100 Prozent Auftragseinbruch: Der Nikolaus als Super-Spreader

Sie bringen sonst Kinder zum Lachen, heuer bucht kaum jemand einen heiligen Mann für den 6. Dezember. Von desinfizierten Ruten und Online-Tadel.
| Martina Scheffler
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Rudolf Mundl im vollen Ornat - er sagt, er hat einen 100-prozentigen Einbruch bei den Buchungen.
Rudolf Mundl im vollen Ornat - er sagt, er hat einen 100-prozentigen Einbruch bei den Buchungen. © Daniel von Loeper

München - Seine Zeit sollte jetzt sein. Anfang Dezember wirft sich Rudolf Mundl für gewöhnlich in sakrale Schale und besucht die braven wie die nicht ganz so braven Münchner Kindl als Nikolaus. Der Familientherapeut mit Praxis in Schwabing, der eine Schauspielausbildung hat und nebenberuflich auch als Clown Rudolfo auftritt, ist seit fünf Jahren als Heiliger Nikolaus von Myra unterwegs, klassisch mit Bischofsmitra und Bart.

Doch dieses Jahr sind seine Möglichkeiten, Kinder und deren Eltern etwas Besinnlichkeit zu vermitteln, stark eingeschränkt, dank dem unheiligen Coronavirus. "100 Prozent Einbruch" bei den Buchungszahlen verzeichnete Mundl Ende November gegenüber den Zahlen des Vorjahrs.

"Das geht alles am eigentlichen Nikolausbrauch vorbei"

"Die Menschen halten sich zurück, es gibt kurzfristige Fragezeichenanfragen" - denn Genaues weiß man nicht. Bei Kindergärten hat Mundl mit Werbung für den Nikolaus in Pandemiezeiten begonnen. Draußen vor den Gebäuden könnte er erscheinen und die Geschenke einfach nur hinstellen, die Erzieherinnen können sie dann weitergeben. Fest ausgemacht sei aber nichts, bedauert Mundl. Dabei steht bei ihm sonst um diese Zeit das Telefon nicht still, 30 bis 40 Auftritte hat er normalerweise.

Zwei Koffer mit Ausrüstung hat Rudolf Mundl dabei, wenn er als Nikolaus unterwegs ist.
Zwei Koffer mit Ausrüstung hat Rudolf Mundl dabei, wenn er als Nikolaus unterwegs ist. © Daniel von Loeper

Eine Firma hat vorsichtig angefragt, ob er für eine Onlinefeier zur Verfügung stünde - launige Texte über die Mitarbeiter bekäme Mundl vorab. "Ich habe gar keine Idee, ob das ein guter Ersatz ist", grübelt Mundl. Sicher ist es, aber wo bleibt die Atmosphäre?

"Alles Kopfgeburten" nennt Dietmar Prell die Online- und Drive-through-Varianten für den 6. Dezember. Prell ist der vermutlich dienstälteste Nikolaus, der in Münchens Straßen unterwegs ist, und hätte in diesem Jahr sein 50. Jahr als Nikolaus gefeiert, wenn, ja wenn. "Das geht alles am eigentlichen Nikolausbrauch vorbei", ist seine Meinung zu den AHA-konformen Besuchen mit Abstand, Maske und Desinfektionsmittel.

Experte rät zum Do-it-yourself-Nikolausabend

Und wenn dann doch was passiert? "Statt Geschenken einen Sack voller Viren mitbringen, das gibt keinen Sinn." Der 75-Jährige hat alle Auftritte abgesagt. Als Student in den 70er Jahren hatte er bis zu 120 Besuche in einer Saison, dieses Jahr ist das erste ohne einen einzigen. Und was sollen die Eltern nun den Kindern erzählen, warum der Nikolaus dieses Mal den Weg nicht zu ihnen gefunden hat? Prell rät zum Do-it-yourself-Nikolausabend.

"Ich meine, dass es sinnvoll wäre, das Geschichtliche in Erinnerung zu bringen." Besinnliches Feiern empfiehlt er den ohnehin schon von den Belastungen dieses Jahres geplagten Familien. Auch wenn der dazu eigentlich passende Bischof Nikolaus, der Beschützer der Seefahrer und Bedrängten und Freund der Kinder, nicht dabei ist, könne man gemeinsam etwas basteln, die Geschichte des Heiligen erzählen.

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An die Kinder könne der gute Rat ergehen, ausnahmsweise mal sich selbst zu schützen - und andere. "Das ist der größte Wunsch des Nikolaus."

Etwas anderes käme ihm nicht in den Sack: "Ich kann keine Virenschleuder sein. Der Heilige Nikolaus als Superspreader?" Prell graust es.

FFP2-Masken zum Drunterziehen

Für Jan Mitja Biehl dagegen sollen Nikolaus und Weihnachtsmann mit Sicherheit und unter Einhaltung der bekannten AHA-Regeln ihrer wohltuenden Tätigkeit nachgehen. Biehl ist Geschäftsführer der Hamburger Promotion-Agentur Blank&Biehl. Er vermittelt auch nach München Nikoläuse und Weihnachtsmänner und setzt auf alle Vorsorgemaßnahmen, die derzeit möglich sind.

Handschuhe tragen die Herren auf ihren Touren ja ohnehin, nun sollen sie nach jedem Kunden gewechselt werden. FFP2-Masken in zum Kostüm passenden Weiß gehören 2020 verpflichtend dazu - "zum Drunterziehen, die lassen sich gut verstecken".

Einen deutlichen Rückgang bei den Buchungen verzeichnet er dennoch. Für die Privatleute, die auf Besuch nicht verzichten möchten, will Biehl bald für noch mehr Sicherheit sorgen: mit Antigentests, die die aktuelle Infektiosität des Testers anzeigen können.

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Singen dagegen, das kann sich jeder denken, ist dieses Jahr tabu. Den Besuch von Nikolaus und Weihnachtsmann sieht Biehl denn auch passend zur aktuellen Lage etwas nüchterner: "wie eine kurze DHL-Übergabe".

"Nach 25 Jahren ist es das erste Mal, dass der Nikolaus nicht kommen kann"

Ganz ausgesetzt hat die Jugend des Heimat- und Brauchtumsvereins Lechler München ihren Nikolaus-Service in diesem Jahr. Sie vermittelte den Heiligen vor allem ins Lehel, nach Bogenhausen, Haidhausen und Schwabing. Pro Tag, immer am 5. und 6. Dezember, konnten etwa acht Familien besucht werden.

"Nach 25 Jahren ist es das erste Mal, dass der Nikolaus nicht kommen kann, und darüber sind wir und noch mehr unsere ‚Stammkunden' sehr traurig", bedauert Eva Tomasini, die 1. Vorsitzende des Vereins, die Absage.

Das Team besteht Tomasini zufolge vor allem aus jungen Erwachsenen, "die alle sehr verständnisvoll reagierten und sich auf das Jahr 2021 freuen".

Auch Günter Tobsch vom "Nikolaus-Service in München" schickt dieses Jahr keine Herren auf Tour. "Sinnvolle Maßnahmen, die wir zum Schutz unserer Kunden oder zum Eigenschutz vornehmen könnten, gibt es in unseren Augen fast nicht. Theoretisch müssten wir nach jedem Auftritt unsere Stäbe, Bücher, Handschuhe, Ringe usw. vollständig desinfizieren. Das Tragen einer Maske unter dem Bart ist auch nicht wirklich umsetzbar, da der gute Nikolaus sonst akustisch fast nicht verständlich ist und er auch nur sehr schwer Luft bekommen würde."

"Es ist einfach schön, die strahlenden Augen der Kinder zu sehen"

Das Risiko für Kunden und Nikoläuse sei einfach zu groß. Rudolf Mundl will es dennoch versuchen. Er setzt ganz auf Abstand. "Zum Bart noch eine Maske?" Für ihn keine Option. "Da kriegt man keine Luft mehr." Er und sein kleines Team der "Münchner Weihnachtsmänner" hoffen, zwischen heute und 7. Dezember doch noch ein paar Aufträge zu bekommen, nachdem das ganze Jahr schon für seine anderen künstlerischen Bereiche schlimm war.

"Es wäre schön, wenn man selber Freude verbreiten könnte." Er will auch kurzfristig Buchungswünsche erfüllen. "Es ist einfach schön, die strahlenden Augen der Kinder zu sehen." Ohne die Auftritte fehlt auch Mundl selbst etwas. "Es ist so viel Herzenswärme dabei", wenn er Familien besucht. Dieses Jahr aber ist für Nikolaus Mundl wie für so viele ein schmerzlicher Einschnitt. "Es fehlt dieser Austausch."


Buchungen bei Rudolf Mundl: www.viellachen.de, Buchungen bei Blank&Biehl: weihnachtsmann-mieten.de

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