Dieses Haus beschäftigt seit zehn Jahren die Lokalpolitik – die Lösung sorgt für Kritik

Lange wurde um das Bauvorhaben gestritten, doch nun ist ein geplantes Boardinghaus an der Gallmayerstraße in Haidhausen nicht zu verhindern. Warum der Bezirksausschuss gegen das Projekt war und was genau geplant ist. 
Myriam Siegert
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So sieht das alte Häusl in der Gallmayerstraße mittlerweile aus, bald wird es wohl abgerissen werden.
So sieht das alte Häusl in der Gallmayerstraße mittlerweile aus, bald wird es wohl abgerissen werden. © my

Es ist eine etwas abgelegenere Ecke im eigentlich sehr lebendigen Haidhausen: die Gallmayerstraße zwischen Franziskanerstraße und Mahag-Gelände an der Hochstraße. Zwischen schlichten Wohnhäusern gammelt hier seit Jahren ein kleines Häuschen vor sich hin – und beschäftigt seit mindestens zehn Jahren immer wieder den Bezirksausschuss.

Die Hausnummer 9, eine ehemalige Kohlenhandlung, wie früher noch ein Schild am Balkon zeigte, steht seit gut 20 Jahren leer. Alte Klingelschilder lassen erkennen, das hier mal Büros und ein Lager, aber im oberen Stockwerk auch mindestens zwei Wohnungen untergebracht waren. Nebenan standen bis vor Kurzem einige windschiefe Schuppen, auf einem verwilderten Grundstück.

Im November 2022 hatte die AZ schon einmal über das Häuschen berichtet, denn es sollte einem Neubau, genauer einem Boardinghaus, weichen. Eine Wohnanlage mit Tiefgarage mit 83 Stellplätzen, fünf Stockwerken und Dachgeschoss war beantragt, im Erdgeschoss und ersten Stock mit einer Boardingnutzung, also möbliertem zeitlich befristetem Wohnen, in den oberen Etagen, klassische Wohnungen oder Studentenwohnungen.

Ein Bild von 2022: Da sah das Häuschen noch ein wenig frischer aus.
Ein Bild von 2022: Da sah das Häuschen noch ein wenig frischer aus. © my

"Das ist gar keine richtige Wohnnutzung"

Der Bezirksausschuss sprach sich damals, zum wiederholten Mal, deutlich gegen eine solche Bebauung aus. Er fand das Bauvorhaben zu massiv, es passe mit Blick auf Themen wie Gentrifizierung, Stadtentwicklung und Klimaanpassung nicht zu den Zielen des Stadtentwicklungsprogramms 2040. Vor allem aber störte sich der BA an der Boardingnutzung.

Das Stadtviertelgremium erwirkte stattdessen einen sogenannten sektoralen Bebauungsplan für das Areal um die Gallmayerstraße. So kann bei Neubauvorhaben ein gewisser Anteil an bezahlbarem Wohnen vorgeschrieben werden, wie Lena Sterzer (SPD), Vorsitzende des Unterausschusses Planung und Vize-Chefin des BAs, auf AZ-Anfrage erklärt.

Allerdings – für das Grundstück Gallmayerstraße 9 kam er zu spät und greift nicht mehr, wie ein Gericht entschied. Der Bauherr hatte sich im Zuge einer Verhandlung im Zusammenhang mit dem Projekt auf einen gültigen Vorbescheid von vor dem Bebauungsplan berufen und recht bekommen.

Dem Bezirksausschuss ist das Projekt trotzdem nach wie vor ein Dorn im Auge: Die Bezeichnung habe im Laufe der Zeit immer wieder gewechselt, so Sterzer. Mal sei es um Studentenapartments, mal um ein Boardinghaus gegangen, "in jedem Fall aber um irgendeine kleine Einheit befristeten Wohnens", so Sterzer. "Also gar keine richtige Wohnnutzung, sondern möbliertes und in der Regel sehr teures Wohnen auf Zeit."

Sowohl ein Boardinghaus als auch ein Studentenwohnheim sind beantragt

Laut einer AZ-Anfrage beim Planungsreferat liegen der Behörde zur Gallmayerstraße 9 sogar zwei, dazu passende, Bauanträge vor. Einer für den Neubau eines Studierendenwohnheims mit 79 Apartments mit 80 Betten, SB-Shop mit SB-Café und einer Tiefgarage mit 18 Stellplätzen. Ein Zweiter für den Neubau eines Boardinghauses mit 84 Apartments mit 120 Betten, Snackraum und einer Tiefgarage mit 15 Stellplätzen.

In beiden Fällen soll die Zufahrt zu den Stellplätzen über einen Autoaufzug erfolgen. Das Planungsreferat erklärt, beide Anträge seien noch in der Prüfung, eine Genehmigung noch nicht erteilt.

Welcher es wohl am Ende wird? Das muss der Bauherr spätestens mit Baubeginn entscheiden. So oder so, der BA ist wenig angetan: "Das ist keine Nutzung, die zu einer funktionierenden Nachbarschaft beiträgt", erklärt Lena Sterzer die ablehnende Haltung des Gremiums. "Das finden wir schwierig. Für die Situation im Viertel ist es schlecht, dass keine richtigen Wohnungen entstehen." "Das", so bedauert Sterzer, "lässt sich hier wohl nicht mehr realisieren."

Die Schuppen neben dem Haus sind bereits abgerissen, nur ein einsamer alter Golf ist noch übrig.
Die Schuppen neben dem Haus sind bereits abgerissen, nur ein einsamer alter Golf ist noch übrig. © my

Bevor irgendetwas gebaut wird, muss die alte Kohlenhandlung erst einmal abgerissen werden. Ein Negativattest, also eine Genehmigung der Behörden dafür, liegt schon seit Jahren vor. Der Planungsreferat-Sprecher erklärt, den Zeitpunkt des Abbruchs könne der Bauherr bestimmen und müsse diesen lediglich bei der Behörde anzeigen. Eine solche Anzeige liege noch nicht vor.

Als die AZ am Donnerstag in der Gallmayerstraße 9 vorbeischaut, waren zumindest die Schuppen bereits abgerissen, die völlig verwilderte Fläche rundherum schon bereinigt. Mittendrin steht noch ein alter Golf 2, ohne Kennzeichen, der schon gut Patina angesetzt hat. Ob dieser in einem der Schuppen aufgetaucht ist, lässt sich leider an diesem Vormittag nicht klären. Stehen bleiben kann er hier aber wohl nicht.

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