Am Stadtrand Münchens: Ein Arzt für 4.500 Kinder

Während in den reicheren Vierteln oft sehr viele Kinderärzte arbeiten, sind es in denen am Stadtrand zu wenig. Stefan Hammann leitet eine Praxis im Hasenbergl und weiß, wie es ist, Patienten wegzuschicken.
| Christina Hertel
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Manche Dinge kann Geld nicht kaufen - zum Beispiel selbst gemalte Bilder, die Kinderarzt Dr. Stefan Hammann von seinen Patienten erhält.
Manche Dinge kann Geld nicht kaufen - zum Beispiel selbst gemalte Bilder, die Kinderarzt Dr. Stefan Hammann von seinen Patienten erhält. © Daniel von Loeper

München - Vor gut acht Jahren gab Kinderarzt Stefan Hammann das Versprechen, nicht aufzugeben. Damals hatte er gerade von einer Ärztin im Hasenbergl ihre Kinderarztpraxis übernommen. Bevor sie sich zur Ruhe setzte, wollte sie sichergehen, dass er nicht gleich in ein anderes Stadtviertel ziehen würde. So erzählt es Hammann am Telefon.

Nur zwei Kinderärzte im Bezirk Feldmoching-Hasenbergl

Sein Versprechen brach er bis heute nicht. Obwohl er woanders wohl weniger Stress hätte, obwohl er deutlich mehr Profit machen könnte. Obwohl ihn seine Arbeit im Hasenbergl zwischenzeitlich selbst krank machte. Vor vier Jahren, mit Anfang 50, erlitt Hammann einen Burnout. Stefan Hammanns Praxis liegt im Bezirk Feldmoching-Hasenbergl. Dort leben etwa 9.000 Jungen und Mädchen, aber es gibt nur zwei Kinderärzte.

Zum Vergleich: In Neuhausen, wo rund 12.000 Kinder leben, haben 16 Kinderärzte eine Praxis. In der Altstadt sind es sieben, in Haidhausen sechs. Diese Zahlen gehen aus einer Karte der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) hervor. In Stefan Hammanns Praxis drängen also theoretisch sechsmal so viele Kinder wie bei seinen Kollegen ein paar Stadtviertel weiter. Wie er das praktisch schafft? "Letztlich gar nicht", sagt Hammann. Zwar schicke er keine Patienten weg, die bereits in seiner Kartei registriert oder die schwer krank sind.

Jeden Tag muss der Kinderarzt Familien abweisen: "Das tut weh"

Allerdings nehme er auch keine neuen mehr auf. Jeden Tag müsse er Familien abweisen, die neu in das Viertel zogen. "Das tut weh", sagt er. Was noch schmerzlicher sei: dass ihn viele, die er wieder nach Hause schicken muss, beschimpfen würden. Dabei habe er geschuftet bis zum Burnout und gekämpft wie ein Löwe, dass sich weitere Ärzte im Hasenbergl ansiedeln, sagt er. Noch bis vor vier Jahren habe er jeden Patienten aufgenommen. Bis zu 100 Menschen am Tag habe er in diesen Zeiten behandelt. "Das war eine reine Massenabfertigung", sagt er. Er habe sich immer unzufriedener und immer machtloser gefühlt.

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Damals hätte er gerne einen weiteren Arzt in seiner Praxis angestellt. Doch die Kassenärztliche Vereinigung erlaubte dies nicht. Denn rein rechnerisch gibt es sogar zu viele Kinderärzte in München. Insgesamt sind laut KVB 159 Kinder- und Jugendärzte in der Stadt tätig. Das entspricht einem Versorgungsgrad von 110,7 Prozent. Damit gilt München rechnerisch als überversorgt. Für die Zulassung weiterer Kinderärzte ist München deshalb gesperrt.

Ärzte in München ungleich über Stadtviertel verteilt

Doch wer sich die Karte der KVB ansieht, erkennt schnell: In der Innenstadt, wo die hübschen Altbauten stehen und die reichen Menschen leben, ballen sich die Ärzte. In Milbertshofen und im Hasenbergl, wo überdurchschnittlich viele einen Migrationshintergrund haben, fehlen sie. Ebenso wie in den neuen Vierteln: In der Messestadt in Riem gibt es keinen einzigen Kinderarzt - obwohl hier der Anteil Minderjähriger mit 4.700 Kindern und Jugendlichen besonders hoch ist.

Auf der Karte sieht man, wie viele Kinder- und Jugendärzte in dem jeweiligen Stadtbezirk niedergelassen sind. Die jeweiligen Nummern in den Stadtbezirken beschreibt die Anzahl der Ärzte dort. Rot eingefärbt sind die Bezirke, in denen es nicht mehr als zwei Kinder- und Jugendmediziner gibt. In orangen Bezirken sind es drei bis fünf, ab sechs Kinderärzten pro Bezirk ist die Einfärbung grün.
Auf der Karte sieht man, wie viele Kinder- und Jugendärzte in dem jeweiligen Stadtbezirk niedergelassen sind. Die jeweiligen Nummern in den Stadtbezirken beschreibt die Anzahl der Ärzte dort. Rot eingefärbt sind die Bezirke, in denen es nicht mehr als zwei Kinder- und Jugendmediziner gibt. In orangen Bezirken sind es drei bis fünf, ab sechs Kinderärzten pro Bezirk ist die Einfärbung grün. © Karte: anf, Quelle: KVB

Zwar zeigt die Karte auch zentrale Mangel-Gebiete - doch das ist eher theoretischer Natur, schließlich ist man aus der Maxvorstadt schnell drüben in Schwabing - anders als in den großen Bezirken im Norden der Stadt. Vor Kurzem forderte die CSU die Stadt deshalb dazu auf, sich für einen Kinderarzt dort einzusetzen und "Gespräche mit der Kassenärztlichen Vereinigung zu intensivieren”, wie es die Partei ausdrückte.

20 Euro in der Stunde mehr im Lehel als im Hasenbergl

Bei der KVB müssen Ärzte ihre Zulassung beantragen. Doch die zählt ganz München als eine Planungsregion. Innerhalb derer kann sich ein Arzt niederlassen, wo er möchte. Allerdings entscheidet oft der Geldbeutel: Während aus Milbertshofen seit 2016 vier Kinderärzte wegzogen, wurden es in der Altstadt vier mehr. Auch in Neuhausen kamen sechs Praxen hinzu.

Er könne 20 Euro in der Stunde mehr verdienen, würde seine Praxis statt im Hasenbergl im Lehel liegen, sagt Kinderarzt Stefan Hammann. Denn zu ihm würden praktisch keine Privatpatienten kommen. "Im Lehel oder in der Altstadt sähe das anders aus", meint Hammann.

"Trotzdem würde ich nirgendwo anders arbeiten wollen"

Dann erzählt er von einer afghanischen Mutter, die ihn erst nach vier Jahren anlächelte - so lange dauerte es, bis sie Vertrauen fasste. Er erzählt von Familien, die ihre Fluchtgeschichte mit ihm teilten. Und von Kindern, die Bilder für ihn malten. "Das ist unbezahlbar." Aber eigentlich, das sagt er auch, bräuchte es im Hasenbergl verglichen mit den anderen Stadtvierteln eher mehr als weniger Kinderärzte. Weil viele seiner Patienten kein Deutsch sprechen.

Weil er Kinder behandelt, deren Mütter sich lieber mit ihrem Handy beschäftigen als mit ihnen. Und weil er sich oft fragen muss, ob das Kind missbraucht oder misshandelt wurde. Um seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und um seine eigene Gesundheit zu schützen, stellte er eine Assistenzärztin an. Sie arbeitet 20 Stunden die Woche in seiner Praxis mit. Bezahlen müsse er ihr Gehalt, das etwa dem eines Oberarztes entspreche, aber selbst.

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