Interview

Serge Dorny: "Kunst bringt Menschen zusammen"

Der künftige Intendant der Bayerischen Staatsoper, Serge Dorny, über die Pläne seiner ersten Saison, die im September in Ansbach beginnen soll
| Robert Braunmüller
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Serge Dorny wurde 1962 in Wevelgem, Belgien geboren. Er kam 1983 nach einem kunstwissenschaftlichen Studium als Dramaturg der Brüsseler Oper ins Team von Gerard Mortier. Danach leitet er das Flandern-Festival und war künstlerischer Leiter des London Philharmonic Orchestra. Ab 2003 war er Intendant der Oper in Lyon.
Julian Baumann Serge Dorny wurde 1962 in Wevelgem, Belgien geboren. Er kam 1983 nach einem kunstwissenschaftlichen Studium als Dramaturg der Brüsseler Oper ins Team von Gerard Mortier. Danach leitet er das Flandern-Festival und war künstlerischer Leiter des London Philharmonic Orchestra. Ab 2003 war er Intendant der Oper in Lyon.

München - Am 31. Juli verabschieden sich Kirill Petrenko und Nikolaus Bachler mit "Tristan und Isolde" von der Bayerischen Staatsoper. Auf sie folgen Vladimir Jurowkski als Generalmusikdirektor und Serge Dorny als Intendant. Am Donnerstag stellten sie online den Spielplan ihrer ersten Saison vor.

AZ: Herr Dorny, überraschenderweise beginnt ihre erste Saison nicht im Nationaltheater, sondern in einer Stadt, die mancher Münchner - wie ich - noch nie betreten hat.
SERGE DORNY: Wir nennen uns Bayerische Staatsoper. Ich möchte, dass wir ein Opernhaus für den ganzen Freistaat werden. Jeder Bürger soll Zugang zu dem haben, was wir anbieten. Daher ist es wichtig, dass die Staatsoper auch außerhalb von München Präsenz zeigt und dass wir mit "Oper für alle" weiter gehen als bis zum Marstallplatz. Daher beginnen wir mit einem Konzert mit dem Bayerischen Staatsorchester unter Vladimir Jurowski. Solist ist Jonas Kaufmann.

Solisten müssen in Moskau proben

Wie geht es in München los?
Mit einem Wochenende, an dem wir viele Kurzformen von Oper und Ballett im National- und Cuvillièstheater zeigen. Es wird die einzelnen Opern aus Puccinis "Il trittico" geben, aber auch Tanz und Kammerkonzerte und das alles für acht bis 25 Euro. Auch das ist "Oper für alle". Wir haben ein fantastisches Publikum in der Staatsoper, aber ich möchte dieses Angebot noch verbreitern.

Die erste Premiere ist dann Dmitri Schostakowitschs komische Oper "Die Nase".
Dieses Werk des jungen Schostakowitsch wurde nie am Nationaltheater gespielt und war zuletzt vor über 70 Jahren im Gärtnerplatztheater zu sehen. "Die Nase" basiert auf einer Geschichte von Nikolai Gogol. Sie beschäftigt sich mit der Frage der Normalität - politisch wie gesellschaftlich. Außerdem ist die Oper wegen der eher kleinen Orchesterbesetzung coronakonform. Und es bietet mit seinen vielen Rollen die Möglichkeit, das Ensemble des Hauses vorzustellen.

Kirill Serebrennikov wird inszenieren. Er kann wegen seiner Verurteilung Russland nicht verlassen.
Er ist ein Gogol-Kenner. Serebrennikov hat in Wien "Parsifal" per Zoom inszeniert. Unsere Solisten werden mit Vladimir Jurowski und Kirill Serebrennikov in Moskau zwei Wochen am Bolschoi-Theater proben. Weil die Oper aus vielen verschiedenen Szenen besteht, ist das praktisch gut durchführbar. Dann wird die Inszenierung in München per Zoom zusammengesetzt.

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Droht da nicht politischer Ärger?
Nein. Die Inszenierung geht als Koproduktion später nach Moskau an die Novaya Opera.

Als zweite Premiere gibt es das Werk eines Komponisten, der so gut wie nie im Spielplan der Staatsoper auftaucht: von Franz Lehár.
Ich versuche für jedes Werk eine Kombination aus Dirigent und Regisseur zu finden, die zum Stück passt. Deshalb inszeniert Christoph Marthaler "Giuditta". Seine Theatersprache passt perfekt für diese Operette. Das Stück bietet musikalisch viele Möglichkeiten und ist eine Variante des Carmen-Stoffs, es ist Lehárs letztes Bühnenwerk und wurde 1934 auch in einem Opernhaus uraufgeführt: der Wiener Staatsoper.

"Jeder Mensch ein König" 

Das Großwerk in der zweiten Spielzeithälfte sind die "Trojaner" von Hector Berlioz.
Die letzte Münchner Aufführung war vor 20 Jahren mit Zubin Mehta, Deborah Polaski und Waltraud Meier. Hector Berlioz war ein Visionär, aber in deutschen Opernhäusern ist er unterrepräsentiert, obwohl zwei seiner Werke in deutschen Opernhäusern uraufgeführt wurden: "Béatrice et Bénédict" in Baden-Baden und "Die Trojaner" in Karlsruhe. In der ersten Spielzeit wird es auch Leos Janáceks "Das schlaue Füchslein" und Benjamin Brittens "Peter Grimes" geben.

Vor vielen Jahren nannte ein Journalist die Opernfestspiele einen "Sommerschlussverkauf mit erhöhten Preisen". Lässt sich an diesem Konzept etwas ändern?
Ich muss dazu etwas ausholen. Die Staatsoper hat etwa 80 Werke im Repertoire: die üblichen Klassiker von Mozart über Rossini und Donizetti zu Wagner, Verdi, Bizet, Puccini und Richard Strauss. Diese Opern spielen wir mit vielen Künstlern, die Sie bereits kennen und die seit Jahren mit dem Haus verbunden sind: Anja Harteros, Anna Netrebko, Diana Damrau, Jonas Kaufmann, Piotr Beczala, Christian Gerhaher. Das ist die Basis. Wir versuchen, diese Aufführungen durch ein Motto zu ordnen, um die Aktualität zu betonen. Es lautet "Jeder Mensch ein König" - ein Zitat des ungarischen Schriftstellers und Philosophen Dezso Kosztolányi, mit dem wir untersuchen wollen, wie sehr uns die Begegnung mit Gegensätzen bereichern kann.

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Was bedeutet das für die Festspiele?
Wir gliedern sie durch den Bezug auf das Spielzeitmotto. Außerdem wird es einen Schwerpunkt geben, der im ersten Jahr mit der Premiere von "Capriccio" bei Richard Strauss liegen wird. Außerdem sollten Sie die Strahlkraft der Festspiele nicht unterschätzen. Viele internationale Besucher möchten die Premieren der Spielzeit konzentriert sehen. Dafür ist der Zeitpunkt Ende Juli vor den Bayreuther und Salzburger Festspielen günstig.

Was vorher "Festspiel+" war, findet nun im Mai statt?
Im Festival "Ja, Mai" möchten wir uns auf zeitgenössische Theater- und Musiksprachen konzentrieren. Hier werden wir mit anderen Münchner Institutionen wie dem Münchener Kammerorchester, dem Volkstheater, den Kammerspielen und dem Residenztheater zusammenarbeiten. Die drei als Zyklus gedachten Kammeropern "Bluthaus", "Koma" und "Thomas", die der Komponist Georg Friedrich Haas mit dem Schriftsteller Händl Klaus geschrieben hat, wurden noch nie zusammen aufgeführt. Wir kombinieren sie mit der Musik von Monteverdi, die ebenfalls Themen wie Liebe, seelische Traumata und Tod behandelt.

Was haben Sie von Gerard Mortier über Oper gelernt?
Die Leidenschaft. Wir leben in einer Gesellschaft mit unglaublich vielen Möglichkeiten der Kommunikation. Trotzdem gibt es wenig Dialog. Kunst bringt Menschen zusammen. Oper und Theater sind eine der wenigen Orte, an denen Menschen gemeinsam atmen und gemeinsam unterschiedlich reagieren können und wo die Vereinzelung aufgehoben wird. Außerdem habe ich von Mortier gelernt, dass alles, was man künstlerisch macht, eine Notwendigkeit besitzen muss.

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