Konzert in der Isarphilharmonie: Die Entfesselung unbändiger Kräfte

Carolin Widmann, Santtu-Matias Rouvali und die Philharmoniker in der Isarphilharmonie.
| Michael Bastian Weiß
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Die Geigerin Carolin Widmann.
Die Geigerin Carolin Widmann. © Tobias Hase/mphil

"Ganz unweihnachtlich" sei ihre Zugabe, schickt Carolin Widmann fast entschuldigend voraus - und macht dem Publikum in der Isarphilharmonie mit dem Finale "Les furies" aus der Violinsonate Nr. 2 von Eugène Ysaye doch ein echtes Geschenk. Sich selbst übrigens auch. Denn in diesem Solostück wirkt die Geigerin, Schwester des Klarinettisten und Komponisten Jörg, wie befreit.

Und zwar gleich in doppelter Hinsicht. Zum einen spannt der Komponist Sergej Prokofjew die Solistin in seinem zweiten Violinkonzert g-moll in ein phasenweise undankbares Hamsterrad ein, bestehend aus etüdenhaftem, aber diffizilem Figurenwerk.

Phrasierung dominiert das Spiel

Um das ansprechend zu gestalten, müsste man vor Spiel-Phantasie überborden. Carolin Widmann sieht sich hingegen zu einer passiv mechanischen und tonlich flachen Phrasierung gedrängt, die sie an anderen Stellen durch Schleifer und Portamenti wieder wettmacht.

Obwohl sie mit solchen Effekten immer wieder auf sich aufmerksam macht, hat es die Münchnerin zum anderen nicht leicht, sich gegen das Orchester zu behaupten.

An prägnanter Artikulation mangelt es 

Das liegt weniger an dlöen Münchner Philharmonikern, die sich durchaus mäßigen, als an einer bisweilen zu geringen Deutlichkeit und Prägnanz der Artikulation. Am reizvollsten ist Carolin Widmanns Spiel, wenn sich eine leichte Fragilität, ja, Kratzigkeit in die Tonproduktion einschleicht. Da scheint sie ganz bei sich zu sein. Wie beim Spiel ohne Begleitung.

Ein leicht verfrühtes Weihnachtsgeschenk hat auch der Dirigent Santtu-Matias Rouvali im Gepäck. Damit ist nicht das Stück "Steampunk Blizzard" des Amerikaners Daniel Nelson von 2016 gemeint, das immer auf filmmusikalische Klischees stößt, wenn es den ansonsten grassierenden minimalistischen Repetitionseifer überwinden will.

Aber die Symphonie Nr. 4 des genialischen Carl Nielsen ist - zumindest nach den Aufzeichnungen des Rezensenten - hierzulande seit gut 15 Jahren nicht mehr gespielt worden.

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Rouvali steuert die Massen und Höhepunkte des Werkes mit dem schönen Beinamen "Das Unauslöschliche" mit eindrucksvoller Souveränität. Der junge Finne weiß genau, wann er mit eindeutigem Schlag für Orientierung sorgen muss und wann die unbändigen Kräfte der Münchner Philharmoniker entfesselt werden können.

Die Isarphilharmonie vibriert 

Frappierend virtuose Streicher, trennscharfe Holzbläser, orgelgleiches Blech und gleich zwei hinreißend konzertierende Pauken lassen die Isarphilharmonie vibrieren. Furios. Spielt mehr Carl Nielsen!

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