Straße gehen"
"Wenn Dieter Reiter den Wahlkampf der vergangenen zwei Wochen vorher gemacht hätte, wäre es wohl anders ausgegangen", sagt Lutz. "Ein OB muss auf die Straße gehen."
Dabei sei, meint ein anderer SPDler, genau das immer Reiters große Stärke gewesen: mit den Leuten auf Augenhöhe zu sprechen. Ganz egal, ob das Gegenüber eine Kassiererin bei Aldi ist oder ein BMW-Boss. Reiter sei nie ein Politiker gewesen – sondern ein Menschenfänger.
Nur hatte Reiter auf diese Gespräche mit den Münchnern, aber auch mit seiner eigenen Partei in den vergangenen Monaten immer weniger Lust.
Wann das einsetzte? So genau kann dieser SPDler das nicht benennen. Irgendwann nach Corona? Irgendwann nach Ausbruch des Ukraine-Krieges? Vielleicht gab es nicht diesen einen Moment. Vielleicht war es eher ein schleichender Prozess.
Reiter habe sich unbesiegbar gefühlt – und so einer muss doch keine Rücksicht nehmen aufs Parteiprogramm, so einer hat es doch nicht nötig, sich an Infoständen die Füße platt zu stehen. Das führte zu allerlei Frust bei den Genossen.
"Die Münchner Sozialdemokratie hat noch mehr zu bieten als Dieter Reiter"
Kein SPDler, mit dem die AZ an diesem Abend im Oberangertheater spricht, scheint mit Reiter persönlich Mitleid zu haben. "Die Münchner Sozialdemokratie hat noch mehr zu bieten als Dieter Reiter", sagt Bürgermeisterin Verena Dietl. Sie erinnert im Gespräch mit der AZ an ihr persönlich gutes Ergebnis bei der Wahl vor zwei Wochen.
Und SPD-Chef Christian Köning erinnert daran, dass 1978 die SPD schon einmal eine OB-Wahl verlor. "Damals wegen internen Streitigkeiten. Diesmal aufgrund mangelnden Vertrauen und Glaubwürdigkeit." Damals eroberte der SPDler Schorsch Kronawitter nach sechs Jahren das Rathaus wieder zurück. Und zumindest Köning gibt sich an diesem Abend zuversichtlich, dass das wieder klappen kann.
SPD will Verantwortung übernehmen
Doch jetzt liege die Verantwortung bei Dominik Krause, sagt Köning. "Er muss jetzt darlegen, für wen mehr gehen soll." Angesichts der schlechten finanziellen Lage werde der neue OB Prioritäten setzen müssen. "Und da ist es natürlich die Frage, ob wir dem zustimmen können", meint Köning.
Bürgermeisterin Dietl spricht es weniger verklausuliert aus. Auch wenn Krause die Regierung bilden müsse – verwehren werde sich die SPD bestimmt nicht. "Das Wahlergebnis vom 8. März war eine Bestätigung unseres Bündnisses", sagt Dietl. Grüne, SPD und Volt, die jetzt miteinander regieren, haben eine Mehrheit. Und einige an diesem Abend teilen Dietls Meinung. Die SPD will weiter regieren – wenn auch ohne Oberbürgermeister Dieter Reiter.

