Dirigent des Neujahrskonzerts 2022: Strenger Meister freier Entfaltung

Daniel Barenboim dirigiert das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.
| Michael Bastian Weiß
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Letztes Jahr noch ohne Publikum, diesmal 2Gplus, aber volle Besetzung mit Maske: Die Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim beim Neujahrskonzert im Großen Saal des Wiener Musikvereins.
Letztes Jahr noch ohne Publikum, diesmal 2Gplus, aber volle Besetzung mit Maske: Die Wiener Philharmoniker unter Daniel Barenboim beim Neujahrskonzert im Großen Saal des Wiener Musikvereins. © picture alliance/dpa/WIENER PHILHARMONIKER

Für das Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker musste heuer schnell ein Einspringer her: Chefdirigent Kirill Petrenko hat Rücken. In Wien hingegen läuft das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker wie am Schnürl. Daniel Barenboim, mit 79 Jahren genau 30 Jahre älter als Petrenko, ist nämlich schier unverwüstlich.

Der  Uneitelste - seit Jahren

Und nicht nur das. Der argentinische Weltbürger ist - mit Ausnahme des angesichts der Schwere der Tradition eingeschüchtert wirkenden Gustavo Dudamel - der uneitelste Dirigent der letzten Jahre. Das ist an sich schon eine Nachricht wert.

Die eigene Rolle zu finden ist schwierig

Für jeden Dirigenten dieses globalen Medien-Ereignisses mit Millionenpublikum ist es schwer, seine eigene Rolle zu finden. Denn die Wiener Philharmoniker haben alle die Walzer, Polkas und Galopps der Strauß-Dynastie im Blut. Da können Effekthascher genauso wie brave Taktschläger noch vor dem Einsatz zur Zugabe zum dekorativen Adabei werden, auf den man im Zweifel eh nicht achtet.

Barenboim legt wert auf das Handwerk

Barenboim aber, seit bald 70 Jahren auf den internationalen Podien präsent, ist selbst mit allen Wassern gewaschen. Fast demonstrativ konzentriert er sich auf das Handwerk. Es ist eben nicht selbstverständlich, dass im "Phönixschwingen-Walzer" von Johann Strauß Sohn die leisen hohen Holzbläserakkorde einsetzen wie aus einem einzigen Mund intoniert.

Aber es klingt so. Nie fasst Barenboim das gemeinsame Agieren der Spielerinnen und Spieler als Selbstläufer auf.

Seine Art zu Dirigieren ist außergewöhnlich

Er dirigiert präzise, mit offenen, kommunizierenden Augen, auch genau hinhörend. Selbst mit einem Orchester wie den Wiener Philharmonikern muss man es erst einmal hinbekommen, die Chopin-Anklänge der langsamen Polka mazur "Die Sirene" von Josef Strauß derart zerbrechlich erscheinen zu lassen und den revolutionären Untergrund dann umso gefährlicher aufzurühren.

Wichtiger als ein solcher Sinn für Effekte ist, wie direkt Barenboim auf die Musik selbst zugreift, wie er etwa harmonische Entwicklungen, die über den einzelnen Moment hinausgehen, mit Sinn, Richtung und Zwischentönen erfüllen kann. Musik ist eben nicht bloß Rhythmus.

Wenn die Bässe rumsen

In den schnellen Nummern, etwa dem Galopp "Kleiner Anzeiger" von Josef Hellmesberger Sohn oder der mehr slapstickartigen als schaumweinseligen "Champagner"-Polka von Johann Strauß Sohn, schlägt Barenboim denn auch weniger den Takt, sondern zündet pointierte Explosionen des Schlagzeugs oder bringt die Bässe zum Rumsen. Selbst das schwere Blech im "Morgenblätter"-Walzer von Johann Strauß Sohn trumpft nicht hochmütig auf, sondern bewegt sich mit Grazie.

Überhaupt kann wohl kein anderes Orchester einen Gleichschritt wie im "Phönix"-Marsch von Josef Strauß so leichtfüßig zum Schweben, ja Tanzen bringen.

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Selbstverliebt wirkt das Orchester nur in wenigen Momenten, wenn etwa die unvergleichlichen Wiener Hörner in berückendstem Obertonreichtum schwelgen. Aber sie klingen nun mal gar zu schön.

Die freie Entfaltung aller gelingt

Das ist also die dirigentische Rolle, die Daniel Barenboim grandios für sich gefunden hat: tatkräftig zum engen Zusammenhalt von mehr als 70 Menschen beizutragen, sodass alle sich frei entfalten können. Da ist Musik Politik und Gesellschaft manchmal einfach überlegen.


Auf zdf.de kann man den Mitschnitt des Konzertes noch einen Monat lang ansehen. Die CD erscheint ab 14. Januar bei Sony Classical

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