Gastbeitrag von Minister Müller: "Eine Welt ohne Hunger ist möglich"

Wo es nicht genug zu essen gibt, entstehen Konflikte. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, zählt zu den grundlegenden Maßnahmen der Friedenspolitik. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in der AZ-Serie "Wie Frieden wahren?"
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Bundesentwicklungsminister Gerd Müller besucht im Flüchtlingscamp Dadaab in Kenia die Ausgabestelle für Nahrungsmittelrationen.
Bundesentwicklungsminister Gerd Müller besucht im Flüchtlingscamp Dadaab in Kenia die Ausgabestelle für Nahrungsmittelrationen. © Michael Gottschalk/dpa

Vor wenigen Tagen erhielt das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WEP) den Friedensnobelpreis 2020. Dazu gratuliere ich meinem Freund David Beasley, dem Leiter des WEP, sehr herzlich. Das ist eine großartige Auszeichnung - gerade in den Krisengebieten der Welt ist das Welternährungsprogramm ein Leuchtturm und oftmals die letzte Rettungsstation für Millionen Notleidende.

Rückschläge im Kampf gegen weltweiten Hunger

Der Nobelpreis ist auch eine Anerkennung für die vielen Organisationen und Hilfswerke, die unter schwierigsten Bedingungen in Flüchtlingscamps und Krisenregionen weltweit arbeiten.

Beim Kampf gegen den weltweiten Hunger waren wir auf einem guten Weg: Seit 1990 konnten wir die Zahl der Hungernden um 200 Millionen verringern, obwohl zwei Milliarden Menschen neu auf die Welt gekommen sind. Ein großer Erfolg. Aber in den letzten Jahren nimmt die Zahl der Hungernden wieder zu.

Durch Kontaktsperren brechen Versorgungs- und Lieferketten zusammen

Die Corona-Pandemie und ihre Folgen verschärfen die Situation jetzt dramatisch: Zusätzliche 130 Millionen Menschen fallen durch die Folgen der Pandemie in Hunger und Armut zurück. Das sind mehr als die Bevölkerung Deutschlands, Österreichs und der Schweiz zusammen!

Durch die Kontaktsperren brechen Versorgungs- und Lieferketten zusammen. Bauern können ihre Ernten nicht einholen und nicht neu aussäen, Arbeitskräfte fehlen. In vielen Entwicklungsländern können es sich die Menschen nicht mehr leisten, Essen zu kaufen. Jeden Tag verhungern so 15.000 Kinder, über fünf Millionen jedes Jahr!

Gerd Müller: "Hungerbekämpfung ist auch vorausschauende Friedenspolitik"

Covid-19 ist längst zu einer Poly-Pandemie geworden, einer Mehrfachkrise. Es hat zu einer Hunger- und Armuts-Pandemie geführt, an deren Folgen mehr Menschen sterben als am Virus selbst.

Eine Folge ist: Hunger führt zu Unruhen und verstärkt Konflikte. Wo Menschen nichts mehr zu essen haben, machen sie sich auf den Weg oder kämpfen um ihr Überleben. Hunger zu bekämpfen, ist deshalb nicht nur überlebenswichtige Nothilfe. Hungerbekämpfung ist auch vorausschauende Friedenspolitik.

Daher ist es unverantwortlich, dass Nahrungsmittelprogramme nicht ausreichend finanziert sind. Im Jemen, wo jeder zweite Mensch auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen ist, mussten die Maßnahmen um 50 Prozent gekürzt werden. Dabei kostet es nur 50 Cent am Tag, um ein Flüchtlingskind in Afrika oder im Jemen zu ernähren. Wenn wir jetzt nicht handeln, wird es später um ein Vielfaches teurer.

80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht 

Deswegen sage ich auch: Hunger ist Mord, da wir dies ändern könnten. Wir haben das Wissen und die Technologien, alle Menschen auf diesem Planeten zu ernähren.

Was ist zu tun? Wir brauchen zuallererst politische Lösungen für die Konflikte. Sonst werden wir den Hunger nie besiegen. Das zeigen Studien etwa von der Welthungerhilfe sehr deutlich. 80 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht - so viele wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

Gerd Müller: "Alle Regierungen müssen sich beteiligen"

In der Sahelregion - direkt vor Europas Haustür - mussten 3000 Schulen und viele Krankenhäuser schließen wegen des Terrors von Boko Haram, des IS und anderer Gruppen. Wo es Flucht, Vertreibung und Konflikte gibt, gibt es Hunger. Und wo Menschen hungern, gibt es Konflikte. Ein Teufelskreis, den wir endlich durchbrechen müssen!

Alle Regierungen müssen sich beteiligen, die Finanzierungslücken der UN-Hilfswerke schnell zu schließen. Sonst droht sich das Jahr 2015 zu wiederholen, als Nahrungsmittelprogramme gekürzt werden mussten und sich Hunderttausende Menschen auf den Weg machten. Deutschland hat als einer der wenigen Staaten gehandelt und mit einem weltweiten Corona-Sofortprogramm seine Unterstützung ausgebaut. Aber alle Regierungen müssen ihren Beitrag leisten.

Müller: "Wir müssen davon wegkommen, nur auf Krisen zu reagieren"

Genauso Privatunternehmen, die von der Corona-Krise besonders profitieren. Ich denke an Konzerne wie Amazon, Google, Facebook, Apple und andere. Sie machen hohe Milliardengewinne in der Krise, zahlen aber fast keine Steuern in Europa. Amazon-Chef Jeff Bezos ist in diesem Jahr um 70 Milliarden Dollar reicher geworden. Ich fände es angemessen, wenn sie sich an der Bewältigung der Krise beteiligen und die internationale Impfplattform COVAX mitfinanzieren.

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Wir müssen endlich davon wegkommen, nur auf Krisen zu reagieren und stattdessen mehr in die Krisenvermeidung investieren. Das ist vor allem eine Frage des politischen Willens. Denn eine Welt ohne Hunger ist absolut möglich. Neueste Forschungsergebnisse zeigen, wie das geht: Mit einer grünen Agrarrevolution und Investitionen von jährlich 14 Milliarden Dollar zusätzlich durch die Industrieländer bis 2030.

Das ist viel, aber machbar. Katar baut für viele Milliarden Dollar klimatisierte Fußballstadien in der Wüste, was ich für einen Irrsinn halte. 2000 Milliarden Dollar gibt die Welt jährlich für Rüstung und Verteidigung aus. Gemeinsam mit vielen Hilfsorganisationen kämpfe ich dafür, dieses Missverhältnis zu ändern.

Gerd Müller: Das sind die vier Schwerpunkte im Kampf gegen den Hunger

Die zusätzlichen Investitionen für eine Welt ohne Hunger sollten wir auf vier Schwerpunkte konzentrieren: Bauern brauchen erstens sichere Landrechte und Kredite, um zu investieren - und dies gleichberechtigt für Frauen und Männer.

Zweitens: Ohne Energie keine Nahrungsmittel. Wir haben ein Programm "energieautarke Dörfer" gestartet, damit der Aufschwung auch im ländlichen Raum ankommt. Denn der Kampf gegen den Hunger entscheidet sich auf dem Land. Dazu müssen wir den Ausbau erneuerbarer Energien vor allem in Afrika noch viel entschlossener voranbringen. Deutsche Unternehmen sind hier Weltspitze. Hier würde ich gerne noch enger mit ihnen zusammenarbeiten.

Die Bauern brauchen drittens eine Entwicklung, die von den Familien ausgeht. Zum Beispiel mit Genossenschaften, wie wir sie vor 150 Jahren in Deutschland entwickelt haben. Das heißt: Zusammenarbeit bei Anbau, Einkauf und Vermarktung. Wir in Deutschland haben besondere Erfahrung im Aufbau von Organisationsstrukturen. Deswegen arbeiten wir auch eng mit dem Deutsche Bauernverband und den Landfrauen zusammen.

Und es braucht besseres Saatgut und angepasste Landmaschinen. Viele afrikanische Agrarbetriebe erreichen nur ein Drittel ihrer möglichen Produktion. Ein Grund ist, dass vier von fünf Bauern ihr Land noch von Hand bestellen. Ein Ochsenpflug ist da schon Luxus. Mit Landmaschinen für die Kleinbauern und neuem Saatgut wären Quantensprünge möglich. Die deutsche Entwicklungszusammenarbeit hat dazu in Afrika 15 Grüne Agrarzentren gegründet, um beispielhaft zu zeigen, wie es geht. In Burkina Faso haben wir eine Reissorte aus Asien und neue Produktionsmethoden eingesetzt und innerhalb von wenigen Jahren den Ertrag verdreifacht.

Wie wäre es, wenn wir Weihnachten bewusst fair gestalten?

Aber Wissen allein genügt nicht. Notwendig ist weltweit der politische Wille zu handeln. Wenn alle Geber ihr Engagement ebenfalls erhöhen, lässt sich eine Welt ohne Hunger bis 2030 zu erreichen.

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Jede und jeder kann hier mithelfen. Wie? Zum Beispiel, indem sie gerade jetzt in der Weihnachtszeit auf faire Produkte achten. Wenn Sie zum Beispiel morgens ein Tasse Kaffee trinken, müssen sie sich im Klaren sein: Die Bauern in den Kaffeeplantagen leben meistens in Armut, viele hungern. Deutschland ist der größte Importeur für Rohkaffee. Der wird bei uns geröstet und kommt für 4 bis 6 Euro pro Päckchen in die Läden. Für die Kaffeebohnen erhalten die Bauern aber gerade einmal 25 Cent. Ich habe das selbst auf den Plantagen in Ostafrika gesehen. Und weil diese Hungerlöhne kaum zum Leben reichen, müssen Hunderttausende Kinder mitarbeiten.

"Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm ist ein Weckruf"

75 Millionen Kinder arbeiten weltweit unter ausbeuterischen Bedingungen, weil ihre Eltern nicht genug zum Leben verdienen. Sie schuften in Steinbrüchen, Textilfabriken oder auf Kakaoplantagen - auch für unsere Produkte. Gemeinsam mit Arbeitsminister Heil kämpfe ich für ein Lieferkettengesetz, um Kinderarbeit endlich zu beenden.

Wie wäre es daher, wenn wir in dieser schwierigen Corona-Zeit Weihnachten bewusst fair gestalten? Das fängt bei den Schokoladen-Weihnachtsmännern an, geht über fair produzierten Kaffee und Tee. Auch Bananen und Orangen gibt es im fairen Einkauf. Oder Kleidung, die Sie am Textilsiegel "Grüner Knopf" erkennen können. Und ansonsten sollten wir bei dem ganzen Online-Hype den lokalen Einzelhandel bei den Weihnachtseinkäufen nicht vergessen.

Der Friedensnobelpreis für das Welternährungsprogramm ist somit auch ein Weckruf für uns alle! Eine Welt ohne Hunger ist möglich. Wir alle - Regierungen, Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger - müssen nur entschlossen handeln. Jetzt.

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