Interview

Jakob Dylan: "Musik als Mix aus Ort, Zeit und Leuten"

Ein Gespräch mit Jakob Dylan über das Songschreiben und das neue Album mit der Band Wallflowers.
| Dominik Petzold
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Jakob Dylan, US-amerikanischer Musiker. Das Album "Exit Wounds" seiner Band The Wallflowers ist gerade erschienen.
Jakob Dylan, US-amerikanischer Musiker. Das Album "Exit Wounds" seiner Band The Wallflowers ist gerade erschienen. © dpa

Eines ist von vornherein klar: Man sollte Jakob Dylan nicht mit Fragen zu seinem Vater Bob nerven. Die lässt er seit Jahrzehnten routiniert abperlen. Aber der 51-Jährige ist selbst interessant genug: Seit Anfang der Neunziger hat er viel tolle Musik gemacht, solo und mit den Wallflowers. Deren neues Rockalbum "Exit Wounds" ist großartig. Ein Gespräch über seine Karriere, über Songwriting und, dann doch, über ein Lied seines Vaters.

AZ: Mister Dylan, muss ein großer Song unbedingt einen großartigen Text haben?
JAKOB DYLAN: Das hängt davon ab, was man darunter versteht. "Dark End Of The Street" ist ein großartiger Text, "Gabba Gabba Hey" von den Ramones aber auch. Manchmal geht es um eine eindringliche Botschaft, manchmal nur um ein Gefühl. Je besser Text und Melodie verknüpft sind, umso eher kann der Zuhörer einen Song genießen - auch wenn er keine Idee hat, wovon der Sänger singt. Amerikanische Musik hört man auf der ganzen Welt, und die Leute schätzen die Texte, auch wenn sie gar nicht wissen, wovon sie handeln. Weil sie Gefühle und Bilder erzeugen - und das ist, was ein guter Song leisten muss.

Ihre neuen Songs haben Sie vor der Pandemie geschrieben, aber während der Trump-Jahre. Hatte das einen Einfluss auf die Texte?
Natürlich. Es war nicht angenehm, in dieser Zeit hier zu sein, wir waren umgeben von Wahnsinn und Blödsinn. Aber als Songwriter kann man sich - mit Blick auf Inspiration - über diese Jahre nicht beschweren.

Veröffentlicht haben Sie die Songs unter dem Namen "The Wallflowers", dabei wechseln die Musiker oft und bei diesem Album sind alle zum ersten Mal dabei. Wieso ist das dann kein Solowerk? Wegen des Sounds?
Ja. Solo könnte ich auch eine Bluegrass-Platte machen oder mit einer Jugband spielen, da gibt es keine Grenzen. Aber mit dem Namen Wallflowers ist ein bestimmter Sound verbunden, und an diesem habe ich lange gearbeitet.

"Ich hatte auch schon die falschen Leute"

Sagen Sie den jeweiligen Musikern exakt, was sie wollen?
Es ist nicht schwer für mich, sie dazu zu bringen, wie die Wallflowers zu klingen - wenn ich die richtigen Leute um mich habe. Ich hatte auch schon die falschen Leute, und dann kann ich es nicht.

Sie haben auch mit vielen verschiedenen Produzenten gearbeitet. Um den Sound frisch zu halten?
Ja, aber mit manchen hat es auch nicht so viel Spaß gemacht. Manchmal arbeitet man mit den Produzenten mit den größten Namen am schlechtesten zusammen. Es funktioniert halt nicht mit jedem. Manche Produzenten mögen für andere gut sein, aber ich habe mit ihnen keine guten Ergebnisse erzielt.

Mit welchen ihrer Alben sind Sie unglücklich?
Ich mag alle, aber "Red Letter Days" litt unter der Aufnahmetechnologie, die damals aufkam: Wir wussten nicht, was wir mit dem Computer anstellen sollen. Und bei meiner Soloplatte "Seeing Things" wollte ich gar keine akustische Platte machen. Da gab es viele Missverständnisse, so dass ich letztlich ein Album mit Songs machte, die fast wie Demos klangen, nur um endlich fertig zu werden. Manchmal muss man halt einsehen, dass einem eine Platte entglitten ist.

"Nach L.A. ziehen die Leute immer, wegen der Filmstudios und der Musik"

2020 erschien der Dokumentarfilm "Echo in The Canyon", an dem Sie beteiligt waren. Er setzt der L.A.-Musikszene des Laurel Canyon der 60er ein Denkmal, wo unfassbar viele legendäre Musiker lebten.
Wenn etwas irgendwo losgeht, ziehen die Leute halt dahin. In anderen Städte wie Athens oder Seattle war es aber so: Als jedermann dorthin zog, war es vorbei. Aber nach L.A. ziehen die Leute immer, wegen der Filmstudios und der Musik. Es ist gar nicht so erstaunlich, dass damals so viele begabte Leute dort waren. Und man könnte genauso gut einen Film über das San Francisco des Jahres 1968 machen oder über das New York von 1985.

Tom Petty schwärmt im Film von den Bands seiner Jugend.
Er hatte kurz vor seinem Tod dieselbe Leidenschaft für Musik wie immer, er hat nie aufgehört, Musik zu betrachten wie als Teenager. Viele von uns ändern sich, werden erwachsen, hören nicht mehr so viel Musik. Tom aber war ein musikalischer Gigant und Superstar und blieb doch zugleich Fan. Er war sehr zufrieden mit dem, was er geschafft hatte. Ich kenne viele Musiker aus seiner Generation, die nicht so zufrieden mit ihrem Rang in der Popwelt waren.

Ihr neuer Song "Who's That Man Walking 'round My Garden" klingt nach Tom Petty.
Das war Absicht. Der Song erinnert an seine Alben "Full Moon Fever" oder "Into The Great Wide Open". Ich habe damit meinen Hut vor ihm gezogen. Wir haben sein Ding gemacht - völlig schamlos.

Musik verändert ihre Bedeutung

Lieben Sie die Musik auch noch wie als Teenager?
Ich denke schon. Allerdings kann Musik nicht mehr dieselbe Bedeutung haben wie bei einem 15-Jährigen. Da kann man sich mit Musik identifizieren, kann herausfinden, wer man ist. Wenn ich einen Song höre, den ich mit 15 gehört habe, stellt sich bei mir eine nostalgische Erinnerung ein. Dasselbe Gefühl kann man bei neuer Musik nicht mehr entwickeln. Sie kann nicht mehr dieselbe Rolle im Leben spielen. Das Gehirn muss Raum für viel mehr Dinge schaffen, als das mit 15 nötig war.

Welche Musik hat Sie damals bewegt? The Clash?
Ja, aber auch andere Bands, vor allem englische. Ich bin in den frühen 80ern aufgewachsen, da lief großartige Musik im Radio, auch wenn ich weiß, dass das nicht jeder so sieht.

Kürzlich haben Sie eine Huldigung über Joe Strummer von The Clash geschrieben. War er Ihr Idol?
Er war und ist eine große Inspiration, aber ich benutze das Wort Idol nicht allzu häufig. Damit ist Anbetung verbunden, und ich bete keine anderen Menschen an, ich verehre ihre Werke, ihren Spirit, ihr Talent.

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"Ich wollte nie irgendetwas beweisen"

Zurück zu den Wallflowers. Sie hatten ihren Durchbruch in den 90ern mit dem millionenfach verkauften Album "Bringing Down The Horse". War das eine Erleichterung, weil sie nichts mehr beweisen mussten?
Ich wollte nie irgendetwas beweisen. Ich habe auch nie verstanden, wem man etwas beweisen sollte und wozu. Diese Platte machte mir jedenfalls klar, dass ich etwas habe, womit ich viele Leute erreichen kann, wenn ich hart arbeite.

Ihre nächste Platte "Breach" verkaufte sich schlechter...
...Alben wie "Bringing Down The Horse" können nicht wiederholt werden. Pearl Jam hat nie ein Album gemacht, das so populär war wie "Ten", und Nirvanas "In Utero" hat sich nicht so verkauft wie "Nevermind". Mit wenigen Ausnahmen haben Künstler nur einen Moment extremen Erfolgs.

Wie sind Sie eigentlich auf den Namen "The Wallflowers" gekommen?
Ich erinnere mich daran, wie vier von uns in einem Diner saßen und Ideen austauschten. Bands haben meist einfach einen Namen, mit dem keiner ein Problem hat. Hinter dem Namen steckte nichts weiter.

Einen unerhörten Bandnamen finden? "Viel Glück!"

Es gibt aber einen Bob-Dylan-Song namens "Wallflower".
Wenn man seine Band nach etwas benennen will und ein Problem damit hat, dass er es in einem Song erwähnt hat, dann viel Glück! Sie reden hier von jemandem, der Hunderte unveröffentlichte Songs hatte, und als ich die Band "Wallflowers" nannte, war das einer davon.

Ich widerspreche Ihnen ungern, aber der Song wurde schon 1973 von Doug Sahm veröffentlicht.
Ja, aber ich wusste damals nichts von seiner Version.

Eine tolle Version.
Stimmt. Aber wenn mir das Sorgen bereitet hätte, wäre ich nie in der Lage gewesen, meiner Band einen Namen zu geben. Wenn Sie ein Wort wissen, das er nicht benutzt hat, lassen Sie es mich wissen.

Sie haben vier erwachsene Söhne, und die "American Diabetes Association" hat Sie mal zum "Vater des Jahres" ernannt.
Ich habe hart daran gearbeitet, also danke an alle, ich kann gar nicht glauben, dass ich gewonnen habe! Im Ernst: Das ist eine Organisation, die mir wichtig ist, aber da geht es eher darum, Spenden zu sammeln und die Aufmerksamkeit auf ein Anliegen zu lenken. Es gibt so viele Menschen auf der Welt - und ich soll der Vater des Jahres sein?

Ich wollte Sie eigentlich im Namen aller Väter, die dieses Interview lesen, um Rat fragen.
Okay, mein Rat lautet: Versuche nicht, der beste Freund sein zu müssen, versuche einfach, ein guter Vater zu sein. Für die meisten Dinge im Leben gibt es keine Anleitung. Ich habe keinen Rat für irgendjemanden. Außer einen: Bringe niemals eine ehemalige Band wieder zusammen. Und sonst im Leben? Keine Ahnung, ich versuche immer noch, es herauszufinden.


The Wallflowers: "Exit Wounds" (New West Records/PIAS-Rough Trade)

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