Briefe einer Münchner Arbeiterin: Leben am unteren Ende der Gesellschaft

Das Buch "Ein Paar braune Stiefel - Leben und Leiden einer Münchner Arbeiterin in schweren Zeiten" ist ein überaus packendes Stück Zeitgeschichte. Lesen Sie hier ein Kapitel.
| Rosa König
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Rosa König (1895 - 1975) kam aus der Gegend von Meran nach München.
Rosa König (1895 - 1975) kam aus der Gegend von Meran nach München. © privat

München - Ihren Enkeln ist sie als eine gutmütige und gut gelaunte Person in Erinnerung. Doch wenn man die Erinnerungen von Rosa König (1895 - 1975) liest, kann man kaum glauben, dass sie an ihrem Schicksal nicht zerbrochen ist, so elend sind ihre Jugendjahre in München.

Wolfgang Stoephasius, ehemaliger Kriminalhauptkommissar, hat aus Briefen und Aufzeichnungen der Oma seiner Frau ein erschütterndes Buch rekonstruiert. Es liefert einen ganz seltenen Einblick in das Leben am unteren Ende der Gesellschaft in München zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Buch "Ein Paar braune Stiefel" erscheint am Samstag. Die AZ veröffentlicht ein Kapitel, in dem Rosa König beschreibt, wie sie als Kleinkind von Südtirol nach München kam:

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Aufzeichnungen der Oma: Ein Kapitel von Rosa König

Im Meraner Stadtteil Untermais kam ich am 26. August 1895 zur Welt. Später kam noch ein kleiner Franzl, aber er starb. Mein Vater hatte ihn gar nicht zu sehen bekommen, denn er war zu der Zeit auf einer Waffenübung im österreichischen Bruck an der Leitha, erzählte mir später meine Mutter. Einige Jahre ging alles gut, bis einige Kameraden, die nach München ausgewandert waren, immer wieder schrieben, sie munterten ihn auf, er solle doch nach München kommen, man verdiene hier viel besser als im Tiroler Land. Eines Tages war es dann so weit, dass die Ferne ihn rief und er seinen Kameraden folgte.

Die Mutter blieb zurück und nahm eine Stelle im Kurhaus von Meran als Wäscherin an. Mich betreute tagsüber eine alte Frau und mein Bruder kam zu einem Bauern auf die Berge. Nach einem halben Jahr schrieb der Vater, dass wir nachkommen sollten. Mutter wollte nicht mehr, aber sie war gezwungen ihm zu folgen, denn sie trug wieder ein Kind unter dem Herzen. Mutter packte ihre Habseligkeiten zusammen, was sie so mitnehmen konnte, alles Sonstige verkaufte sie oder verschenkte es.

Ankunft in München

An einem heißen Sommertag im Juli 1897 lief der Zug am Münchner Hauptbahnhof ein. Wir gingen durch die Bahnhofshalle, aber der Vater war nicht zu sehen. Unruhig lief die Mutter in dem riesigen Gebäude herum und suchte ihn. Bis mein Bruder ihn entdeckte und rief: "Mutter, hier liegt der Vater!" Schlafend lag er auf der Bank im Wartesaal der 3. Klasse. Nur an der abgetragenen Kleidung erkannte Mutter ihn, so war er heruntergekommen während seines Alleinseins. "Wo", fragte sie ihn "hast du deinen neuen Anzug?" Er habe ihn versetzt, sagte der Vater, im Leihhaus in der Hohenzollernstraße. "Hast du überhaupt eine Wohnung?" "Nein" war die Antwort. Ein Zimmer hätte er wohl bekommen, aber da der Alois, mein Bruder, schon ins fünfte Jahr ging, hatte der Hausherr abgelehnt. Kinder in diesem Alter durften nicht mehr bei den Eltern schlafen, es war streng verboten.

So führte uns der Weg mit unseren Habseligkeiten in den Englischen Garten. Wir nahmen Platz auf einer Bank. Als es Nacht wurde, schlichen sich meine Eltern mit uns zu einer in der Nähe liegenden Gastwirtschaft in Altschwabing. Hier, in einem Salettl, wo am Sonntag die Musik zum Tanz aufspielte, suchten wir Unterschlupf. Nachts, erzählte mir später die Mutter, zog ein schweres Gewitter mit wolkenbruchartigem Regen auf. Wir wurden nass, denn die Sprossen der luftigen Hütte ließen den Regen durchsickern. Am frühen Morgen flüchteten wir wieder in den Englischen Garten auf eine Bank. Nun, der Vater ging auf Wohnungssuche. Doch er kam unverrichteter Dinge zurück. Wir wurden bei einem Landsmann und Kameraden in der Adelheidstraße vorläufig untergebracht, in der Nähe der Kirche St. Joseph, wo beide am Bau arbeiteten. Lange konnten wir hier nicht bleiben, denn die Familie hatte ja selbst auch nur ein Zimmer.

Zusammenleben mit einem Säufer

Nun war es bald so weit, dass der Vater eine Zweizimmerwohnung in der Hohenzollernstraße bekam. Hier kam dann das Kind zur Welt, es starb aber nach sieben Monaten. Die Wohnung wurde wieder gewechselt und man zog in das Haus Destoucheshof an der Ecke Clemens/Belgradstraße 34/III. Ein Zimmer wurde vermietet an ein Ehepaar mit vier Kindern. In einem Zimmer mit Alkoven, wie man einen Raum ohne Fenster nannte, wurden Alois und ich untergebracht. Die fremden Menschen mussten durch unsere Räume gehen, um ihr Zimmer zu erreichen. Es wurden Möbel auf Abzahlung gekauft und so wurde es allmählich wohnlich.

Doch bei den Mietern ging es oft sehr turbulent zu. Der Mann war ein notorischer Säufer und schikanierte seine Familie, wenn er besoffen war. Bis eines Tages für die Frau und die Kinder die Erlösung kam. Ein Schlaganfall traf ihn beim Straßenkehren in der Apianstraße tödlich. Ganze Nächte stickte die Frau für einen Lohn von 10 Pfennig die Stunde, um ihre Kinder notdürftig zu ernähren, an Tischdecken für Geschäfte. Eine große Unterstützung vom Staat gab es damals wirklich nicht. Auch mein Vater trank mal gern einen über den Durst. Oft musste ich ihm beim Krämer an der Ecke Hohenzollernstraße und Kurfürstenplatz, wo heute eine Sparkasse steht, ein Schnapserl um 10 Pfennig holen, kaum, dass ich als kleiner Knirps den Holzgriff erwischte, der an einem Draht zu einer Glocke befestigt war. Nach dem Läuten erschien die Krämerin und ich konnte meinen Wunsch äußern.

Das erste Münchner Kindl kommt zur Welt

Hier waren links und rechts noch die kleinen Häuserl mit ihren lieblichen Vorgärten und in der Mitte vom Kurfürstenplatz stand das Zollhaus unter einigen kleinen Häusern. Die Gegend war dicht besiedelt, es war das alte Schwabing, an das ich mich noch oft erinnere. Noch denke ich an meinen Vater, als er mich auf die Schulter nahm, um vor dem Haus, in dem wir wohnten, an der Ecke Belgrad- und Clemensstraße, vor einem Geschäft den Schäfflern beim Tanz zuzuschauen. Wir standen unter einer Menge von Leuten. Es musste wohl Fasching gewesen sein, in welchem man das Jahr 1900 schrieb. Nun, in diesem Jahr, also am 22. Januar 1900, kam in der Frauenklinik in der Sonnenstraße eine kleine Susi als sechstes Kind, von denen allerdings drei nach der Geburt gestorben waren, nach neun Jahren Ehe zur Welt. Das erste Münchner Kindl aus einem alten Südtiroler Geschlecht.

Der Vater arbeitete immer noch auf dem Bau an der Josephskirche. Das Leben war sparsam und wir aßen oft mit Vater zur Mittagszeit die Klostersuppe von St. Joseph, die uns die Kapuzinerpater durch das Fenster reichten. Rings um die Kirche waren noch Wiesen und Gärtnereien. Der Turm war noch nicht fertig und auf den auf dem Vorplatz herumliegenden Balken tummelte ich herum und wir aßen auf ihnen auch unsere Klostersuppe. Allmählich wuchs die Susi heran. Der Vater war der Kleinen sehr zugetan und spielte im Bett liegend mit ihr und hob sie in die Höhe. Dabei machte er immer wieder sonderbare Bemerkungen. "Was werde ich wohl mit dem Kind noch erleben? Ich glaube, nicht mehr viel." Unerklärlicherweise streifte ihn eine leise Vorahnung.

Der Vater stirbt durch einen herunterfallenden Ziegel

"Theres", sagte er eines Tages, "ich werde wohl vor dir sterben und wenn es so sein sollte, um eines bitte ich dich, schau auf meine Kinder. Sollte ich wirklich vor dir gehen, leg mir nichts aufs Grab, ich sehe es ja doch nicht mehr, verwende es für meine Kinder." "Wenn der Tod kein Schelm ist", so sprach er weiter, "werde ich zurückkehren in meine Heimat und wieder das Schusterhandwerk ausüben." Mutter erzählte mir, dass sie wegen seiner komischen Redensarten oft ärgerlich reagierte. Auch, dass sie im Falle seines Todes wieder heiraten solle, meinte er. Worauf die Mutter antwortete: "Ja, wer wird mich schon heiraten mit drei Kindern."

Doch seine Vorahnungen haben sich bewahrheitet und das Schicksal erreichte ihn. Der Tod war doch ein Schelm. Man schrieb den 12. Juli 1900. Ein Träger trug die Ziegelsteine zum Turm hinauf, ein Ziegel fiel ihm von der Kraxe und ausgerechnet meinem unten stehenden Vater auf den Kopf. Mit einem Kopfverband kam er nach Hause. Er nahm die Verwundung nicht ernst und nach einigen Tagen ging er wieder zur Arbeit. Schließlich brach er auf der Baustelle zusammen und man brachte ihn nach Hause. Er klagte der Mutter, "Theres, ich weiß nicht, was ich habe, warum meine Füße so steif werden, ich kann nicht mehr aufstehen." Die Mutter rannte zum Arzt, dem Dr. Dittl in der Kaiserstraße, um ihn zu holen. Bis die Mutter zurück war, hatte sich eine Menschenmenge vor der Haustüre angesammelt und auch ich stand unter ihr. Plötzlich tauchte ein Wagen mit Pferdegespann auf, zwei Männer liefen ins Haus und holten meinen Vater.

Besuch im Schwabinger Krankenhaus

Auf einer Krankentrage mit einer Decke zugedeckt trugen sie meinen Vater aus dem Haus und schoben ihn in den Krankenwagen. Nachbarn hatten den Sanitätswagen geholt. Die Pferde wurden angetrieben und im Trab verschwanden sie. Ich lief die Treppe hoch, wie ich mich erinnere, und weinte um meinen Vater. Als meine Mutter zurückkam, war der Wagen schon um die Ecke verschwunden. Eingeliefert wurde er in das alte Schwabinger Krankenhaus. Die Mutter eilte gleich zu ihm, aber es stand schlecht um meinen Vater. Am zweiten Tag nach seiner Einlieferung durfte ich mit der Mutter mitkommen. Aber ich musste auf der Treppe am Eingang mit einem Milchkübel in der Hand warten. Die Mutter kam heraus und sagte, der Vater sei so müde und es wären so viele Leute im Zimmer, ich solle lieber draußen bleiben. "Geh" sagte die Mutter "hol dem Vater um 3 Pfennig eine Zitrone und um 6 Pfennig Zucker, denn er hat so Durst."

Es war wohl das letzte Verlangen von seinem Kind. Am nächsten Tag wollte die Mutter den Vater wieder besuchen. Aber man teilte ihr mit, er sei in das Krankenhaus "Rechts der Isar" verlegt worden. Dort schloss er am 26. Juli 1900, also 14 Tage nach dem Unfall, seine Augen für immer. Seine Vorahnungen sind Wirklichkeit geworden. Und sein Wunsch, keine Blumen an das Grab zu legen, hat sich auch erfüllt.

Fern vom Tiroler Land in München begraben

Zur Beerdigung musste sich die Mutter die 50 Pfennig Trambahngeld leihen. Eine Nachbarin fertigte ein Mooskreuz für 50 Pfennig an und am Haidhauser Friedhof fand er seine letzte Ruhestätte. Arm, als Schusterbub, kam er auf die Welt und arm legte man ihn in fremde Erde. Der Pfarrer, eine Krankenschwester und meine Mutter, das war alles an Menschen, was an seinem Grab anwesend war. Er, der so gerne wieder in seine Heimat, sein geliebtes Tiroler Land, zurück wollte, ihm war es nicht mehr vergönnt es zu sehen. Mit 34 Jahren senkte man ihn hinab in ein Grab in fremder Erde, das nie mehr besucht wurde.


"Ein Paar braune Stiefel", bearbeitet von Wolfgang Stoephasius (Attenkofer, 148 Seiten, 12,80 Euro), ISBN 978-3-947029-28-0, im Buchhandel oder online.

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