Münchner Interimsphilharmonie: Ein Blick auf die Baustelle

Der Interimskonzertsaal der Philharmoniker in Sendling ist bald fertig. Bei der Eröffnung im Oktober sorgen Christoph Marthaler und Matthias Lilienthal für den Rahmen.
| Robert Braunmüller
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Die Interimsphilharmonie neben der Trafohalle.
Die Interimsphilharmonie neben der Trafohalle. © Hans Engels

München - Schlecht gelaunte Menschen aus dem Kulturbetrieb sind in diesen Zeiten keine Seltenheit. Paul Müller, der Intendant der Münchner Philharmoniker ist da die große Ausnahme: "Ich beziehe viel positive Energie aus der Baustelle", sagt er. Und wenn man mit ihm über das Gelände des Gasteig Sendling geht, wird das verständlich.

Interimsphilharmonie neben denkmalgeschützter Trafohalle

Tausende fahren an der Fläche gegenüber dem Heizkraftwerk Süd am Mittleren Ring vorbei. Aber die Baustelle an der Hans-Preißinger-Straße ist bei der Fahrt aus oder in den Brudermühltunnel nur für Sekundenbruchteile sichtbar. Die Halle E, die etwa 100 Jahre alte, denkmalgeschützte Trafohalle, verdeckt die dunkle Interimsphilharmonie. Die Pandemie hat die Bauarbeiten nicht verzögert. Gegenwärtig wird eine schwarze hölzerne Wandverkleidung montiert. Der neue Gasteig wird auf diese Weise - um es im Räumlichkeitsjargon des Kulturzentrums zu sagen - einer Black Box, die den Blick der 1.800 Besucher vom Parkett und zwei schmalen Rängen auf das Orchester auf einem Podium aus hellem Holz fokussiert.

Paul Müller, der Intendant der Münchner Philharmoniker.
Paul Müller, der Intendant der Münchner Philharmoniker. © Hans Engels

Mindestens fünf Jahre kulturelles Zentrum der Stadt in Sendling

Für den Sound sorgt Yasuhisa Toyota, der Akustiker der Hamburger Elbphilharmonie. Dazu lässt sich naturgemäß erst nach der Eröffnung mit einem Konzert der Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Valery Gergiev etwas sagen. Aber schon jetzt ist sicher, dass in dem eher intimen Raum die Musik wegen der geringeren Distanzen auch bei einer mittleren Orchesterbesetzung intensiver erlebt werden wird als im riesigen Gasteig, wo Details oft verloren gehen und die Energie in der Weite des Raumes verfliegt. Mindestens fünf Jahre lang wird Sendling zum kulturellen Zentrum der Stadt, das auch Teile der Musikhochschule, die Volkshochschule und die Stadtbibliothek beherbergen wird. Auch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks wird einen Großteil seiner Konzerte hier spielen. Was nach der Wiedereröffnung des Gasteig mit dem Bau passiert, ist noch offen.

Das Innere der Interimsphilharmonie mit Blick auf das Podium: Die massiven hellen Holzplatten erhalten derzeit eine schwarze Verkleidung.
Das Innere der Interimsphilharmonie mit Blick auf das Podium: Die massiven hellen Holzplatten erhalten derzeit eine schwarze Verkleidung. © Hans Engels

Eröffnung der Interimsphilharmonie im Oktober

Im August wird das Gebäude übergeben, im Oktober zelebrieren die Philharmoniker den Neuanfang mit einem großen Rahmenprogramm. Im Zentrum steht dabei die Vernetzung mit den Nachbarn im Viertel. Die Musiker wollen bei einem musikalischen Stadtspaziergang diverse Plätze in Sendling bespielen. Sie greifen dabei auf die Erfahrungen des ehemaligen Kammerspiele-Intendanten Matthias Lilienthal zurück, der das Orchester beraten wird.

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Zweiter neuer Mitstreiter der Philharmoniker wird Christoph Marthaler. Der Schweizer Musiker und Regisseur erarbeitet mit den Philharmonikern ein Projekt über das "Beginnen". Der dritte im Bund ist der Italiener Renzo Vitale, unter dessen Anleitung sich die Musiker des Orchesters der Stadt mit Fragen der Migration und der Mobilität auseinandersetzen. Auch Christian Stückls Volkstheater spielt mit - dessen nahe gelegener Neubau wird etwa zeitgleich mit dem Gasteig Sendling eröffnet. Alle diese Projekte sollen in den folgenden Jahren weitergeführt werden - als Akt der "Befreiung aus der Trutzburg" Gasteig, wie Paul Müller sagt. Und als Vorbereitung für die Rückkehr in das neu konzipierte Kulturzentrum, das nach seiner Sanierung im architektonischen wie inhaltlichen Sinn durchlässiger werden soll.

Auch neue Besucher sollen angelockert werden

Dafür wird in Sendling trainiert, ohne das Pflichtprogramm zwischen Beethoven, Brahms und Bruckner zu vernachlässigen. Denn die Philharmoniker wollen einerseits ihr treues Publikum halten und zugleich neue Besucherschichten erschließen. Der neue Saal ist zwar etwas kleiner als der 2.400 Besucher fassende Gasteig. Trotzdem ist es möglich, allen bisherigen Abonnenten ein Platzangebot zu machen. Jüngere soll die Weiterführung der Clubkonzerte ansprechen. Für neue Formate eignet sich der offene Raum der ehemaligen Trafohalle gut. Außerdem gibt es auf dem Gelände weitere kleinere Säle. Für neue Ideen sorgen hier Dietmar Lupfer vom Muffatwerk und die neuen Nachbarn vom Bahnwärter Thiel und der Alten Utting zusammen.

Der Blick von der Bühne auf die (künftigen) Sitzplätze.
Der Blick von der Bühne auf die (künftigen) Sitzplätze. © RBR

Details zum Eröffnungsprogramm ab Ende Mai

Derzeit befinden sich die Philharmoniker zu 50 Prozent in Kurzarbeit. Eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs wäre jederzeit möglich. Auch auf Testungen vor Konzerten ist das Orchester vorbereitet. Mit Details zum Eröffnungsprogramm und zur neuen Saison warten die Philharmoniker noch bis Ende Mai. Bis dahin ist auch das Ergebnis eines Namensfindungswettbewerbs für den Gasteig Sendling abgeschlossen. Die Jury hat bereits entschieden, so das Kulturreferat, aber es müssen bis zum Ende der Osterferien noch namensrechtliche Fragen geklärt werden.

Auch noch offen sind Fragen der Verkehrsanbindung. Anders als der Gasteig liegt das Interimsgelände nicht an der S-Bahn-Stammstrecke. Allerdings ist die U-Bahn Brudermühlstraße in Laufweite. Parkplätze wird es zwar auf dem Gelände der Großmarkthalle geben, aber keine drei nahezu unerschöpfliche Tiefgaragen wie am Gasteig. Dafür bleibt der seit Jahren auf dem Interimsgelände ansässige Reifenhändler erhalten. Und das ist nun wirklich ein weltweites Alleinstellungsmerkmal der Interimsphilharmonie: Sie ist der einzige Konzertsaal mit angeschlossener Autowerkstatt.

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