Belastete Straßennamen: SPD geht auf Nazi-Jagd

Immer noch gibt es Straßen, die historisch umstrittenen Personen gewidmet sind. Doch jetzt will die Stadt endgültig aufräumen.
| Florian Zick
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Umbenennung nach Gerichtsurteil: Der umstrittene Landesbischof Hans Meiser musste 2010 Platz machen für Katharina von Bora, die Ehefrau von Kirchenreformator Martin Luther.
dpa Umbenennung nach Gerichtsurteil: Der umstrittene Landesbischof Hans Meiser musste 2010 Platz machen für Katharina von Bora, die Ehefrau von Kirchenreformator Martin Luther.

Immer noch gibt es Straßen, die historisch umstrittenen Personen gewidmet sind. Doch jetzt will die Stadt endgültig aufräumen.

München - Bevor in München heute jemand mit einem Straßennamen geehrt wird, wird seine Vergangenheit ordentlich durchgecheckt. War er Antisemit, Nazi-Kollaborateur, oder NS-Ideologe? All das wird geprüft. Manch obskure Gestalt ist aber trotzdem auf einem Straßenschild verewigt. „Eine systematische Untersuchung war früher offenbar nicht üblich“, sagt Stadtrat Hans Dieter Kaplan (SPD).

Erst jüngst hat die Stadt beschlossen, den Friedrich-Berber-Weg in Neuperlach umzubenennen. Berber war ein führender Völkerrechtler, stützte im Dritten Reich mit seinen Thesen das krude Selbstverständnis der Nationalsozialisten als Herrenmenschen.

Als die Hochschule für Politik Berber 1986 als Namenspatron vorschlug, wurde dieser Umstand offenbar ausgeblendet. Da wurde Berber dem Stadtrat lediglich als angesehener Professor und hochgeschätzter Kollege vorgestellt.

Die SPD geht davon aus, dass es in der Stadt noch zahlreiche ähnliche Fälle gibt. Die Stadtratsfraktion will deshalb nun auf Nazi-Jagd gehen. Diese dunklen Flecken müssten aus dem Straßenregister der Stadt verschwinden, fordert die Partei – und will sämtliche Straßennamen nun auf ihre politische Korrektheit untersuchen lassen.

Lesen Sie hier: SPD fordert Aschenbecher im Boden

„Uns ist bewusst, dass das ein erheblicher Aufwand ist“, sagt Kaplan. In München gibt es ungefähr 6200 Straßen, etwa die Hälfte davon ist nach Personen benannt. Wenn ein Historiker da jede einzelne filzen soll, kann man sich vorstellen: Das braucht schon seine Zeit. Kaplan geht jedoch davon aus, dass man viele Namen gleich wieder von der Liste streichen kann – einfach, weil die Leute nicht in zeitlicher Nähe zum Dritten Reich gelebt haben.

Vorbild beim großen Aussieben soll Stuttgart sein. Die baden-württembergische Landeshauptstadt hat 2009 angefangen, ihre Straßenpläne auf verfängliche Benennungen zu durchforsten. In München gab es ein solches Projekt bislang nicht. Hier haben nur immer wieder Hobby-Historiker Alarm geschlagen, wenn sie in ihrem Viertel kritische Bezüge entdeckt hatten. So wurde auf Hinweise aus der Bevölkerung hin etwa beschlossen, die Meiserstraße in der Maxvorstadt (jetzt Katharina-von-Bora-Straße) und die Paul-Lagarde-Straße in Laim umzubenennen.

„Es ist unerträglich, dass Münchner Straßen heute noch die Namen von Hetzern und ideologischen Wirrköpfen tragen“, schimpft Kaplan. Deshalb soll die Stadt nun aufräumen. Es weiterhin dem Zufall zu überlassen, ob eine Nazi-Straße entdeckt wird, so Kaplan, das werde einer Stadt wie München nicht gerecht.

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