Interview

Neues Album von Hilary Hahn: Der letzten Note näher kommen

Hilary Hahn über den Stress solistischer Auftritte, Erfahrungen mit einer modernen Serenade und ein Leben ohne Live-Auftritte.
| Dorothea Walchshäusl
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Die Geigerin Hilary Hahn wurde 1979 in Lexington, Virginia geboren. Ihre Vorfahren stammen aus der Pfalz, sie selbst gab mit sechs Jahren ihr erstes Konzert. Ihr deutsches Debüt gab sie 1995 unter Lorin Maazel beim BR-Symphonieorchester.
Die Geigerin Hilary Hahn wurde 1979 in Lexington, Virginia geboren. Ihre Vorfahren stammen aus der Pfalz, sie selbst gab mit sechs Jahren ihr erstes Konzert. Ihr deutsches Debüt gab sie 1995 unter Lorin Maazel beim BR-Symphonieorchester. © dpa

Ein Jahr lang hatte sich Hilary Hahn zum Sabbatical zurückgezogen. Nahezu zeitgleich begann die Corona-Pandemie. Nun meldet sich die Geigerin mit ihrem Album "Paris" zurück, für das sie zusammen mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France Werke von Einojuhani Rautavaara, Sergej Prokofiev und Ernest Chausson eingespielt hat. Ein Gespräch über Komponisten, das Gewicht letzter Töne und Tränen auf der Bühne.

Hilary Hahn: "Paris ist für mich eine totale Künstlerstadt"

Mrs. Hahn, Ihr neues Album ist eine musikalische Hommage an Paris - was bedeutet Ihnen diese Stadt?
HILARY HAHN: Paris ist für mich eine totale Künstlerstadt mit einer großen Geschichte. Das spürt man an jeder Ecke. Wie gerne hätte ich dieses Verschmelzen der verschiedenen Genres selbst erlebt. Ich finde es unheimlich inspirierend, mit anderen Menschen über ihre Wahrnehmung von Kunst zu sprechen. Auch das Spielen von Musik, die jemand anderes geschrieben hat, erfordert ja eine Menge Einfühlungsvermögen. Das ist wie ein kreativer Tanz zwischen dem Komponisten und dem Interpreten.

Sergej Prokofjews Violinkonzert Nr. 1, das Sie auf dem Album spielen, bezeichnen Sie selbst als "Rennstrecke" und geben entsprechend Gas. Sie haben das Werk oft aufgeführt. Ist es eines Ihrer Lieblingsstücke?
Ja, absolut - das ist ein phänomenales Stück! Es wurde von einem genialen Komponisten geschrieben, der hier sehr innovativ gearbeitet hat. Das Herzstück ist der zweite Satz, das alleine ist schon ungewöhnlich. Dann diese Fülle an Stimmungen, durch die er geht und wie er diese wieder zusammen bringt. Es ist immer wieder aufs Neue spannend, diesen Prozess zusammen mit dem Publikum zu durchlaufen - da stößt man auf Dinge, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat.

Hahn: "Rautavaaras Stücke sind sehr vom Theater inspiriert"

Erstmals sind auf dem Album die "Deux Serenades" von Einojuhani Rautavaara zu hören. Wie würden Sie die Tonsprache des finnischen Komponisten beschreiben?
Rautavaaras Stücke sind sehr vom Theater inspiriert und haben eine große Tiefe. Ich liebe es, wie viele Varianten des Ausdrucks er hat und welche Emotionen zum Tragen kommen.

Die Serenaden hat Rautavaara ganz kurz vor seinem Tod komponiert, ohne dass Sie davon wussten.
Es war sehr besonders, das wirklich letzte Stück eines erst vor kurzem verstorbenen Komponisten zu spielen. Wir haben das nie ausgesprochen, aber es war uns allen stillschweigend klar: Mit jeder Note, die wir mehr spielen, kommen wir der letzten Note näher, die er geschrieben hat. In der Kunst gibt es ja nicht viele Dinge, die absolut sind. Aber das hier war solcher Punkt - und gleichzeitig der Beginn einer kreativen Schöpfung und Interpretation.

Eine solche Aufführung erfordert Kontrolle und Intuition im gleichen Moment. Ist das manchmal ein Widerspruch?
Nein, eigentlich nicht. Ich kombiniere das. Aber es war ein Lernprozess. Ich habe lange keine Solorecitals gegeben. Als mein Bach-Soloalbum herauskam, wusste ich, nun ist es an der Zeit. Das erste Mal habe ich mein Soloprogramm bei einem Hauskonzert gespielt und es war schrecklich. Das waren die unangenehmsten eineinhalb Stunden meiner ganzen Karriere. Ich wusste zwar, wie diese Musik zu spielen ist, aber ich habe mir selbst nicht vertraut.

Hahn: "Alles was ich tun kann, ist, jeder Note Zeit zu geben"

Eine heftige Erfahrung. Wie ging das damals weiter?
Das zweite Konzert lief gut, aber ich war immer noch sehr angestrengt. Die dritte Aufführung war eine Live-Übertragung im Radio. Bei der Generalprobe machte ich ständig Fehler und musste aufhören. Ich hatte solche Sorge, eine Passage im Konzert zu verpatzen, dass ich, als der Radioproduzent mich während der Probe auf eine Kleinigkeit hinwies, zu meiner eigenen Überraschung in Tränen ausbrach! Aber das Konzert lief gut. Es war ein Wachstumsprozess, und ich habe damals verstanden: Alles was ich tun kann, ist, jeder Note Zeit zu geben und mir selbst und dem Moment zu vertrauen. Diese Erkenntnis hat mein musikalisches Leben total verändert.

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Das Bild von der Perfektionistin Hilary Hahn ist also falsch?
Ja. Ich weiß, dass viele Leute das glauben. Aber ich habe schlicht nicht die Energie, um eine Perfektionistin zu sein. Und ich stelle mir das auch sehr hart vor gegen sich selber. Letztlich geht es bei der Kunst darum, Intention mit Kommunikation zu verbinden. Und darum zu ringen, dass das, was man mit einem Stück sagen möchte, letzten Endes auch beim Hörer ankommt. Das liebe ich auch an einer Live-Aufführung. Sie können neben mir sitzen und eine völlig andere Wahrnehmung haben. Dann kann ich darauf reagieren und darüber sprechen. Das ist unglaublich spannend.

Genau das macht Corona gerade unmöglich. Wie sehr vermissen Sie die Konzerte vor Publikum?
Oh, ganz schrecklich. Die Aufführungen sind die Momente, in denen ich all meine inneren Gefühle ausdrücken kann, meine Frustration, meinen Schmerz und mein Glück. In den vergangenen Monaten hatte ich kein anderes Ventil dafür. Da gibt es also jede Menge auszudrücken, wenn ich wieder auf der Bühne stehe.


Hilary Hahn: "Paris" (Werke von Chausson, Prokofjew und Rautavaara; Orchestre Philharmonique de Radio France, Mikko Franck, Deutsche Grammophon)

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