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Wie Frieden wahren? Gastbeitrag von Günther Bachmann: Wer jetzt handelt, sichert Frieden

Dem Ökowissenschaftler Günther Bachmann geht es um den Frieden mit der Natur. Ohne den ist alles nichts. Und jetzt wäre die Stunde der Politik.
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Der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm am Blauen Nil sorgt seit Jahren für Streit zwischen Äthiopien, Ägypten und dem Sudan. Denn Wasser wird weltweit künftig immer knapper werden – und Spannungen um Wasserresourcen wie den Nil werden steigen.
Der Grand-Ethiopian-Renaissance-Staudamm am Blauen Nil sorgt seit Jahren für Streit zwischen Äthiopien, Ägypten und dem Sudan. Denn Wasser wird weltweit künftig immer knapper werden – und Spannungen um Wasserresourcen wie den Nil werden steigen. © Yirga Mengistu/Adwa Pictures Plc/dpa

AZ-Serie: Wie Frieden wahren? Podcast mit Günther Bachmann

Wenn wir die Natur nicht erhalten, werden wir nicht überleben. So einfach ist das. Und noch so wenig beherzigt.

Mehr als 80 Prozent aller militärischen Konflikte von 1950 bis 2000 fanden ganz oder teilweise genau dort statt, wo besonders viele seltene Tier- und Pflanzenarten zerstört werden. Der soziale und ökonomische Kampf um Ackerland, Weideland, Öl, Metalle, biologische Rohstoffe und Wasser wird immer härter. Er spielt in mehr als einem Drittel aller gewalttätigen Konflikte eine Schlüsselrolle.

"Ackerbauern und durchziehende Viehhirten bekämpfen sich"

Die letzten Jahrzehnte liefern uns nicht nur einen menschgemachten Hitzerekord nach dem anderen. Auch die Zahl der ermordeten Umweltschützer stieg von Jahr zu Jahr. 2019 waren es weltweit 214. Der Naturschutz-Ranger Moses Lelesiit kam im Einsatz gegen die Wilderer-Mafia im kenianischen Nationalpark Tsavo East ums Leben. Allein unter den Rangers kommen jährlich Dutzende zu Tode, was für ganze Familien und Dörfer lebensbedrohend ist.

Der 65-jährige Günther Bachmann ist Umweltwissenschaftler, Redner und Publizist. Bis März 2020 war der Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE).
Der 65-jährige Günther Bachmann ist Umweltwissenschaftler, Redner und Publizist. Bis März 2020 war der Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE). © Noel Tovia Matoff

Ackerbauern und durchziehende Viehhirten bekämpfen sich. Der Bau eines Staudamms bedeutet womöglich für den einen Reichtum, für andere jedoch Wasserarmut. Wo Siedlungen und Haustiere ein empfindliches Wasserregime zerstören, haben die weiter unterhalb am und vom Fluss lebenden Menschen das Nachsehen, was zu harten Verteilungskonflikten führen kann. Um das "Schwarze Gold" wurden schon etliche große Kriege geführt – im Irak, Sudan, in Nigeria oder im Südchinesischen Meer. Öl ist der Grund für unendlich viele schmutzige, kleine und hinterhältige Verbrechen; Goldgewinnung zerstört die Umwelt genauso wie die Goldmafia die Gesellschaften.

So spricht "Mutter Erde" unsere Friedensfähigkeit an

Der Coronavirus brach ursprünglich aus, wo der Mensch mit Wildtieren ungebührlich, das heißt ohne Ethik, Rücksicht und ohne auch nur einen Anflug von Hygiene und Respekt umgeht. Man nennt die Infektionskrankheiten Covid-19, HIV/AIDS, Ebola und SARS "zoonotisch" (von zoon, Tier und nosos, Krankheit), weil Viren aus dem Tierreich auf den Menschen übergehen. Sie sind die Kollateralschäden des Unfriedens mit der Natur.

Das alles ist eine ökologische Aggression und an deren Spitze steht die Aufheizung der Erdatmosphäre durch eine taumelnde Treibhauswirtschaft. Julia Roberts (und in der deutschen Version Hannelore Elsner) leiht dem Planeten ihre Stimme in einem Video der Umweltorganisation Conservation International. Als "Mutter Erde" spricht sie unsere Friedensfähigkeit direkt an: "Ich brauche die Menschen nicht, die Menschen brauchen mich. Eure Zukunft hängt von mir ab. Ich habe größere Lebewesen als Euch ernährt und ich habe größere Lebewesen verhungern lassen. Was Ihr tut, bestimmt Eurer Schicksal, nicht meines. Ich bin die Natur, ich bin bereit mich weiter zu entwickeln. Und Du?"

Genau darum muss es uns gehen: Weiterentwickeln! Nach vorne schauen! Es muss um das Wagnis gehen, in Frieden mit der Natur zu leben. Ein oberflächlich-sorgloses "Friede-Freude-Ökokuchen" meine ich nicht. Als Teil der Natur nimmt der Mensch immer Einfluss auf die Natur, tötet Mitwesen und verdrängt Lebensräume. Aber wie kann es eine deutlich friedlichere Koexistenz geben, die das menschliche Leben in und mit der Natur auf Dauer ermöglicht?

Friedensverhandlungen!

Verhandlungen der streitenden Parteien über einen Waffenstillstand, den Truppenabzug, neutrale Zonen, Abrüstung, Rüstungskontrolle kennen wir. Eines haben sie alle gemeinsam: Die streitenden Parteien wissen, wer ihnen gegenüber sitzt, wer verhandelt, wer moderiert.

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Was die Natur angeht, so wissen wir zu wenig. Einfach gesagt: Wir zertrampeln den Porzellan-Laden, ohne eine Idee davon zu haben, woher man Kaolin und Quarz bekommt und wie man den Brennofen anheizt. Lediglich die Labormaus und die Kleine Fruchtfliege sind uns in allen Einzelheiten bekannt und gelten deshalb der Wissenschaft als Modellorganismen. Das ist ein bisschen wenig für die Gestalter des Anthropozäns. Von dem Vielen wissen wir nur das Geringste.

Friedensverhandlungen mit der Natur – das heißt zunächst einmal nachsitzen, Demut erlernen und besser verstehen, was die Natur für uns bedeutet und was sie uns gibt.

Die Stunde der Politik

Enthusiastisch und naiv meinten die 50er und 60er Jahre, die Atomenergie würde die Energie der Zukunft sein und Städte würden sich dem Auto anpassen. In den 70er Jahren stellte der Club of Rome die Wachstumseuphorie in Frage. Aber die Umwelt-Reformpolitik endete, noch bevor sie richtig begann;endete noch, bevor sie richtig begann. Wenig später startete der Neoliberalismus seinen Triumphzug, in dem er die wirtschaftliche Rücksichtslosigkeit der Shareholder (Anteilseigner) gegenüber Menschen und gegenüber der Natur zur Tugend erklärte.

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Für den Frieden mit der Natur waren das leere Jahre. Die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und letztlich natürlich die Erfahrungen aus der Corona-Pandemie zeigen, dass damit Schluss sein muss, und dass das Primat der Politik richtig ist. Ein "Reset", ein Zurücksetzen auf die Prinzipien von Solidarität und Vorsorge, ist möglich. Wirtschaftsstrategien, die ihre eigene Zukunft erleben wollen, müssen alle Stakeholder (Anspruchsgruppen) und ganz besonders die Natur einbeziehen. Daran können alle mitwirken. Frieden mit der Natur fängt auch schon einmal im kleinen Alltag an, wenn Plastikbesteck ersetzt und Bienen gefördert und Lebensmittel nicht einfach weggeworfen werden. Aber natürlich gilt auch: Politik muss sich grundlegend wandeln und ihren Horizont weiter ziehen. Die Stunde der Politik schlägt derzeit laut und vernehmlich.

Schutzverantwortung auch ökologisch

Die Völkermorde in Ruanda und Bosnien waren der Grund, warum nun die Vereinten Nationen nicht nur das Recht, sondern die Pflicht haben, sich bei vergleichbaren Verbrechen in die inneren Angelegenheiten des verursachenden Staates einzumischen. Hinter der Staatssouveränität darf sich kein Völkermord mehr verbergen. Wäre man früher schon zu diesem Grundsatz gekommen und würde man ihn heute entschiedener verfolgen, hätte das vielerorts Tod, Gewalt und Leid vermindert. Ich meine, die zivilisierte Welt muss den logischen nächsten Schritt gehen und dem Völkermord auch die massive vorsätzliche Umweltzerstörung, den Ökozid, gleichstellen. So wäre die großflächige Vernichtung von Wäldern und Küstenökosystemen durch Diktatoren und unfähige Staaten zu verhindern.

Optimismus!

Technische Fortschritte, Änderungen von Einstellungen und Haltungen und selbst auch politische Erfolge gibt es sehr wohl, auch wenn die Probleme immer noch viel schneller sind als die Lösungen. Die Nachhaltigkeit ist ein Kern der geopolitischen Sicherheit. An ihm kommen Unternehmen und Staaten nicht mehr vorbei. Ohne Nachhaltigkeit gibt es weder gesellschaftliche Zustimmung, noch wirtschaftliche Erfolge. Wie kompliziert und vielfältig die Wege zu einem Frieden mit der Natur sein mögen, die Klimaneutralität gehört dazu.

Ohne Frieden ist aller Naturschutz nichts, aber die Rolle der Natur selbst bei der Vermittlung von Frieden wird noch zu wenig genutzt. Die globalen Gemeingüter sind das Erbe aller Menschen. Flüsse bekommen ihr Wasser aus den Einzugsgebieten meist vieler Staaten, Grundwasser kennt keine Grenzen, wandernde Tiere durchziehen Staaten. Meist erfordert Naturschutz die Kooperation von Völkern und Staaten. Und Kooperation treibt in der Regel den Frieden voran. Deshalb bin ich optimistisch.

In wenigen Jahrzehnten wird der Frieden mit der Natur weltweit so dringlich sein und so offensichtlich ohne Alternative erscheinen, ganz genau so wie das heute für die Verhütung eines Atomkriegs gilt. Die einzige Variable: Es kann auch viel schneller gehen. Und nach allem, was wir wissen, muss es das auch und bedarf unserer konkreten Mithilfe. Die Kinder von Moses Lelesiit und seine Frau überlebten seinen Tod nur dank der Hilfe der Internationalen Stiftung des Umweltverbandes Nabu.


Von Günther Bachmann ist gerade erschienen: "Die Stunde der Politik. Essay über Nachhaltigkeit, Utopie und Gestaltungsspielräume" (Oekom Verlag, 240 Seiten, 20 Euro, auch als E-Book). Für Interessierte empfiehlt er "Nature is speaking" (Videos von Conservation International auf Youtube)

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