Christine Strobl, die bodenständige Bürgermeisterin

Christine Strobl hat die Stadtpolitik über Jahrzehnte geprägt. Am Dienstag wird sie 60 Jahre alt. Wie sich ihre Mitstreiter und Gegner von einst erinnern - und: Was die Jubilarin noch vor hat.
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Frauen, die anpacken: Das Schild ist ein Geschenk der Gleichstellungsstelle, das Christine Strobl aus dem Rathaus mit in den Ruhestand genommen hat.
Frauen, die anpacken: Das Schild ist ein Geschenk der Gleichstellungsstelle, das Christine Strobl aus dem Rathaus mit in den Ruhestand genommen hat. © AZ-Archiv/Daniel von Loeper

München - Lange ist sie noch gar nicht weg. Noch nicht einmal ein Jahr ist es her, dass Christine Strobl ihren Bürgermeister-Schreibtisch im Rathaus geräumt hat. Und doch kommt es einem wie eine Ewigkeit vor. Das mag auch an Strobls Art liegen, daran, wie sie Politik verstanden hat.

Strobl feiert bald ihren 60. Geburtstag

Denn Strobl, die am Dienstag 60 Jahre alt wird, kommt aus einer ganz anderen Welt als die nachrückende Politikergarde. Dass sie sich in einer Twitter-Debatte verhedderte, eine Foto-Inszenierung für Instagram als den wichtigsten Termin des Tages ansähe, nein, sowas hätte Christine Strobl nicht gut zu Gesicht gestanden.

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Denn Strobl, die 14 Jahre lang Zweite und Dritte Bürgermeisterin war, wollte vor allem ihre Schul- und Sozialpolitik machen. Das wirkte gelegentlich ein bisserl humorlos, vor allem aber war sie stets eine sehr ernsthafte Sozialdemokratin. Strobl bewahrte sich ihre bescheidene Bodenständigkeit, war eine der letzten im Rathaus, die ganz selbstverständlich Münchnerisch sprachen.

Neben all den ehrgeizigen Alpha-Männern fiel sie gerade dadurch auf, dass sie sich wenig in den Vordergrund drängen musste. So erinnern sich übrigens auch die Alpha-Männer selbst. Christian Ude etwa, der Alt-OB, klingt ehrlich anerkennend, wenn er sagt, Strobl sei immer "äußerst loyal und fleißig" gewesen.

"Sie konnte auch unbequem sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat"

Ude sagt aber auch, er glaube, Strobl habe sich öfter geärgert, weil für sie immer die Sacharbeit im Vordergrund stand, die dann aber so wenig in der Öffentlichkeit aufgetaucht sei - Ude meint wohl: verglichen mit den Aktionen der Lautsprecher-Kollegen. Die CSU-Bürgermeister, die mit ihr gemeinsam regierten, drücken sich etwas verhaltener aus als Ude - und doch muss man vom politischen Gegner wohl auch das, was sie sagen, als Kompliment verstehen.

"Sie konnte auch unbequem sein, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat", erinnert sich Manuel Pretzl, heute CSU-Fraktionschef im Rathaus. Und Josef Schmid, inzwischen Landtagsabgeordneter, sagt: "Christine Strobl war eine leidenschaftliche, oft auch emotionale Kämpferin." Für ihn als Wirtschaftsbürgermeister sei sie "oft ein harter Brocken" gewesen. "Wenn ich Flächen für Gewerbe wollte, hat sie immer noch auf Schul- und Kitabau gepocht." Das soziale Gewissen Christine Strobls ist es auch, das ihre Parteifreundin und Nachfolgerin als Dritte Bürgermeisterin, Verena Dietl, würdigt. "Sie hat mich sehr geprägt", sagt Dietl, "zum Beispiel darin, dass wir immer darauf schauen müssen, dass in unserer Gesellschaft keine Menschen verlorengehen."

Strobl ging es laut Ude immer um den "pragmatischen Fortschritt"

Christian Ude, selbst oft genervt vom Theoretisieren in seiner Partei, erinnert sich, dass Christine Strobl schon Ende der 80er als Juso-Vorsitzende dadurch aufgefallen sei, "dass es ihr nicht um theoretische Luftblasen ging, sondern um ganz pragmatischen Fortschritt." Den gab es in ihrem Themenbereich dann auch viel in ihren langen Amtsjahren, von der Schulbauoffensive bis zur Kinderbetreuung. Und jetzt, mit 60? Da gibt sich Strobl, die selbst schwere Schicksalsschläge hinter sich hat, 2009 an Brustkrebs erkrankte, wie man sie kennt - äußerst bescheiden.

Zum Geburtstag kommen ihre Kinder, eines zum Kaffee, eines abends, "was vom Italiener holen". Was sie vorhat, im neuen Lebensjahr? Wenn es die Umstände zulassen, sagt Strobl, freue sie sich darauf, mal mit Freunden einen Ausflug zu machen, ins Lokal zu gehen "oder einfach in der Stadt rumzufahren". Hätte einen auch gewundert, wenn diese bodenständig-bescheidene Bürgermeisterin mit 60 plötzlich Luxusreisen und extravagante Hobbys entdeckt hätte.

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