Interview

Neues Album von Los Lobos: Eingeschworene Gemeinschaft

Steve Berlin, der Saxofonist der Band Los Lobos, spricht über seine musikalische Liebeserklärung an Los Angeles.
| Dominik Petzold
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Die Band Los Lobos auf einem Hügel mit Blick auf Los Angeles. Der Bandleader Steve Berlin ist der Bärtige in der Mitte.
Die Band Los Lobos auf einem Hügel mit Blick auf Los Angeles. Der Bandleader Steve Berlin ist der Bärtige in der Mitte. © Piero F. Giunti

Die Band verbeugtsich auf dem Cover-Album "Native Sons" vor der Musik ihrer Heimatstadt Los Lobos: Native Sons. Ein Gespräch mit Saxofonist und Keyboarder Steve Berlin über das Spielen fremder Stücke und die Geschichte dieser eingeschworenen Band, aus der in fast 50 Jahren kein einziger Musiker ausgestiegen ist.

AZ: Mr. Berlin, wieso haben Sie diesmal keine eigenen Songs aufgenommen?
STEVE BERLIN: Normalerweise nehmen wir uns zwei Monate am Stück Zeit für ein Album, aber als wir 2019 planten, blickten wir auf ein ziemlich vollgestopftes Jahr 2020. Wir hätten nur an den Wochenende Zeit zum Aufnehmen gehabt und vielleicht mal eine Woche hier, eine Woche da. Deshalb haben wir beschlossen, diesmal ein Cover-Album zu machen. Und wir hielten es für eine gute Idee, dem Ganzen einen Rahmen zu geben. So kam die Idee auf, das Album Los Angeles zu widmen.

Wie haben Sie die Songs gewählt?
Wir wollten einigen Leuten die Ehre erweisen, zum Beispiel den Blasters, die für die Entwicklung unserer Band sehr wichtig waren. Ansonsten wollten wir unserer musikalischen Fantasie keine Grenzen setzen, uns nicht auf einen Stil beschränken und Songs finden, denen wir unseren Stempel aufdrücken konnten.

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Welcher Song war am kompliziertesten?
"Sail On, Sailor" von den Beach Boys. Wir arbeiten nämlich sonst selten mit Background-Gesang, das mögen die anderen einfach nicht. Der Jackson-Browne-Song "Jamaica Say You Will" war auch eine Herausforderung, das ist nicht der Stil, in dem wir uns sonst bewegen.

Los Lobos: Weitentwicklung "fernab des öffentlichen Interesses" 

Mussten Sie auch Songs verwerfen?
Nein. Die Songs, die wir ausgewählt haben, sind letztendlich auf dem Album zu hören. Wir hatten aber im Lockdown zwischen den Aufnahmesessions auch viel Zeit, um über alles genau nachzudenken.

Die Songs "Farmer John" und "Where Lovers Go" spielte die Band schon in den frühen Siebzigern, als sie auf Hochzeiten, bei Partys und in Restaurants auftrat. Auch wenn Sie als einziger erst später einstiegen: Wie wichtig war diese Zeit für die Band?
Extrem wichtig. In der Zeit konnten alle ihre Persönlichkeit finden und erwachsen werden. Alle hatten schon Kinder, mussten sich persönlich entwickeln und lernen, mit Menschen umzugehen - auch mit den anderen Menschen in der Band. In manchen Bands lernen die Leute das nie. Aber die Mitglieder von Los Lobos eben schon, und sie wurden eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie entwickelten sich fernab des öffentlichen Interesses, denn außerhalb von East L.A. kannte niemand diese Band. Es war wie die Zeit der Beatles in Hamburg, als sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit richtig gut wurden - auch wenn man Los Lobos nicht mit den Beatles vergleichen kann. Viele andere Bands sind dagegen auf frühen Erfolg emotional nicht vorbereitet.

Berlin: Fans sollte man wie seine Familie behandeln

Ist diese lange Anlaufzeit der Grund, weshalb die Band noch immer in derselben Besetzung spielt? In knapp 50 Jahren ist niemand ausgestiegen.
Ja, aber wir haben die Dinge auch immer auf unsere eigene Weise gemacht. Wir sind zum Beispiel nie länger als drei Wochen auf Tour gegangen. Wenn Musiker monatelang in einem Tourbus sitzen, ist es sehr leicht, sich gegenseitig hassen zu lernen und töten zu wollen.

Zurück zum Covern: Sie haben bei ihren Live-Konzerten schon immer viele Songs anderer Künstler gespielt, oft von den Grateful Dead. Gibt es da eine besondere Verbindung?
Ja. Jerry Garcia war ein großer Fan von uns, und er war sehr großzügig zu uns in einem Stadium unserer Karriere, als das sehr wichtig für uns war. Er hat David Hidalgo mal eine unbezahlbare Gitarre geschenkt - einfach so. Und sehr geprägt hat uns der Ansatz der Grateful Dead, die Fans als Familie zu betrachten. Man sollte sie nicht nach dem Motto behandeln: Ich bin der Star, und du bist mein Fan. Wenn man sie wie seine Familie behandelt, wissen sie das sehr zu schätzen.

"Native Sons" ist nicht Ihr erstes Cover-Album: Sie haben schon mal Songs aus Walt-Disney-Filmen aufgenommen. Wie kam das zustande?
Wir hatten einen Plattenvertrag bei Walt Disney und mussten noch ein Album abliefern. Die Leute vom Label schlugen vor, dass wir alte Walt-Disney-Songs covern. Das haben wir sehr genossen, wir sind tief in den Katalog eingetaucht, da gibt es Tausende Songs aus den ganzen Filmen. Wir haben ein Album gemacht, das Kinder und Erwachsene anhören können, und ich bin sehr glücklich mit dem Ergebnis.

Jammern nicht manche Eltern, dass ihre Kinder hundertmal am Stück das Sieben-Zwerge-Lied oder etwas aus dem "Dschungelbuch" hören wollen?
Doch, davon habe ich tatsächlich gehört. So sind Kinder halt, wenn ihnen etwas gefällt, wollen sie es immer und immer wieder.

Berlin: "Man muss Lieder aufnehmen, wenn sie noch frisch sind"

Haben Sie im Verlauf Ihrer Karriere auch Alben aufgenommen, bei denen es im Studio nicht so lief?
"By The Light Of The Moon" hat keinen Spaß gemacht. Normalerweise brauchen wir sechs oder acht Wochen, aber an diesem Album haben wir ein Jahr lang gearbeitet. Und bei "The Neighborhood" haben wir herausgefunden, wie wir auf gar keinen Fall arbeiten wollen.

Aber das ist doch ein großartiges Album.
Im Nachhinein schon, aber das Problem war: Wir gaben den Produzenten-Job unserem Toningenieur Larry Hirsch, der noch nie ein Album produziert hatte. Er wollte, dass wir die Songs erst lernen, ein paar Monate live spielen und dann aufnehmen. Das klingt in der Theorie nicht verkehrt, aber in der Praxis war es grauenvoll: Als es so weit war, die Songs aufzunehmen, waren wir ihrer schon überdrüssig. Man muss Lieder aufnehmen, wenn sie noch frisch und alle begeistert davon sind. Weil wir das wussten, wurde unser nächstes Album "Kiko" auch so gut. Wir konnten die Songs noch nicht, als wir sie aufnahmen, und hatten viel Raum zu experimentieren.

Trotzdem denken viele Fans bei Los Lobos nur an Ihren Nummer-eins-Hit "La Bamba", der ebenfalls eine Cover-Version ist. Verletzt Sie das?
Gar nicht. Der Song war in einem Film zu hören, viele Leute haben so zum ersten Mal von uns gehört, und ein Teil davon ist uns bis heute treu geblieben. Und durch "La Bamba" wissen wir wenigstens, wie es ist, einen Hit zu haben.


Los Lobos: "Native Sons" (CD, Vinyl, Download bei New West Records)

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