Staatsoper-Livestream: Stummfilm mit schönstem Ton

Bayerische Staatsoper: Gioachino Rossinis "Il Signor Bruschino" als Livestream inszeniert von Marcus H. Rosenmüller im Nationaltheater.
| Michael Bastian Weiß
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Sie werden es schaffen, zusammenzukommen: Emily Pogorelc (winkend) und Josh Lovell. Am Pult: Antonino Fogliani.
Sie werden es schaffen, zusammenzukommen: Emily Pogorelc (winkend) und Josh Lovell. Am Pult: Antonino Fogliani. © Wilfried Hösl

Hoppla, funktioniert die Netzverbindung wieder nicht? Wer hat am Rechner rumgefummelt? Oder kann sich die Bayerische Staatsoper keine Farbsendungen mehr leisten? Im ruckeligen Schwarz-Weiß-Bild treten schneeartige Störungen auf, dann gibt es hübsche Zwischentitel, die vorab die Handlung erklären. Aha, dieser "Signor Bruschino" kommt als Stummfilm daher!

Wenn der leere Saal zur tragenden Idee wird

Somit ist diese Inszenierung des frühen Einakters von Gioacchino Rossini die erste Produktion des Coronajahres 2, in der die Notlösung, dass nur aus einem menschenleeren Saal gesendet werden kann, zur tragenden Idee wird. Marcus H. Rosenmüller hat seine Fähigkeiten als Filmregisseur mit seinen Erfahrungen als Theatermacher am Nockherberg fruchtbar kombiniert.

Er bescheidet sich nicht mit den technischen Möglichkeiten von vor hundert Jahren, sondern setzt die moderne Handkamera ein, wenn er einem Wollknäuel folgt, das einen Faden durch das ganze Opernhaus zieht, oder immer wieder nahe an seine Darsteller heranzoomt.

Komödiantische Mimik trifft auf cremig timbrierte Stimme

Dafür kann der Zuschauer dankbar sein, denn von der komödiantischen Mimik der Sopranistin Emily Pogorelc in der weiblichen Hauptrolle der Sofia darf man nichts verpassen. Zu ihrer enormen Präsenz gehört, wie sie ihre cremig timbrierte Stimme in die Höhe gleiten lassen kann, wo sie gleichsam mit dreidimensionalen melodischen Gestalten jongliert.

Josh Lovell als ihr Liebster Florville lässt seinen Tenor weich und schwerelos wie Watte schweben, kann ihn aber auch so fokussieren, dass man ihm die gutmütige Kabale abnimmt: Das gewitzte Paar fädelt eine abwegige Verwechslungskomödie ein, in deren Verlauf ein verlorener Sohn auftritt (der nur einen Satz singt), und damit soviel Verwirrung stiftet, dass die beiden am Ende plangemäß verheiratet sind.

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Lange Rezitativen

Erzählt wird die Farce in langen Rezitativen. Statt sie verlegen einzukürzen, werden sie sorgfältig ausgestaltet. Alle singen meist in einem angenehmen sotto voce, ohne Hektik und aufgesetzte Komik. Misha Kiria, ein echter Basso comico, lässt als Sofias Vormund Gaudenzio seine Koloraturen in flinker Beweglichkeit perlen und behält dabei dennoch eine gewisse Grazie.

Edwin Crossley-Mercer fällt selbst in der Chargenrolle des Wirts mit seinem berückend schönen Bariton auf. Über die größte stimmliche Autorität verfügt Paolo Bordogna in der Titelrolle, er kann aber auch im Terzett, ebenso wie Lovell und Kiria, die Silben so hurtig abfeuern wie ein Maschinengewehr.

Ein musikalischer Luxus

Solche Höhepunkte wirken so hinreißend, weil der Dirigent Antonino Fogliani nie der Versuchung nachgibt, schnell und laut Effekt zu machen, sondern durchgehend die bemerkenswerte Zartheit des Stücks im Auge behält. Denn nur in der Ouvertüre müssen die Streicher mit dem Bogenholz auf die Notenpulte schlagen. Ansonsten begleitet das auf die Bühne geholte Bayerische Staatsorchester federleicht, mit spritzigen Streichern und vergnügt summenden Holzbläsern. Das ist ein musikalischer Luxus, mit dem ein Stummfilm-Publikum dereinst eher nicht rechnen konnte.


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