AZ-Interview - DGB-Chefin Simone Burger: "München? Ich hatte Vorurteile"

Gewerkschafts-Chefin Simone Burger verteidigt im AZ-Interview den Ladenschluss um acht, erklärt die Unsicherheit der jungen Münchner – und fordert Standaschenbecher in der Stadt.
| Interview: Felix Müller und Thomas Müller
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In der Augustiner Bräustuben: Simone Burger mit AZ-Vize-Chefredakteur Thomas Müller (links) und AZ-Lokalchef Felix Müller.
Daniel von Loeper In der Augustiner Bräustuben: Simone Burger mit AZ-Vize-Chefredakteur Thomas Müller (links) und AZ-Lokalchef Felix Müller.

München - Instinktsicher ist sie, das muss man der Münchner DGB-Chefin Simone Burger schon lassen. Den Treffpunkt fürs Weißwurstfrühstück durfte sie auswählen – und entschied sich für die Augustiner Bräustuben in der Landsberger Straße. Das Ambiente stimmt also schon mal. Dies umso mehr, als zu der Zeit noch keine lärmenden Touristen stören.

Zwei Weißwürste gönnt sich die Allgäuerin und macht mit dem schon hinlänglich bekannten Kreuzschnitt kurzen Prozess mit der (diesmal leider ein bisserl arg lauwarmen) Spezialität. Immerhin – die Brezn sind heiß. Auf geht’s.

AZ: Frau Burger, man kann die Bayern nicht mögen. Dann wird man eben Sechzger. Aber wie wird man AS-Rom-Fan?
SIMONE BURGER:
In meinem Studium musste ich originale italienische Texte lesen. Und deshalb die Sprache lernen.

Und so wird man Roma-Fan?
Ich habe angefangen, die "Gazetta dello Sport" zu lesen, da sind die Texte einfach geschrieben. So habe ich angefangen, mich für die Liga zu begeistern.

Wie schlimm war der Tag nach der 1:7-Heimpleite 2014 gegen den FC Bayern im Büro in München?
Es gab schon Kollegen, die mich ausführlich darauf hingewiesen haben (lacht).

Die beste AS-Rom-Bar in München?
Leider komme ich nicht mehr oft dazu, mir die Spiele live anzuschauen und im Moment wüsste ich gar nicht, wo Spiele gezeigt werden.

In der AZ stand mal über ihre Jugend im Allgäu, sie seien ein "rebellisches Mädchen in der Provinz" gewesen. Warum geht man als Rebellin ausgerechnet ins brave München?
Ich wollte Forstwirtschaft studieren, was ich dann auch zwei Semester gemacht habe. Und da gibt es nicht so viele Standorte. Eberswalde fiel sofort weg, Rothenburg ob der Tauber war mir zu klein – und Weihenstephan wegen der Nähe zu München dann eben der am ehesten zu akzeptierende Standort.

Wie hat es Ihnen anfangs in München gefallen?
Auch ich hatte so meine Vorurteile gegenüber München. Dass es langweilig ist, man nicht weggehen kann. Aber das war dann überhaupt nicht so. Die ganzen Jahre gab es immer schöne Clubs, tolle Konzerte.


Simone Burger an der Hackerbrücke. Die 38-Jährige ist seit 2012 Münchner Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Foto: Daniel von Loeper

Wo haben Sie anfangs gewohnt?
In Milbertshofen, direkt neben dem BMW-Werk.

Heute leben Sie im Olympischen Dorf. Warum?
Man ist ja nicht so frei auf dem Münchner Wohnungsmarkt. Mein Freund und ich wollten zusammenziehen. Und haben schnell gemerkt, dass alle neuen Wohnungen kleiner, weniger schön und teurer gewesen wären als seine alte. Also bin ich zu ihm gezogen.

Was unterscheidet das Dorf von anderen Vierteln?
Dass die Autos unter der Erde sind, ist unheimlich angenehm. Und: Man ist in fünf Sekunden im Park zum Spazierengehen.

Ihr liebster Stadtteil?
Ich bin durch Zufall schon sehr lange in Milbertshofen. Ich finde den Stadtteil sehr schön. Anfangs fragt man sich, wo man überhaupt weggehen kann – und dann entdeckt man lauter schöne Sachen.

Essen gehen in Milbertshofen: Ihr Tipp?
Das Blücher ist ja eigentlich eine Kneipe, in der man sich trifft, aber man kann da auch schön essen. Im L‘Ancora an der Ecke Schleißheimer/Lerchenauer Straße gibt es sehr gute Pizza. Und an der Olympia-Alm kann man schön draußen sitzen und Wurst essen. Toll sind auch die Hollywoodschaukeln im BOB im Park, dort kann man selbst grillen.

Wie ist es als junge Gewerkschafts-Chefin im braven München: Träumt man da nicht manchmal auch von französischen Verhältnissen – von streikenden Lehrern, die den Mittleren Ring blockieren, oder Bauern, die Barrikaden auf dem Marienplatz anzünden?
Nein. Man muss schauen, was die Franzosen für Voraussetzungen haben. Sie haben viele Rechte der Mitbestimmung nicht, sie müssen öfter streiken.

Und wie sind Sie zufrieden mit der Rebellions-Willigkeit der Münchner?
Wenn es darauf ankommt, stehen sie. Wir streiken natürlich nicht so oft wie die Franzosen, aber am 1. Mai sind die Leute dann schon da. Und wir haben viele große Streiks, wie bei BMW, MAN oder im Öffentlichen Dienst. In anderen Branchen sieht es anders aus. Stichwort Einzelhandel. Auch dort wird gestreikt. Das Problem ist, dass viele Arbeitgeber dort gar nicht mehr im Tarif sind. Deshalb kämpfen wir dort für die Allgemeinverbindlichkeit, dafür, dass sich alle Arbeitgeber an den Tarif halten müssen.

Würden Sie in München nicht auch gerne mal abends um halb zehn einkaufen?
Nein. Man kann in München abends zum Frisör gehen, zur Physiotherapie, zum Steuerberater. Sie alle arbeiten. Der Einzelhandel hat trotzdem eine Leitfunktion. Früher konnte man bis 18 Uhr einkaufen, da haben auch Arbeitgeber verstanden, dass man vor 18 Uhr das Büro verlassen muss.

Das Prinzip funktioniert offensichtlich nicht mehr. In der Stadt arbeiten viele Menschen bis nach 20 Uhr.
Es braucht eine gesellschaftliche Diskussion. Hat Arbeit ein Ende? Gibt es gemeinsame Freizeit? Darum geht es. Was bringt es mir, morgens von 8 Uhr bis 11 Uhr frei zu haben? Da kann ich ausschlafen, lange frühstücken, Zeitung lesen. Aber ich bin einsam. Lebensqualität kommt durch die gemeinsam verbrachte Freizeit.

Ein bisschen provinziell sind die Ladenöffnungszeiten aber trotzdem, oder?
Nö.

Themawechsel: Schafft die Stadt zu viele Anreize, dass immer noch mehr Menschen zuziehen?
Die Leute kommen ja nicht wegen der Wohnungen, sondern weil sie über alle Schichten hinweg glauben, dass sie in München eine Chance haben. Ich finde nicht, dass es eine große Werbekampagne gibt, dass man in München investieren soll. Es ist eher ein Selbstläufer. Und wenn wir aufhören würden, Wohnungen zu bauen...

...was wäre dann?
Dann würde es zu einem noch stärkeren Verdrängungswettbewerb kommen. Und es müssten mehr Menschen aus der Stadt rausziehen, die sie sich nicht mehr leisten können.

Woher kommen Sie genau?
Rottach im Allgäu. 90 Einwohner.

Wie viele Sozialdemokraten?
Fünf.

Haben Sie schon mal einen Rentenbescheid bekommen?
Ja.

Und?
Die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Es ist ja so: Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, desto erschreckender wird es. Das Rentenniveau und damit die Rente sinkt, einfach so, ohne dass sich an den Rahmenbedingungen was ändert. Und viele Ältere, die jetzt in Rente kommen, haben vielleicht eine eigene Wohnung. Die Jungen können sich ja selbst mit guten Gehältern keine mehr kaufen. Deshalb muss sich bei der Rente was ändern.

Wie kriegt man in dieser reichen, zufriedenen Stadt junge Menschen dazu, Gewerkschafter zu werden?
Auf der einen Seite geht es natürlich vielen gut. Aber es gibt viele Fragen: Was passiert, wenn meine Miete erhöht wird? Was ist, wenn ich eine Familie gründe und eine größere Wohnung brauche? Die Leute schauen nicht bloß positiv in die Zukunft. Wollen Sie mal ein Experiment versuchen?

Gerne.
Finden Sie sechs Leute in Ihrem Umkreis, die sagen: Meine Kinder werden es besser haben als ich.

Vor ein paar Jahrzehnten hätte man welche gefunden.
Ja. Aber das ist nicht mehr so. Dieser Glaube ist nicht mehr da.

Die Angst, irgendwann die Miete nicht mehr zahlen zu können: Was macht das mit dem Lebensgefühl einer Stadt?
Wenn man Münchner fragt, ob sie Angst vor Arbeitslosigkeit haben, sagen sie: nein. Aber es gibt die Angst: Kann ich runterfahren? Ältere fragen sich, ob sie es sich leisten können, weniger zu arbeiten, junge Eltern, ob es geht, halbtags zu machen.

Die Antwort ist oft: nein.
Das macht schon etwas mit den Menschen. Dass sie den Anforderungen, die sie an sich stellen, oft nicht gerecht werden.

Nochmal zu Ihnen: Sie sind Raucherin. Wie sehr nervt es, in München immer raus zu müssen?
Das finde ich eigentlich nicht so schlimm. Aber ich verzweifle daran, dass es so wenige Aschenbecher im öffentlichen Raum gibt.

Also schmeißen Sie die Kippen auf den Boden?
Ich versuche, mich an die Empfehlung der Stadt zu halten und sie auf dem Rand der Abfalleimer auszudrücken.

Sie kommen aus dem Oberallgäu, haben dort Waldhorn gespielt. In München auch schon?
Auf dem Land hat man den Schützenverein, die Feuerwehr, die Blasmusik. Ich habe mich für die Musik entschieden. Das ist leider ein bisschen verlorengegangen, als ich nach München gegangen bin.

Wenn Sie mal Zeit haben: Was machen Sie in München?
Ich habe eine Dauerkarte im Haus der Kunst, gehe sonntags zum 1-Euro-Tag in die Pinakothek der Moderne, sitze im Park und lese. Es gibt viele wunderbare Flecken – nur alleine ist man in München eigentlich nie.

Ein Tipp in der Innenstadt?
Die Pfälzer Weinstube in der Residenz, die leider wegen Bauarbeiten gerade im kleineren Ausweichquartier ist, hat einen unglaublich schönen Biergarten im Kaiserhof. Und sie haben einen guten Wein, der für Innenstadt-Verhältnisse auch noch bezahlbar ist.

Lesen Sie auch: Repräsentative Umfrage: München ist schön, aber...

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