Interview

CSU-Urgestein Hans Podiuk: "Staubsaugen kann ich jetzt"

Wie lebt man als früher mächtiger Stadtpolitiker in Rente? CSU-Urgestein Hans Podiuk (75) über Hinterzimmergeschichten, Hausarbeit – und was sich nicht gehört nach einem Rathaus-Abschied.
| Irene Kleber
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Hans Podiuk, nach eineinhalb Jahren als Polit-Pensionär um zwölf Kilo verschlankt in seinem Wohnzimmer.
Hans Podiuk, nach eineinhalb Jahren als Polit-Pensionär um zwölf Kilo verschlankt in seinem Wohnzimmer. © Bernd Wackerbauer

München - Die Melancholie ist weg. Als Hans Podiuk zur Begrüßung vom Stuhl aufsteht hinter dem rotweiß eingedeckten Zweier-Tischlein ganz hinten im Restaurant La Valle, strahlt er fröhlich und erkennbar viel schlanker als noch vor anderthalb Jahren. Man könnte fast sagen: drahtig.

Die kleine Nische im ersten Stock beim Italiener in der Sparkassenstraße, gleich hinterm Rathaus, ist jahrzehntelang sein geheimer Lieblingsplatz gewesen. Mindestens zwei Mal die Woche saß der CSU-Politiker hier im Stillen, mit Journalisten, Parteifreunden, politischen Gegnern oder anderen, mit denen er nicht unbedingt von Hinz und Kunz gesehen werden wollte.

Zwei Mal die Woche ist Podiuk an diesem Tisch im La Valle mit Journalisten und anderen gesessen, mit denen er nicht gesehen werden wollte.
Zwei Mal die Woche ist Podiuk an diesem Tisch im La Valle mit Journalisten und anderen gesessen, mit denen er nicht gesehen werden wollte. © iko

Seit einem Jahr ist Schluss

42 Jahre war er ehrenamtlicher Stadtrat neben seinem Job als Beamter im Umweltministerium. Davon 13 Jahre Fraktionschef und ein Mal, 2002, sogar OB-Kandidat. Seit seine Rathauszeit im März 2020 zu Ende ging - wegen des Lockdowns ganz ohne Feierlichkeiten - ist er nicht mehr bei seinem Lieblingsitaliener gewesen.

AZ: Herr Podiuk, "man sitzt ohnmächtig zu Hause und kann keinen Einfluss mehr nehmen" haben Sie bei unserem letzten Gespräch zum Abschied aus dem Rathaus gesagt. Sie sehen gar nicht mehr traurig aus, täuscht das?
HANS PODIUK: Das täuscht überhaupt nicht. Man gewöhnt sich an alles, auch ans Aufhören. Das Gute ist ja, der Druck ist weg. Ich bin heute zwölf Kilo leichter, weil ich nicht mehr den ganzen Tag Ärger im Stadtrat habe und danach spät essen muss. Aber ein Jahr hat der innere Abschied schon gebraucht.

Wie oft telefonieren Sie noch mit Manuel Pretzl, dem aktuellen CSU-Fraktionschef?
Nicht mehr oft. Das letzte Mal vor zwei Wochen. Da ging es aber um nichts, was mit der aktuellen Arbeit zu tun hat.

Sie sind 500 Mal in der Stadtratsvollversammlung gesessen. Schauen Sie heute online zu?
Ja, mache ich. Außer, es passiert etwas Wichtigeres.

Wie eine Söder-Ansprache?
Zum Beispiel. Oder eine wichtige Debatte im Bundestag.

Um 1982 mit CSU-Übervater Franz Josef Strauß bei einem Radrennen:Podiuk (2.v.r.) mit einem Brillenmodell, das ihn viele Jahre begleitet.
Um 1982 mit CSU-Übervater Franz Josef Strauß bei einem Radrennen:Podiuk (2.v.r.) mit einem Brillenmodell, das ihn viele Jahre begleitet. © AZ-Archiv

Hans Podiuk: "Spannendes wird im Hinterzimmer verhandelt"

Wie schlägt sich Ihre CSU denn als Opposition im Stadtrat?
Als Opposition hat man weniger mediale Aufmerksamkeit, das war natürlich anders in den schwarz-roten Regierungsjahren davor. Die eigentlich spannenden Dinge, das, was in den Hinterzimmern ausverhandelt wird, auch zwischen den Fraktionen, was auf den Rathausfluren passiert, was an Hinweisen so kommt, das kann ich nicht mehr beurteilen.

Hinweise aus der Verwaltung meinen Sie?
Wenn man gute Drähte pflegt, erfährt man, wenn eine Vorlage zur Entscheidung im Stadtrat auf Druck von oben so oder so formuliert worden ist und wichtige Dinge verharmlost oder weggelassen worden sind.

Damit der Stadtrat im Sinne des Referenten oder des Oberbürgermeisters entscheidet und nicht weiter nachfragt?
Richtig. Das bekomme ich heute nicht mehr mit, leider. Ich bin nicht mehr auf dem Schiff.

Fällt Ihnen von den jungen, neuen Stadträten jemand auf, der politisches Talent hat?
In den Vollversammlungen sieht man das nicht, weil hier ja in der Regel die altbekannten Stadträte als Redner vortreten, da können sich die Jungen noch nicht profilieren.

Trotz Pension ist der Tag durchgeplant

Wie empfinden Sie das Corona-Management der Stadt?
Es ist leicht, Kritik zu üben, wenn man keine Verantwortung trägt. Ich möchte das heute von außen nicht mehr tun.

Stehen Sie eigentlich immer noch jeden Tag um 5 Uhr auf und schwingen sich zum Radlfahren 20 Minuten auf den Hometrainer im Keller?
Nein, das mache ich jetzt um Dreiviertelsieben, aber ich schau beim Radeln immer noch die Morgennachrichten im Fernsehen. Um acht lese ich weiter die Zeitungen beim Frühstück. Da gibt's Käs- und Lachsbrote und immer Nüsse. Die Gehirnnahrung brauch ich, sagt meine Frau. Danach geht's zum Waldspaziergang, eineinhalb Stunden, es sind ja nur 250 Meter zum Truderinger Wald.

Podiuk: "Meine Frau und ich sind jetzt intensiver zusammen"

Tapfer jeden Tag, immer derselbe Weg?
Außer wenn's regnet oder schneit. Der Truderinger Wald hat Gott sei Dank sechs, sieben Wege, die ich gehen kann.

2002 treibt Podiuk Späße mit Alt-Kanzler Helmut Kohl.
2002 treibt Podiuk Späße mit Alt-Kanzler Helmut Kohl. © privat

"Noch störe ich nicht zuhause" - das haben Sie kurz nach dem Ende Ihrer Amtszeit gesagt. Stören Sie inzwischen?
Jetzt ist die Hannelore froh, dass ich da bin. Man ist intensiver zusammen. Wann haben wir früher geratscht? Zum Frühstück und spät am Abend, und vielleicht mal am Wochenende, wenn nicht gerade 75. Schützenjubiläum war.

Welche Jobs haben Sie jetzt zu Hause?
Ich hab dazugelernt. Ich darf Rasenmähen, 600 Quadratmeter. Zwischenzeitlich kann ich auch mit dem Staubsauger durchs Haus gehen.

Podiuk: "Ich helfe im Haushalt und fahre zum Einkaufen"

Das haben Sie nie gemacht?
Nie. Ich räume jetzt auch die Spülmaschine aus und weiß, wo welche Tassen hingehören. Und ich fahre zum Einkaufen.

Was kostet der Liter Milch?
Weiß ich immer noch nicht. Meine Frau hat mich drauf trainiert, dass ich Ablaufdaten genau anschaue. Da wirst du neu eingewiesen.

Sie sind ja auch noch Verwaltungsratschef des Bundes der Steuerzahler in Bayern. Was machen Sie da?
Das beschäftigt mich schon noch so 20 Stunden in der Woche. Ich bespreche mich mit dem Präsidenten und Vizepräsidenten, ich leite den Arbeitskreis Haushalt und Kommunales. Früher ist man da zusammengetreten, jetzt muss man mit allen telefonieren.

Die Vereinsmitgliedschaften sind geblieben

Was ist da Ihr großes Thema?
Im Moment geht es vor allem um Schwarzbuchthemen, also Steuerverschwendung. Und die Analyse, wie die Steuerpläne der Ampelregierung zu bewerten sind.

Sie haben früher 30 Reden im Monat gehalten.
Drei im Monat sind das immer noch, ich habe schon noch ein bissl zu tun.

Was ist aus Ihren 35 Vereinsmitgliedschaften geworden als CSU-Stadtrat?
Ich bin bei keinem ausgetreten.

Podiuk: "Inzwischen reichen zwei Espressi"

Sie zahlen 2500 Euro Beiträge im Jahr, obwohl Sie die Wählerstimmen aus den Vereinen gar nicht mehr brauchen?
Austreten, ich find, das gehört sich nicht. Die Vereine haben es eh derzeit nicht leicht. Ich höre von vielen Kündigungen, vor allem bei den Sportvereinen, weil es wegen Corona viele Angebote nicht mehr gibt.

Gibt es das berühmte Zwei-plus-Vier noch, den doppelten Espresso mit vier Stück Süßstoff, den Sie sieben Mal am Tag getrunken haben zu jeder Sitzung und jeder Besprechung?
Gibt's noch. Heute komme ich mit zwei davon zurecht, einen nach dem Waldspaziergang, einen nach dem Mittagessen. Es gibt ja heute keinen Grund mehr, dass ich immer wieder fit sein muss.

Jetzt mal ehrlich, wie weit sind Ihre Memoiren, die Sie angeblich nicht schreiben wollen?
Ich glaube, das schenk ich mir. Erstens versteht so einen Stoff bloß, wer ihn miterlebt hat. Zweitens müsste man Hintergründe erzählen. Da bleibt vieles besser unter Verschluss.

Podiuk: "Wir wollten  mit der Abstimmung den Koalitionsfrieden stören"

Eine "Verschluss"-Anekdote könnten Sie jetzt aber doch erzählen.
Wissen Sie, warum im Großen Rathaus-Sitzungssaal das Monumentalgemälde der Monachia vom Karl von Piloty wieder aufgehängt worden ist?

Nein, das kam irgendwann ums Jahr 2000 da hin, für sehr viel Geld, oder?
Ich sag's Ihnen. Das Gemälde ist 15 Meter lang und teils über vier Meter hoch. Es war ein halbes Jahrhundert eingerollt in einem Lager gelegen, und man hat uns damals gesagt, es würde fast eine Million D-Mark kosten, es zu restaurieren und wieder an seinen Platz zu hängen. Der damalige SPD-OB Christian Ude wollte die Summe auf keinen Fall ausgeben.

Aber?
Eine damalige CSU-Kollegin, die gute Drähte über den Flur hatte, hat mir erzählt: Aber die Grünen würden mitmachen! Also haben wir als CSU mit den Grünen für die Millionen-Investition zur Restaurierung gestimmt, eigentlich bloß, um den OB zu ärgern und seinen rot-grünen Koalitionsfrieden zu stören.

Podiuk: "Es ist alles machbar"

Christian Ude wird's heute verkraften. Eins noch. Zu Ihrem Siebzigsten vor fünf Jahren sagten Sie: Ich würde gern noch erleben, wie die CSU den Oberbürgermeister stellt.
2026, bei der nächsten OB-Wahl, wäre ich 80 Jahre alt. Dieter Reiter von der SPD tritt nicht mehr an. Alles machbar.

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Mit welchem CSU-Kandidaten?
Kandidaten wachsen nicht auf den Bäumen. Die jeweiligen Staatsminister haben das während meiner Amtszeit immer abgelehnt. Es muss jemand mit Bekanntheitsgrad sein, der sich den Ärger antun will, OB zu sein. Es könnte jemand aus dem Landtag sein, auch Kristina Frank könnte einen zweiten Anlauf nehmen.

Wen würden Sie denn der SPD als Nachfolger für Dieter Reiter empfehlen, aus dem aktuellen SPD-Personal?
Darauf wird es nicht ankommen bei der nächsten Wahl. Unser Gegner wird aus heutiger Sicht bei den Grünen sein. Und Bürgermeisterin Katrin Habenschaden baut sich ja aktuell geschickt auf.

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