Störgeräusche aus der Oper

Götterdämmerung für Kent Nagano: Sein Vertrag wird wohl nicht verlängert
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Der Schein trügt: Zwischen Kent Nagano und Nikolaus Bachler weht oft ein eisiges Lüftchen.
Wilfried Hösl Der Schein trügt: Zwischen Kent Nagano und Nikolaus Bachler weht oft ein eisiges Lüftchen.

Götterdämmerung für Kent Nagano: Sein Vertrag wird wohl nicht verlängert

Dass die beiden Herren nicht miteinander können, bewies des öfteren allein ihre Körpersprache bei gemeinsamen Auftritten. Kent Nagano sagt wenig, hat es immer eilig und muss gleich wieder zu einer Probe, während Nikolaus Bachler mit selbstbewussten Sprüchen dominiert.

Nun hat der Intendant offenbar den Generalmusikdirektor weggebissen. Nach hartnäckigen, bisher jedoch von niemand wirklich bestätigten Gerüchten, will Kunstminister Wolfgang Heubisch im Herbst den Vertrag von Kent Nagano nicht mehr verlängern.

Das wäre schade: Das Bayerische Staatsorchester hat unter Nagano nach Jahren der Stagnation seinen Klang verfeinert. Es kann derzeit als bestes deutsches Opernorchester gelten. In Alban Bergs „Wozzeck“ oder Poulencs „Dialogues des Carmélites“ ist das nachzuhören. Auch aufregende Konzerte mit Bruckner-Urfassungen gelangen Nagano mit seinen Musikern.

Bedächtig

Freilich ist der Kalifornier kein Generalist wie sein Vorgänger Zubin Mehta, sondern mehr ein Spezialist fürs interessante Fach. Das macht ihn als Generalmusikdirektor anfechtbar. Bei Sängern ist der Dirigent herzlich unbeliebt. Wacklige Chorszenen im „Lohengrin“ waren ebenso wenig eine Verlängerungs-Empfehlung wie der blasse „Don Giovanni“ im letzten Herbst, der freilich vor allem vom Regisseur vergeigt wurde.

Der bedächtige, stets reflektierte Nagano ist wohl doch eher ein Konzertdirigent als ein Vollblut-Opernmensch. Auch gelang es ihm kaum, seine Stärken als Musik-Vermittler einzubringen, die ihn in früheren Chefpositionen an der Lyoner Oper und beim Deutschen Symphonieorchester Berlin auszeichneten. Leider ist er auch zu oft in Montreal und übergibt Einstudierungen wie „Eugen Onegin“, „Salome“ und sogar „Wozzeck“ an Gastdirigenten. Zu wenig Repertoire dirigiert Nagano eigentlich auch.

Gründe für einen Rauswurf sind das nicht, wenn andererseits Kunsthandwerker wie David Stahl und Ivan Liska gehalten werden. Aber es scheint, als hätte dieser allzumenschliche Theaterkrach noch weitere Verästelungen. „Das sind Vorboten von Sparmaßnahmen im Kulturbereich, die ganz Bayern zunehmend kalt erwischen werden“, unkt die SPD-Kultursprecherin Isabel Zacharias. Sie verweist auf den Weggang von Chris Dercon zur Londoner Tate Modern und die ungeklärte Peters-Nachfolge am Gärtnerplatz. „Heubisch ist dabei, namhafte Künstler zu vertreiben und dem kulturellen Niveau Bayerns zu schaden.“

Im Theater und in der Politik fehlt es an Anstand

Angesichts des für München und Christian Ude unrühmlichen Falls Thielemann sollte die SPD mit der Kritik allerdings bei sich beginnen. Auch hier gab es Gerüchte, dass der Dirigent vor allem deshalb beseitigt wurde, um in naher Zukunft geräuschlos Stellenstreichungen beim Orchester der Stadt durchsetzen zu können, für deren Fall Thielemanns Vertrag eine Ausstiegsklausel enthielt.

Die Gerüchte über Nagano sind nun in der Welt. Es wäre eine Frage des Anstands, nun die Karten auf den Tisch zu legen. Aber Anstand ist im Theater wie in der Politik rar. Wissen würde man allerdings gern, wie viele Fehlschüsse sich ein Intendant leisten darf: Eine mäßig gesungene Festspiel-Eröffnung mit einer vom internationalen Wühltisch eingekauften Regie reicht. Noch während der Festspiele wird der Premieren-Dirigent Fabio Luisi übrigens in zwei Vorstellungen durch einen Nullachtfuchzehn-Routinier ersetzt. Im besten Opernhaus der Welt, zu dem Bachler die Münchner Staatsoper gern hochlobt, müsste sich dergleichen eigentlich verbieten.

Robert Braunmüller

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