"Rosenkavalier" in der Staatsoper: Keine Scheu vor dem Kitsch

Barrie Kosky und Vladimir Jurowski bringen im Nationaltheater einen gelungenen "Rosenkavalier" heraus. Eine Video der Premiere steht kostenlos zur Verfügung.
| Michael Bastian Weiß
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Die silberne Rose ist überbracht, nun gibt es Streit: Samanta Hankey (Octavian), Christof Fischesser (Ochs), Johannes Martin Kränzle (Faninal) im zweiten Akt.
Die silberne Rose ist überbracht, nun gibt es Streit: Samanta Hankey (Octavian), Christof Fischesser (Ochs), Johannes Martin Kränzle (Faninal) im zweiten Akt. © Wilfried Hösl

Vor der Würdigung der Neuinszenierung der "Komödie für Musik" von Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss halten wir einen Moment inne, um der alten zu gedenken. Die Produktion von Otto Schenk hatte 1972 Premiere gehabt und war somit älter als der Rezensent. An eine Personenregie konnte sich keiner mehr erinnern. Doch beim Anblick von Faninals Stadthaus brandete regelmäßig Beifall auf.

Zeitlose Attraktivität: Die Neuinszenierung des "Rosenkavaliers"

50 Jahre lang wird die "Rosenkavalier"-Inszenierung von Barrie Kosky, deren Premiere aus der Staatsoper als Live-Stream übertragen wurde, eher nicht laufen. Sie dürfte aber auch nicht in Gefahr sein, schnell ersetzt zu werden. Denn der schillernde Australier, Intendant und Chefregisseur an der Komischen Oper Berlin, meidet Anstößiges so wie das schnell veraltende Aktuelle. Die Ausstattung, die angenehmerweise für jeden Akt eine andere ist, gefällt sich sogar in zeitloser Attraktivität. Im ersten Akt wirken die Innenräume wie die einer Stummfilm-Komödie, zu welcher das Erfolgsstück ja 1926 auch weiterverarbeitet wurde (Bühne: Rufus Didwiszus). Die Lichtregie von Alessandro Carletti taucht alles in ein erlesenes Violett, die Kostüme von Victoria Behr sind glamourös.

Ein halbnackter Greis mit Flügeln, unschwer als Cupido zu erkennen, schlurft unermüdlich durchs Bild. Ein wenig vorhersehbar wird das Motiv Zeit und Uhr durchgeführt, das sich natürlich auf den Monolog der Feldmarschallin bezieht: Das Spiel beginnt und endet mit einer überdimensionierten Standuhr, später schrillt ein Wecker, schließlich ruft ein Kuckuck. Nicht nur hat Kosky keine Scheu vor Kitsch, er umarmt ihn geradezu und steigert ihn zum ästhetizistischen "Camp". Im schwer bildungshubernden Kunstkabinett des zweiten Akts zieht Octavian in einer silbernen Disney-Kutsche ein. Mit echt falschen Pferden! Wenn schon Schmalz, dann richtig. Kein Wunder, dass Sophie da kurz in Ohnmacht fallen muss. Die Unwirklichkeit der Szene ist ironisch gebrochen und dennoch schrecklich schön.

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Ein Spiel der Gefühle auf der Bühne des Nationaltheaters

Dass die Maskerade des letzten Aktes, die in einem leeren Konzertsaal spielt, ins Boulevardeske abgleitet, kann auch Kosky nicht verhindern; die Inszenierung kommt erst wieder zu sich, wenn das junge Liebespaar am Schluss an unsichtbaren Seilen in den Nachthimmel entschwebt. Doch davon abgesehen motiviert eine behutsame Personenregie die Figuren dazu, sich nachvollziehbar zueinander zu verhalten. Marlis Petersen als Feldmarschallin sieht nicht nur aus wie ein Hollywoodstar in voller Blüte, man hört ihrem warm klingenden, zierlichen und biegsamen Sopran auch an, dass sie einmal eine Sophie war. Heute aber spielt sie mit Octavian wie eine Katze mit der Maus.

Der Amerikanerin Samantha Hankey mit ihrem leicht androgynen, herrlich elfenbeinernen Mezzosopran nimmt man die stürmisch-ungelenke Grobheit des Knaben ab, sie gibt aber auch die Kammerzofe mit Bubikopf selten erotisch - und entwickelt sich gegenüber der unschuldigen Sophie plötzlich selbst zum Wüstling in spe. Diesem gibt sich Katharina Konradi nicht einfach widerstandslos hin, sondern bietet dem heranwachsenden Verführer mit ihrem vor Leben vibrierenden, für eine Sophie ungewöhnlich kraftvollen Sopran, der bei der Rosenübergabe idealistisch verglühen kann, mutig die Stirn.

Es fehlt an Farbe, Klangrausch und dem Mut zur Sentimentalität

Angesichts einer derart erstarkten Sophie erscheint es nur als folgerichtig, dass der übergriffige Ochs entsprechend an Statur verliert. Christof Fischesser ist jung, schlank und sehr präsentabel, was das Autorenduo durchaus so haben wollte. Aber ein Baron auf Lerchenau, der unzählige nervöse Ticks hat, der sich ständig die Stirn abtupft und seine Brille herumschiebt wie ein Stummfilm-Komiker? Der gebürtige Wiesbadener ist nach Färbung und Format kein Bass, sondern ein Bassbariton, dem das schnelle Parlieren mehr liegt als das balsamische Arioso: besonders, aber auch gewöhnungsbedürftig.

Eine solche Uminterpretation der Figur wird in dieser Produktion durch die coronabedingt ausgedünnte Besetzung des Bayerischen Staatsorchesters begünstigt. Die undankbare Aufgabe einer Bearbeitung hat Eberhard Kloke elegant gelöst, indem er den kleineren Apparat von Strauss' eigener "Ariadne auf Naxos" vorwegnahm. Aber nicht, dass das nun zu einer Bevorzugung dieser Not-Fassung führt! Dafür vermisst man dann doch zu viel an Farbe und Klangrausch. Vielleicht fehlt Vladimir Jurowski auch deshalb ein wenig der überschäumende Enthusiasmus, das idiomatisch Wienerische des Walzers, der Mut zur Sentimentalität. Dafür erreicht der designierte Generalmusikdirektor hohe rhythmische und artikulatorische Präzision; und die Ensembles hört man selten einmal so ausbalanciert. Möge diese Inszenierung also die Pandemie lange überdauern - damit wir den "Rosenkavalier" dann mit vollem Orchester erleben können. Und im Nationaltheater.


Das Video der Premiere auf staatsoper.tv (kostenlos). Marlis Petersen hat im letzten Jahr unter dem Titel "Dimensionen" eine Box mit Klavierliedern vorgelegt (4 CDs, Solo Musica).

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