Alter Botanischer Garten München: Vom Drogen-Brennpunkt zum liebenswerten Stadtpark

Wo Dealer, Trinker und Gewalt den Ton angaben, wird heute gesportelt und gechillt: Massive Kontrollen, Verbote und neue Freizeitangebote haben den Alten Botanischen Garten am Münchner Hauptbahnhof zum überraschend friedlichen Stadtpark verwandelt. Ein AZ-Besuch.
von  Irene Kleber
Die Drogen- und Trinkerszene ist verschwunden. Im Alten Botanischen Garten nahe dem Hauptbahnhof fallen diesen Sommer vor allem die Schmuckbeete ins Auge.
Die Drogen- und Trinkerszene ist verschwunden. Im Alten Botanischen Garten nahe dem Hauptbahnhof fallen diesen Sommer vor allem die Schmuckbeete ins Auge. © Irene Kleber

Diese Blumenrabatten. So sommerbunt leuchten pinke Cosmea, lila Salbei und orangefarbene Tagetes rund um den Neptunbrunnen, dass erst auf den zweiten Blick auffällt: Hoppala, da fehlt was. Das plätschernde Brunnenwasser nämlich. Das hat die Stadt, um Trinkwasser zu sparen, letzte Woche abgedreht.
Die Mittagspäusler und Flaneurinnen im Alten Botanischen Garten scheint die trockene Stille nicht zu stören. Überhaupt stört hier, wie’s ausschaut, niemanden mehr irgendwas. Der Stadtpark nördlich des Hauptbahnhofs – noch vor eineinhalb Jahren ein Münchner Kriminalitätsbrennpunkt, an dem sich täglich bis zu 100 Trinker, Drogenabhängige und Dealer sammelten – hat seine finstere Atmosphäre in diesem Sommer vollständig verloren.

„Hier sitzt man wie in einer Postkarte“: Wirt Chris Lehner hat neben seinem Park Café wieder den Pop-up-Biergarten Neptunbrunnen aufgebaut.
„Hier sitzt man wie in einer Postkarte“: Wirt Chris Lehner hat neben seinem Park Café wieder den Pop-up-Biergarten Neptunbrunnen aufgebaut. © Daniel von Loeper

Mittagspause und Arbeitsmeeting im Freien

Am Dienstagmittag (7.7.) ruhen sich Bahnreisende mit ihren Koffern in den Wiesen entlang der Elisenstraße aus. Ein Pärchen spielt Federball. Andere picknicken oder lesen. In den Liegestühlen am Neptunbrunnen, auf der Ostseite der Grünanlage, haben ein paar Büromenschen die Augen geschlossen, für ein kurzen Pausemoment, ehe es wohl gleich zurück zur Arbeit geht.
Drumherum hat Park-Café-Wirt Chris Lehner vor vier Wochen 40 Biergarnituren für seinen Pop-up-Biergarten Neptunbrunnen aufgebaut. Die nehmen samt blauen Hofbräu-Schirmen, Getränkestandl und Kulturbühne den Platz nun noch großräumiger ein als bei der Premiere im Sommer 2024, als es noch Ziel war, die Drogenszene zu verdrängen.

(Bahn-)Reisende sieht man inzwischen viele in den Liegewiesen mit ihren Koffern ausruhen.
(Bahn-)Reisende sieht man inzwischen viele in den Liegewiesen mit ihren Koffern ausruhen. © Daniel von Loeper

"Schockiert, wie friedlich es jetzt ist"

Eine ganze Traube junger Leute umringt gerade einen Biertisch, das schaut nach einem Arbeitsmeeting unter freiem Himmel aus. "Wir sind hier die erweiterte Kantine der Nachbarschaft geworden", scherzt Lehner und schaut heiter dabei aus. In schöner Regelmäßigkeit, sagt er, kämen in diesen Tagen Münchnerinnen und Münchner vorbei, die lange nicht an diesem Platz gewesen seien. "Die Leute sind überrascht bis schockiert, wie friedlich es jetzt ist."

Simon Marggraf (l.) und Benjamin Leutner, die "ums Eck" in einem Start-up arbeiten, machen Mittagspause am Neptunbrunnen.
Simon Marggraf (l.) und Benjamin Leutner, die "ums Eck" in einem Start-up arbeiten, machen Mittagspause am Neptunbrunnen. © Daniel von Loeper

Drogen, Schlägereien und Übergriffe

Zur Erinnerung: Es ist gut zwei Jahre her, dass der damalige OB Dieter Reiter (SPD) die "Taskforce Hauptbahnhof" eingerichtet hat, die auch den Alten Botanischen Garten kaum 200 Meter entfernt in den Fokus nahm. Zu laut waren die Beschwerden von Bürgerinnen und Bürgern geworden, die sich in der Grünanlage mitten in der City nicht mehr sicher fühlten. Zu oft wurden Drogengeschäfte abgewickelt, zu oft gab es Gewaltdelikte und auch Übergriffe auf Frauen und Mädchen. 1284 Straftaten allein im Jahr 2024.
Sehr ungut direkt vor der Tür des benachbarten Luisengymnasiums. So ungut, dass sich im November desselben Jahres auch Ministerpräsident Markus Söder und sein Innenminister Joachim Herrmann (beide CSU) bei einem Ortsbesuch ein Bild von der Lage machten.

November 2024: Ministerpräsident Markus Söder (CSU, 3.v.r.) lässt sich vom Polizeipräsidenten Thomas Hampel (r.) die  Lage im Brennpunkt Alter Botanischer Garten erklären. Auch der damalige OB Dieter Reiter (SPD, 3.v.l.) und Innenminister Joachim Herrmann (2.v.l.) sind dabei.
November 2024: Ministerpräsident Markus Söder (CSU, 3.v.r.) lässt sich vom Polizeipräsidenten Thomas Hampel (r.) die Lage im Brennpunkt Alter Botanischer Garten erklären. Auch der damalige OB Dieter Reiter (SPD, 3.v.l.) und Innenminister Joachim Herrmann (2.v.l.) sind dabei. © Daniel von Loeper

Es hat sich viel getan seither. Städtische Gärtner schneiden regelmäßig die Gehölze unter den alten Bäumen radikal zurück, im Park ist nun jedes Fleckerl von überall her einsehbar. Nach wie vor überwacht die Polizei den Alten Botanischen Garten, auch über fest installierte und mobile Kameras. Fortwährend sind Kontrollteams des Kreisverwaltungsreferats (KVR) zu sehen. Und auch das Messerverbot und das Verbot, Alkohol mitzubringen und im Park zu trinken – seit Januar 2025 in Kraft – gilt weiterhin.

Sportlehrer Hans M. vom 
Luisengymnasium kommt mit seinen Schülern regelmäßig zum Kicken auf den Fußballplatz im Park: "Absolut super."
Sportlehrer Hans M. vom Luisengymnasium kommt mit seinen Schülern regelmäßig zum Kicken auf den Fußballplatz im Park: "Absolut super." © Daniel von Loeper

Was die Atmosphäre erkennbar verändert hat, sind auch die Sportplätze, die die Stadt letzten Sommer im Park eröffnet hat, gesponsert unter anderem vom FC Bayern Hilfe e.V. – und die jeder kostenlos nutzen darf. Am Fußballkleinfeld an der Elisenstraße ist ein Sportlehrer des Luisengymnasiums anzutreffen. Seine Klasse kickt dort während der zwei Unterrichtsstunden.
Wie das bei den Schülern ankommt? "Absolut super", sagt er. Früher habe er mit ihnen mit dem Bus zum Fußballplatz fahren müssen. "Jetzt gehen wir nur noch über die Straße und kommen viel schneller in die Bewegung." Auch das neue gelbe Streetballfeld am Karl-Stützel-Platz auf der Westseite des Parks nutzen die Schülerinnen und Schüler häufig und gern. Und an heißen Tagen finde im Schatten unter den Bäumen sogar Unterricht im Freien statt.

Unter dem roten Ring am Karl-Stützel-Platz sind die Trinker verschwunden, hier spielen Jugendliche inzwischen regelmäßig Basketball.
Unter dem roten Ring am Karl-Stützel-Platz sind die Trinker verschwunden, hier spielen Jugendliche inzwischen regelmäßig Basketball. © Daniel von Loeper

"Ein Fahrradparcours wäre noch eine gute Idee"

"Wir sind wirklich dankbar", sagt der Sportlehrer, "dass hier so viel investiert wurde." Jetzt wäre es schön, das sogar noch weiterzudenken. "Ein Fahrradparcours, das wäre noch eine gute Idee."

Tatsächlich, auch am Basketballplatz unter dem zwölf Meter hohen roten Stahlring des Bildhauers Mauro Staccioli, neben dem ebenfalls neuen Skatespot, spielen einige junge Leute.

Im neuen "Buchberg" am Karl-Stützel-Platz ist schon mittags viel los.
Im neuen "Buchberg" am Karl-Stützel-Platz ist schon mittags viel los. © Daniel von Loeper

Und unter den Platanen dahinter, wo sich früher regelmäßig Betrunkene versammelt haben, amüsieren sich nun Schüler, Eltern mit Kindern und Rentnerinnen auf der fünf Meter hohen Terrasse des "Buchberg". Das baumhausartige Freiluftcafé mit Kiosk, seit Mai ganzjährig von 12 bis 23 Uhr geöffnet, haben vier Wirte um Florian Schönhofer vom Café Kosmos aus alten Skiliftstützen und Brettern gezimmert.
Die Idee, damit gemischtes Publikum an den zuvor wenig anziehenden Platz zu locken, scheint zu funktionieren. "Ich hab erst seit einer Stunde auf und der Laden ist schon voll", sagt Leon Cubigsteltig, einer der Wirte, der gerade im Kioskhäusl steht und deutet auf seine Terrasse voller ratschender Menschen.

Leon Cubigsteltig, Wirt im neuen "Buchberg" am Karl-Stützel-Platz.
Leon Cubigsteltig, Wirt im neuen "Buchberg" am Karl-Stützel-Platz. © Daniel von Loeper

"Da wäre ja auch Lügerei"

Mittendrin: Bildhauer-Azubi Cosma (20) mit zwei Freunden. Früher hätten sie den Karl-Stützel-Platz gar nicht wahrgenommen, "das war ein leerer Platz mit rotem Ring", sagt Cosma, "jetzt ist das ein toller Chillplatz." Sie frage sich allerdings schon, wohin die Suchtkranken, die hier waren, vertrieben worden seien: "Zu sagen, die sind weg, es gibt keine Probleme mehr, wäre ja auch Lügerei."

Wo sind jetzt die Drogenkranken?

Viele Münchnerinnen und Münchner fragen sich das. Leicht beantworten lässt es sich nicht. Im Sozialreferat, das viel Streetwork in den Park geschickt hat, gibt es "keine sicheren Erkenntnisse", heißt es auf AZ-Nachfrage.
Tobias Marx, der Leiter des Caritas-Begegnungs- und Alkoholkonsumraums D3 nur ein paar Schritte vom Karl-Stützel-Platz entfernt, sieht es so: "Bei uns sehen wir seit 2025 zehn bis 15 zusätzliche Menschen, auch Drogenabhängige. Die anderen sind versprengt worden und haben sich wohl auf die Stadt verteilt."

Dealer von auswärts "kommen jetzt nicht mehr"

Auch Polizeisprecher Christian Drexler teilt auf AZ-Nachfrage mit, es gebe "keinen zielgerichteten Verdrängungseffekt innerhalb der Stadt." Dealer, die für Drogengeschäfte aus anderen Städten nach München gekommen seien, "kommen jetzt nicht mehr in unsere Stadt."

Cosma (20) mit Freddie und Mirjam (v.l.): "Das ist jetzt ein toller Chillplatz hier, aber wir fragen uns, wo die Drogenkranken hinvertrieben wurden."
Cosma (20) mit Freddie und Mirjam (v.l.): "Das ist jetzt ein toller Chillplatz hier, aber wir fragen uns, wo die Drogenkranken hinvertrieben wurden." © Daniel von Loeper

Zahl der Straftaten massiv gesunken

Klar ist: Schon letztes Jahr sank die Zahl der Straftaten im Alten Botanischen Garten um 66 Prozent auf 436 – so steht es in der Münchner Kriminalstatistik. Das sei eine "Trendwende", die sich auch 2026 fortsetzt, sagt Drexler. Allerdings baue die Münchner Polizei bereits vor: Damit sich keine neuen Brennpunkte bilden, habe sie ihre polizeiliche Taskforce Bahnhofsviertel ausgeweitet.

"Man muss sich auch mal über etwas Schönes freuen"

An Cosmas Nebentisch sitzen zwei Damen, die Schwabingerin Christine (64) und ihre Freundin Gerlinde (72). Früher hätten sie nie in den Park kommen wollen wegen des schwierigen Publikums. Und jetzt? "Alles einwandfrei", sagt Gerlinde, "so licht, so freundlich, so sauber, toll." Und das wolle sie auch noch sagen: "Man muss sich auch einfach mal über etwas Schönes freuen."

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