Wolfgang Heubisch zur Konzertsaalfrage

"Hamburg ist auf dem Sprung": Bayern ehemaliger Kunstminister und jetziger Stadtrat über den Stand der Konzertsaaldebatte
| Robert Braunmüller
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Sticht Hamburg mit der Elbphilharmonie bald die Musikstadt München aus? Der wegen explodierender Kosten berüchtigte Neubau soll am 11. Januar 2017 eröffnet werden - wenn denn alles klappt.
dpa Sticht Hamburg mit der Elbphilharmonie bald die Musikstadt München aus? Der wegen explodierender Kosten berüchtigte Neubau soll am 11. Januar 2017 eröffnet werden - wenn denn alles klappt.

Als bayerischer Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst brachte er die noch heute die Debatte bestimmenden Standorte ins Gespräch: Finanzgarten und Kongresssaal. Bei der Kommunalwahl wurde Wolfgang Heubisch in den Münchner Stadtrat gewählt. Er gehört der Fraktionsgemeinschaft von FDF, HUT und Piraten an und sitzt unter anderem im Kulturausschuss.

AZ: Herr Heubisch, was passiert in der nächsten Runde der Konzertsaaldebatte?

WOLFGANG HEUBISCH: Jetzt geht es nur noch darum, einen ordentlichen Abgang zu finden. Die zwischen Dieter Reiter und Horst Seehofer vereinbarte Zwillingslösung einer gemeinsamen Sanierung des Gasteig durch Staat und Stadt ist tot. In mehreren Diskussionsveranstaltungen sind mein Nachfolger Ludwig Spaenle und zuletzt auch der Kulturreferent Hans-Georg Küppers bereits davon abgerückt.

Küppers scheint neuerdings mit dem Bau zu rechnen.

Ich vermisse bei der Stadt ein klares Bekenntnis zum neuen Konzertsaal. Mich hat im übrigen gewundert, dass immer nur der Kulturreferent die Position der Stadt vertreten hat, und nicht der zuständige Kulturbürgermeister Josef Schmid.

Was spricht denn gegen die Zwillingslösung?

Sie bietet keinen Mehrwert. Alle Experten halten die gemeinsame Nutzung des Gasteig durch die Philharmoniker und das BR-Symphonieorchester für schwierig. Außerdem droht die Ausgrenzung von Pop- Rock- und Jazz und der privaten Konzertveranstalter. Wir müssen in München aufpassen, kulturell konkurrenzfähig zu bleiben. Die Millionen für die Elbphilharmonie werden nach der Eröffnung vergessen sein. Hamburg ist auf dem Sprung. Die Olympiabewerbung ist nur ein Zeichen für die Dynamik in dieser Stadt.

Was sollte nun als Nächstes geschehen?

Zuerst muss das Bayerische Kabinett einen Grundsatzbeschluss fassen, dass der neue Saal kommen soll. Darin sollte die Entscheidung für einen Neubau in Nürnberg einbezogen sein. Die dortige Meistersingerhalle ist völlig unzureichend, auch die Nürnberger Oper muss renoviert werden. Und das nicht nur, weil der künftige Ministerpräsident vielleicht aus dieser Stadt kommt, sondern weil es einfach notwendig ist.

Warum drängt die Zeit?

Im Herbst sind es noch zwei Jahre zur Bundestagswahl und noch drei zur Landtagswahl. Das ist kürzer, als es sich anfühlt. Daher müssen jetzt die Weichen gestellt werden, sonst sind wieder fünf Jahre verloren.

Rechnen Sie mit Schwierigkeiten?

Der Zwillingslösung wurde von der Landtagsfraktion der CSU und vom Ministerrat einstimmig zugestimmt. Deshalb ist es jetzt kein rein Münchner, sondern ein gesamtbayrisches Projekt. Es wird schwierig werden, die Abgeordneten noch einmal für dieses Projekt zu begeistern.

Gibt es für den Bau eines Konzertsaals in München überhaupt eine Landtagsmehrheit? Viele Abgeordnete aus Franken, Schwaben und der Oberpfalz sehen Projekte in München doch eher skeptisch.

Das hängt von der Stärke des Ministerpräsidenten ab. Er braucht aktive Mitstreiter im Kabinett. Da sehe ich Zustimmung. Kritische Anmerkungen wird es immer geben. In Bayern muss immer ein Ausgleich zwischen der Landeshauptstadt und den Regionen gefunden werden.

Ist es nicht rundfunkpolitisch delikat, dass der Staat einen Saal baut, der in erster Linie vom Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks genutzt werden würde?

Ich glaube, dass es dafür eine Lösung geben kann: etwa den gemeinsamen Betrieb des neuen Saals durch Staat und Stadt. Ich verstehe die letzten Äußerungen des BR-Intendanten Ulrich Wilhelm außerdem so, dass der Sender bereit ist, sich stärker zu engagieren, als es früher den Anschein hatte.

Warum haben Sie in Ihrer Zeit als Minister den Kongresssaal des Deutschen Museums als Standort favorisiert?

Dort war bis zur Gasteig-Eröffnung der große Münchner Konzertsaal. Die Lage ist gut. Leider hat das Museum damals total abgeblockt. Aber seitdem ist deutlich geworden, dass die 360 Millionen von Land und Bund für die Generalsanierung nicht ausreichen. Außerdem finde ich, dass die Verbindung von Musik und Naturwissenschaften etwas Visionäres hat. Das fehlt dem Standort am Finanzgarten.

Nach meinem Eindruck hält sich Begeisterung beim BR-Symphonieorchester über den Kongressaal in Grenzen.

Eine Ertüchtigung des alten Gebäudes halte ich für ausgeschlossen. Es müsste abgerissen und komplett neu gebaut werden. Die Isar ist übrigens kein Problem: Auch der Saal in Luzern steht am Wasser.

Ist der Finanzgarten endgültig gestorben?

Ich kann auch mit diesem Standort leben. Man könnte dort auch das Landwirtschaftsministerium in den Neubau einbeziehen. Bayern ist das letzte Bundesland mit einem solchen Ministerium, und es stellt sich schon die Frage, ob seine Kompetenzen nicht besser im Umweltministerium aufgehoben sind. Das kann ein Liberaler ansprechen, ohne den Bauern etwas Böses zu wollen: Ich bin in Großhadern aufgewachsen, als dort noch Heu eingefahren wurde.

Zuletzt wurden auch Standorte am Olympiapark und in Freiham vorgeschlagen.

Den Olympiapark finde ich prickelnd – nicht nur, weil der Vorschlag vom Münchner FDP-Vorsitzenden Andreas Keck stammt. Auch die Nähe der hervorragend besuchten BMW-Welt ist attraktiv. Aber ich fürchte, dass außerhalb des Innenstadtbereichs die privaten Sponsoren zögern. Der Vorschlag Freiham beweist aber, dass Private aus der Wirtschaft bereit sind, sich für den Konzertsaal zu engagieren.

Was halten Sie von der Idee des Sängers Thomas E. Bauer, eine gemeinnützige Aktiengesellschaft zu gründen?

Ich halte das für eine spannende Möglichkeit der Bürgerbeteiligung. Ich kann mir aber auch den vom Werkbund gemachten Vorschlag eines Runden Tisches unter Einbeziehung gesellschaftlich wichtiger Gruppen gut vorstellen. Denn im Alleingang lassen sich solche Projekte nicht verwirklichen.

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