Als Corona noch experimentell wirkte

Ein Konzertvideo der Münchner Philharmoniker vom vergangenen Mai: Rudolf Buchbinder spielt und dirigiert Konzerte von Haydn und Beethoven.
| Michael Bastian Weiß
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Rudolf Buchbinder beim Proben, der die Aufführung dann auch vom Klavier aus leitet.
Rudolf Buchbinder beim Proben, der die Aufführung dann auch vom Klavier aus leitet. © Uli Neumann-Cosel

Als dieses Konzertvideo entstand, Ende Mai des vergangenen Jahres, waren die Orchester noch dabei, sich in die pandemiebedingt veränderte Situation einzufinden. Sieht man einmal von den wirtschaftlichen Problemen ab, die für die meisten Klangkörper ja noch lange nicht überstanden sind, ergab sich eine speziell künstlerische Herausforderung: Wie sollen viele Spieler eine Einheit ergeben, wenn sie in großen Abständen zueinander sitzen und sich somit viel schlechter hören können als sonst? Zumal in der Philharmonie mit ihrer berüchtigten Akustik? Die noch dazu ganz ungewohnt reagiert, wenn - wie bei dieser Aufzeichnung - im Saal kein Publikum anwesend ist?

Münchner Philharmoniker haben sich den Bedingungen angepasst

Bringt man sich diese Umstände in Erinnerung, imponiert es umso mehr, wie rasch sich die Münchner Philharmoniker damals an diese Bedingungen anpassten. Ab den ersten Takten des Klavierkonzerts Nr. 11 D-Dur von Joseph Haydn ergießt sich in der Philharmonie ein sonniger, aber nicht greller, sondern wärmender Klang. Und im Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur von Ludwig van Beethoven erstrahlt ein in sich stabiles Tutti, verschmelzen die reduziert besetzen Streicher zu biegsamen Melodielinien, können sie mit flauschigen Akkorden begleiten - und das sogar jetzt ohne Dirigenten am Pult!

Lesen Sie auch

Dank der geschickten Kameraführung kann man aus nächster Nähe beobachten, wie der Pianist Rudolf Buchbinder, der die Aufführung vom Klavier aus leitet: Er gibt besonnene Tempi vor, in denen sich die Musiker frei verwirklichen können. So hat zum Beispiel das Fagott buchstäblich Luft, um auf einem einzelnen Ton ein kleines vergnügtes Vibrato anzubringen. Mit einfachen, aber wirkungsvollen Bewegungen der Hand, der Schulter oder auch einmal einem bloßen Nicken mit dem Kopf nimmt Buchbinder die Philharmoniker bei der Erkundung des Werkes mit, so neugierig, als ob es das erste Mal wäre. Nur zu erahnen ist, wie oft er dieses Konzert gespielt hat - allein der Rezensent hat es zweimal live mit ihm gehört. Und doch blitzt auf seinem Gesicht ein Lächeln auf, wenn er den Philharmonikern im Finale einen knackig tiefen Akzent hinwirft und die Bläser schelmisch reagieren. Wenn sich diese Freude so verlustlos in einer Aufzeichnung mitteilt, wie groß wird sie erst sein, wenn wir Buchbinder und die Philharmoniker wieder im Konzert erleben dürfen! 


Noch bis einschließlich Donnerstag unter www.mphil.de

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren