Richard-Strauss-Tage: Ausgebeult und neu lackiert

Ein Tag bei den Richard-Strauss-Tagen in Garmisch-Partenkirchen bietet frühe Werke und eine Uraufführung von Strauss und Vaters Waldhorn.
| Michael Bastian Weiß
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Die Camerata Salzburg mit Hornist Johannes Hinterholzer.
Die Camerata Salzburg mit Hornist Johannes Hinterholzer. © Pia Clodi

München - Insgesamt zwei Uraufführungen, einige Raritäten und dazu noch ein wiederentdecktes legendäres Instrument: Die künstlerische Bilanz der Richard Strauss-Tage kann sich in diesem Jahr sehen lassen.

Das ist umso bemerkenswerter, als nach dem 2020 coronabedingt komplett ausgefallenen Festival heuer wiederum zwei größere Hindernisse zu bewältigen waren.

Im letzten Jahr hatte Alexander Liebreich die künstlerische Leitung nach kurzer Amtszeit in Garmisch-Partenkirchen hingeschmissen. Ihm war eine signifikante Überlastung des Etats vorgeworfen worden, die er wiederum mit dem Verweis auf eine wenig professionelle und damit kostenfressende Organisationsstruktur gekontert hatte.

Kontrovers war auch Liebreichs Programmplanung gewesen. Manche Straussianer fanden, dass zu viele andere Komponisten wie Sergej Prokofjew und Olivier Messiaen berücksichtigt wurden.

Rückverlagerung auf Werke von Richard Strauss

In diesem Jahr zeichnet der Musikwissenschaftler Dominik Sediv, der 2018 die Leitung des hiesigen Richard-Strauss-Instituts übernahm, für die Auswahl der gespielten Werke verantwortlich.

Und siehe da: Der Straussianer von Amtswegen verlagerte den Schwerpunkt wieder auf die Musik des einstigen Wahlbürgers der Marktgemeinde.

Auch die zweite große Feuerprobe dieses Jahres bestanden Sediv und sein Stab: die so kurzfristige wie logistisch komplizierte Anpassung der einzelnen Veranstaltungen an die pandemische Situation - während nervenzerreißend lange nicht feststand, ob die Konzerte nicht doch wieder abgesagt werden müssten. Schließlich ging jedoch alles gut.

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Und wer, wie der Rezensent, den ganzen Samstag im Schatten der Berge verbrachte, konnte überdies ein echtes Schmankerl mitnehmen. Musikfreunde wissen, dass Richards Vater, der gebürtige Oberpfälzer Franz, der wohl führende Waldhornist seiner Zeit war.

Obwohl er der Musik Richard Wagners, gelinde gesagt, skeptisch gegenüberstand (er nannte ihn den "Mephisto der Musik"), war er an der Uraufführung mehrerer seiner Musikdramen beteiligt, unter anderem, auf Geheiß Ludwigs II., der des "Parsifals".

Musikalische Schmankerl im Schatten der Berge

Sein Instrument indes, das gleichsam so viel erlebt hat, blieb für über ein Jahrhundert stumm - bis es im letzten Jahr dem Garmischer Institut geschenkt wurde, sogar noch in restaurierter Form, ausgebeult und neu lackiert.

Die Ehre, das Ottensteiner-Ventilhorn aus seinem auf einem Dachboden verbrachten Dornröschenschlaf zu erwecken, widerfuhr dem nachgeborenen Kollegen Johannes Hinterholzer. Im Michael-Ende-Kurpark spielte er das Nocturno Des-Dur, das Franz Strauss sich selbst auf den Leib geschrieben hatte. Auch, wenn man unter freiem Himmel nicht alle Nuancen unmittelbar wahrnehmen konnte, war diese Präsentation eine Offenbarung.

Denn dass das Horn so leicht, weich und grazil klingen würde, hätte man nicht erwartet. Vater Strauss war ganz offenbar kein solistischer Poser, sondern ein feinsinniger Kammermusiker gewesen. Was er wohl zu den draufgängerischen Horn-Partien seines Sohnes gesagt hätte, die dieser in seiner Reifezeit schrieb?

Uraufführung mit 145 Jahren Verspätung

In diesem Zusammenhang ist es verständlich, dass Hinterholzer später im Festsaal Werdenfels für den Vortrag des Hornkonzerts Nr. 1 Es-Dur von Richard Strauss nicht das intime alte Instrument wählt.

Seine Kollegen von der Camerata Salzburg begleiten zwar auch ohne Dirigenten durchlässig, doch mit dem voluminöseren modernen Horn kann Hinterholzer nicht nur auf jegliches Forcieren verzichten, sondern den Solo-Part unerhört subtil zum Singen bringen.

Bildlich ausgedrückt: Mit Aplomb kündigt das Orchester einen kühnen Helden an, doch es erscheint - ein Poet.

Was für einen Quantensprung der Komponist des ersten Hornkonzertes innerhalb weniger Jahre zurückgelegt hatte, wird an der noch ziemlich akademischen Konzertouvertüre h-moll Tr 41 anschaulich, die Richard als Zwölfjähriger seinem Vater widmete.

Weil die Camerata Salzburg das Schülerwerk jedoch ernst nimmt, teilt sich die Begeisterung des Hochbegabten verlustlos mit - und dies wohlgemerkt bei einer veritablen Uraufführung mit 145 Jahren Verspätung.

Das war eine Tagesreise, die sich gelohnt hat, und die für die Zukunft der Richard-Strauss-Tage hoffnungsvoll stimmt.

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