Ron Williams: "Hut ab vor der bayerischen Polizei"

Nach einer Hassmail erstattet Ron Williams Anzeige - warum er das heute macht, obwohl er in der Vergangenheit viel durchgewunken hat, erzählt er im Interview mit der AZ.
| Adrian Prechtel
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Ron Williams erhielt nach seinem Auftritt bei Maischberger Hassmails.
imago/Eibner Ron Williams erhielt nach seinem Auftritt bei Maischberger Hassmails.

Er war Ende vergangener Woche Gast bei "Maischberger", wo er über den Sturm auf das US-Kapitol und die Anhänger Trumps mitdiskutierte. Im Anschluss bekam Ron Williams eine rassistische Hassmail. Zum ersten Mal stellte er Strafanzeige. Und die Polizei hat innerhalb von vier Tagen den Täter trotz anonymisiertem, falschem Absender in Baden-Württemberg ermittelt.

AZ: Herr Williams, Sie sind lange in Deutschland, sind in Filmen und im TV präsent, haben Touren mit Shows gemacht. Warum haben Sie erst jetzt Strafanzeige gegen rassistische Drohungen gestellt?
RON WILLIAMS: Weil mich mein Freund Christian Ude dazu gedrängt hat. Und ich habe gemerkt: Er hat völlig Recht! In einer Zeit, in der die AfD in deutschen Parlamenten sitzt, antisemitische Anschläge verübt werden, muss man dagegenhalten. Von Anfang an!

"Ron, es ist Deine Verantwortung, das anzuzeigen!"

Diesmal ging es schnell, der Täter war schon nach wenigen Tagen ermittelt.
Es stimmt halt doch: mit dem Spruch von den "Lederhosn" und vor allem dem "Laptop". Mit einem Freund aus der Pfalz, der ein pensionierter Kriminaler ist, habe ich am Donnerstag telefoniert, nachdem mich die Polizei angerufen hatte, dass sie den Absender ermittelt habe. Und der Oberkommissar hat mir gesagt: "Ron, sei froh, dass Du in Bayern lebst, da sind die jetzt bei diesen Sachen echt auf Zack!"

Sie erleben die bundesdeutsche Gesellschaft seit 60 Jahren. Hat sich da der Rassismus nicht doch abgeschwächt?
Ja und Nein. In den letzten Jahren kann man ja bei den Berichten des Innenministeriums feststellen, dass rassistische Straftaten stark zugenommen haben. Ich selbst bin Jahrzehnte lang auf der Bühne und im Fernsehen gewesen. Und es gab immer wieder mal unschöne Briefe oder Anrufe. Aber das "N"-Wort kam zum ersten Mal, ich meine nicht "Neger", das ist keine Beleidigung, sondern nur blöde, aber es kam - ich will es selbst nicht in den Mund nehmen: "N.i.g.g.e.r." Und da hat der Ude gesagt: "Ron, es ist Deine Verantwortung, das anzuzeigen!" Und Frau Maischberger hat mir das am Telefon dann auch geraten.

Und was haben Sie sich selbst dann gedacht?
Wenn Du, Ron, als Träger des Bundesverdienstkreuzes und - naja - Promi nichts tust und erreichst, was soll dann erst der kleine schwarze Arbeiter oder Student tun? Und die Polizei hat mir sofort Recht gegeben. Schnell reagieren!

Lesen Sie auch

Haben Sie das bisher also nicht gemacht?
Doch, aber zurückhaltender. Als ich mit dem Hippie-Musical "Hair" nach München kam, war das Thema Schwarzsein ja zum ersten mal groß auf der Bühne. Das haben 1968 einige im Publikum und in der Presse nicht verstanden. Das Land war da noch viel konservativer, besonders Bayern. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich über die Popkultur, Bücher, Musik die Gesellschaft liberalisiert hat. Einer der Vorkämpfer war da sicher auch der Konstantin Wecker. Ich bin mit meiner One-Man-Show und diesen Themen durch Deutschland getingelt und hatte dann als erster Schwarzer eine Fernsehsendung. Es hat ja auch lange gedauert, bis man auf Postern und in der Werbung mal ein schwarzes Gesicht gesehen hat. Jetzt ist das als Spiegel der Gesellschaft ganz normal.

"Man muss das Thema  Rassismus offen ansprechen, sonst endet es so wie auf den Bildern aus Washington"

Wie wichtig ist bei diesem Prozess die Politik?
Für mich ist Christian Ude da ein leuchtendes Beispiel. Wenn man auf München schaut, war er es, der München offener gemacht hat. Man muss sich überlegen, dass er anfangs ja nur ganz knapp gegen so jemanden wie den Gauweiler gewonnen hat, dessen Mentor Franz Josef Strauß war. Aber politisch müssen wir jetzt wieder klar kämpfen, wenn da eine rechte Minderheit stärker wird und sich radikalisiert. Und wenn man in die USA schaut, wird einem schlecht. Man muss das Thema Rassismus offen ansprechen, sonst endet es so wie auf den Bildern aus Washington. Deutschland war vorbildlich in der Aufarbeitung seiner eigenen rassistischen Vergangenheit - im Fernsehen, in Magazinen, in der Presse. Man hat in den Spiegel geschaut und gesagt: So wollen wir nie wieder werden! Und jetzt muss es wieder vorbildlich werden, wenn es um den neuen Rassismus geht. Es ist einfach so, dass die Gesellschaft bunter wird, dass Schwarze ganz normal in der Politik und in den Medien häufiger auftauchen.

Empfinden Sie Genugtuung, dass man den Täter erwischt hat?
Na klar, und ich hoffe, es wird nicht nur teuer, weil es sich nur so rumspricht, dass es hier Null Toleranz gibt. 2004 habe ich das Bundesverdienstkreuz bekommen und bin danach in Wunsiedel aufgetreten bei den Luisenburger Sommerspielen. Da habe ich einen Bodyguard gebraucht. Mein Sohn und ich wurden bedroht, es gab so alle zwei Tage anonyme Drohanrufe, so dass vor meiner Wohnung - damals im Lehel - Streifenwagen vorbeischauen mussten. Aber jetzt, 2021, im Umfeld von aufkeimenden Rechtsradikalismus, Fremdenhass und Antisemitismus muss man wieder konsequent Staftaten anzeigen und verfolgen. Ich sage: "Hut ab vor der bayerischen Polizei!" Und das war früher auch anders.

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren