Spazieren zu Münchens Künstlerhäusern: Boheme und Bürgerlichkeit in Schwabing

In der letzten Folge der AZ-Serie "Spazieren zu Künstlerhäusern" flanieren wir durch Schwabing.
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Sollte einmal abgerissen werden, Bürger haben es verhindert: die Seidlvilla
Sollte einmal abgerissen werden, Bürger haben es verhindert: die Seidlvilla © Thomas Stankiewicz

München - Hier wohnten und wirkten Künstler, die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt sind. Geschichtsträchtige Orte sind das, die Sie ganz einfach bei einem Spaziergang besuchen können. Denn alle in einer Folge vorgestellten Häuser sind fußläufig.

Fußläufig erreichbar: die Häuser in Schwabing.
Fußläufig erreichbar: die Häuser in Schwabing. © Google Maps/anf

Kandinskys Schwabing: Kandinskys Wohnhaus, Friedrichstraße 1

Heute ist der Georgenhof an der Friedrichstraße, Kandinsky hatte hier eine teure Wohnung.
Heute ist der Georgenhof an der Friedrichstraße, Kandinsky hatte hier eine teure Wohnung. © Thomas Stankiewicz

Im Sommer 1901 bezog der 35-jährige Wassily Kandinsky, Sohn eines Moskauer Teefabrikdirektors, zusammen mit seiner Cousine und Ehefrau Anna Semjakina eine teure Wohnung im Haus Friedrichstraße Nr. 1 (heute "Georgenhof"), wo er bis 1904 wohnte. Er sollte die Kunst revolutionieren. Im selben Jahr hat sich ein anderer revolutionärer Russe in der nahen Kaiserstraße eingemietet; er sollte als Lenin bekannt werden.

Kandinsky, 1913.
Kandinsky, 1913. © gemeindefrei

Der Jurist Kandinsky gründete - nach Ausbildung bei Stuck und im Gartenhaus eines alternativen Slowenen - unter dem Namen "Phalanx" eine eigene Malschule, wo er eine Schülerin namens Gabriele Münter kennenlernte. Heute bereichern beide Künstler viele Museen, vor allem das Lenbachhaus.

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Die Simpl-Villa: Gulbransons Wohnhaus, Mandlstraße 8

In dem Eckhaus sind viele Karikaturen entstanden.
In dem Eckhaus sind viele Karikaturen entstanden. © Thomas Stankiewicz

Die verkehrsarme Mandlstraße, benannt nach einem kurfürstlichen Kanzler, ist gewiss eine der schönsten Wohnstraßen Münchens. Auf der einen Seite grenzt sie an Altschwabing, auf der anderen an den idyllischen Schwabinger Bach und den Englischen Garten. Klar, dass sich hier bekannte Leute, Künstler zumal, niedergelassen, ja geradezu versteckt haben.

Olaf Gulbransson in den 50er Jahren.
Olaf Gulbransson in den 50er Jahren. © imago/ZUMA/Keystone

Im Eckhaus Nr. 8 zum Beispiel der Karikaturist Olaf Gulbransson (1873 - 1958). Ihn hatte der Verleger des "Simplicissimus", Albert Langen (1869 - 1909) aus Norwegen angeworben. Als sein Lieblingszeichner 1906 wieder auszog, kaufte Langen die komplette Villa und ließ sie als Verlagssitz umbauen. Später wohnte dort auch Ferdinand von Reznicek, der für das erotische Fluidum des Satireblattes sorgte.

Kubins "liebstes Pflaster": Kubins Wohnhaus, Mandlstraße 26

Für den österreichischen Zeichner und Schriftsteller Alfred Kubin (1877 - 1959) war die Mandlstraße "das liebste aller Pflaster in der schönsten aller Städte". In den zweieinhalb Jahren, die er das Mietshaus Nr. 26 bewohnte, war er "nun ein ganz richtiger Maler geworden". 1909 war er Mitgründer der Neuen Künstlervereinigung München, die dem Blauen Reiter voranging.

Eine Tafel erinnert noch an Kubin. Heute ist Gewerbe hier.
Eine Tafel erinnert noch an Kubin. Heute ist Gewerbe hier. © Thomas Stankiewicz

Kubin illustrierte rund 60 Bücher, unheimliche Visionen bis hin zum Totentanz und zum Weltuntergang bestimmten sein Werk. Das Haus ist umsäumt vom beliebtesten Münchner Standesamt, von der Katholischen Akademie mit dem geschichtsträchtigen Surènes-Schlösschen und von einem Nachbarhaus, wo Willy Graf, Mitglied der "Weißen Rose", bis zu seiner Festnahme am 23. Februar 1943 lebte.

Klee-Atelier als Kinderstube: Klees Atelier, Feilitzschstraße 3

Beim runden Eingang ist die Nr. 3, hier wirkte Klee unterm Dach.
Beim runden Eingang ist die Nr. 3, hier wirkte Klee unterm Dach. © Thomas Stankiewicz

Wie Thomas Mann (1875 - 1955) wanderte Paul Klee (1879 - 1940) in Schwabing von Wohnung zu Wohnung. Zufällig wurden sie beide in der Feilitzschstraße zeitweilig fußläufig voneinander, der aus Lübeck zugezogene Dichter auf Nr. 5 (heute 32), der aus Bern eingewanderte Maler auf Nr. 3. Im Dachgeschoss hatte er sein Atelier von 1908 bis 1919, wie eine Bronzetafel mitteilt. Klee wollte eigentlich Musiker werden wie sein Vater.

Paul Klee, fotografiert im Jahr 1911.
Paul Klee, fotografiert im Jahr 1911. © gemeindefrei

Doch in München, das er als "Stadt der fünftausend Maler" empfand, befreundete sich der Stuck-Schüler mit Kandinsky, der ihn für den Blauen Reiter gewann, und mit dem stilistisch verwandten Kubin, dem er den künstlerischen Durchbruch verdankte. Im Atelier entstanden vor allem Tusch- und Kohlezeichnungen mit Motiven aus der näheren Umgebung wie etwa das "Kind im Klappstuhl". Denn Klee musste nebenher sein Söhnchen Felix versorgen, während seine Frau, die Pianistin Lily Stumpf, daheim in der kleinen Wohnung Ainmillerstraße 32 durch Klavierunterricht für den Unterhalt sorgte.

Seidls Bier- und Bürgervilla: Seidlvilla, Nikolaiplatz 1B

Zwei geniale Brüderpaare haben das Bild der Stadt München und des Oberlands verändert: Cosmas Damian und Egid Quirin Asam in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Gabriel und Emanuel von Seidl 100 Jahre später. Natürlich hatten alle vier Baumeister ihre Träume auch in eigenen Wohnhäuser verwirklicht, wo sie teilweise auch arbeiteten: die Asams in der barocken Altstadt, der auf Villen spezialisierte Emanuel von Seidl am Bavariaring 10, der Schlösserbauer Gabriel von Seidl in der Marsstraße 28. Als "Seidlvilla" indes ist ein großbürgerliches Anwesen gemeint, das der Bäckersohn Emanuel (1856 - 1919) für seine Tante, die Bierbrauerswitwe Franziska Sedlmayr, am Nikolaiplatz 1 in Schwabing im Stil des Historismus mit Jugendstil-Elementen entworfen hat.

Gabriel von Seidl, 1906.
Gabriel von Seidl, 1906. © gemeindefrei

Während sein acht Jahre älterer Bruder weit über München hinaus als Schlösser-Bauer gefragt war und sogar einen Auftrag von Kaiser Wilhelm II. ablehnen konnte, galt Emanuel als hervorragender Architekt für große Landhäuser und "Sommerfrischen". Nicht weniger als 180 Bauwerke von seiner Hand sind bekannt, darunter Kurhotels, Vereinspaläste, das Operettentheater am Gärtnerplatz, das Elefantenhaus in Hellabrunn, der Augustinerbräu in der Stadtmitte. Nach dem Tod des Bruders baute Emanuel weiter am Deutschen Museum. Als die Seidlvilla Anfang der 1970er-Jahre zugunsten eines geplanten Hotel- und Kaufhausprojekts abgerissen werden sollte, machte die Aktion "Rettet den Nikolaiplatz" mobil.

Seidlvilla zu einem Münchner Kulturzentrum geworden

Sollte einmal abgerissen werden, Bürger haben es verhindert: die Seidlvilla
Sollte einmal abgerissen werden, Bürger haben es verhindert: die Seidlvilla © Thomas Stankiewicz

Mit Hilfe der Presse gelang es, das Ensemble samt Remise und Park zu erhalten. Nach jahrelangem Kampf erwarb die Stadt das Anwesen, wo sich inzwischen ein Polizeirevier einquartiert hatte, und überließ die Nutzung einem Bürgerverein. So konnte sich das Haus seit 1991 zu einem erstrangigen Stadtteilkulturzentrum, das dem alten Schwabing ein Podium bot, entwickeln. Die Zahlen beeindrucken. Bis zum Lockdown wurden jährlich etwa 70.000 Besucher bei 2.500 Ausstellungen, Konzerten, Vorträgen, Tagungen, Treffen von Literatur- und Selbsthilfegruppen gezählt.

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