Heckel-Ausstellung im Buchheim Museum: Die lyrische Seite des Farbsturms

Das Buchheim Museum zeigt mit 400 Werken eine umfassende Retrospektive des Brücke-Künstlers Erich Heckel.
| Joachim Goetz
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Die "Figuren am Strand" hat Erich Heckel im Jahr 1912 gemalt.
Die "Figuren am Strand" hat Erich Heckel im Jahr 1912 gemalt. © Abb.: Nachlass Erich Heckel, Hemmenhofen; VG Bild-Kunst, Bonn/Repro: Archiv Hermann Gerlinger

Bernried - Ob es schon mal "mehr Heckel" in einer Ausstellung zu sehen gab? Wer weiß, aber mit 400 Werken ist die Schau des Bernrieder Buchheim Museums, die sich über die beiden großen Ausstellungssäle erstreckt und den Titel "Erich Heckel - Einfühlung und Ausdruck" trägt, sicher rekordverdächtig.

Zwar war der Start holprig, vor vier Monaten war schon nach zwei Tagen Schluss. Da schaffte man es kaum, die gewaltige Retrospektive zum 50. Todestag des 1883 in Döbeln/Sachsen geborenen und 1970 in Radolfzell am Bodensee gestorbenen Brücke-Malers komplett zu durchschreiten. Aber das lohnt sich auch nach der Corona-Zwangspause.

Arbeiten aus jedem Heckelschen Schaffensjahr zu sehen

Möglich wurde die Mammutschau, weil der Sammler Hermann Gerlinger vor wenigen Jahren seine Brücke-Sammlung ins Buchheim Museum einbrachte und sich Bestand und Zuwachs trefflich ergänzen. So sind etwa Arbeiten aus jedem Heckelschen Schaffensjahr zu sehen: von 1903 bis 1968, das Ganze chronologisch präsentiert.

Das bedeutet, dass große Gemälde neben Holzschnitten, Zeichnungen oder Lithografien hängen. Aber so ist auch die Arbeitsmethode Heckels schön nachvollziehen. Man erkennt, wenn sich bevorzugte Techniken änderten. Oder in welcher Zeit er sich etwa den selteneren Landschaften widmet, wann Männer-, wann Frauenakten oder seiner Frau Siddi Riha.

Eine betörende frühe Bleistiftarbeit vom 1. August 1914, dem Beginn des Ersten Weltkriegs: Siddi sitzt in eine Decke gehüllt am Ostseestrand in Osterholz an der Flensburger Förde. Begeistert ist die Kritik von diesem ernsten Bild, in dem mit wenigen Strichen ein Porträt erzeugt wird, dessen tiefe Betroffenheit den Ernst der Stunde widerspiegelt.

Das ist ein krasser Gegensatz zu den eher lebensfrohen Werken der Brücke-Zeit. Die vier Architekturstudenten Heckel, Fritz Bleyl, Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff hatten die Vereinigung 1905 gegründet.

Sie widmeten sich weniger der Gestaltung von Bauten als bevorzugt weiblichen Akten im Atelier. Eine künstlerische Ausbildung mit all ihren Facetten, eine Art "studium generale", gehörte lange Zeit zum Architekturstudium. Kein Wunder, dass mancher sozusagen absprang - und sich Aspekten zuwandte, die ihn mehr reizten.

"Viertelstunden-Akte" statt klassischem Modellsitzen

Die malende Dresdner Boygroup jedenfalls lehnt klassisches Modellsitzen ab. "Viertelstunden-Akte" entstehen: Mit schnellen Strichen hingehauene Motive wie ekstatisch tanzende oder geradezu unbeteiligt wirkende Mädchen werden von ihnen bevorzugt. Akte in der freien Natur, erotisch angehauchte Badeszenen, wenig dramatische Naturbeobachtungen kommen später dazu.

Auch "Fränzi" fehlt nicht in der Ausstellung

Heckel, dessen frühe Mitstreiter in Bernried auf die Empore des großen Saals verbannt sind, münzte dies alles indoor später auch in Holzschnitte um. Begonnen hat er mit dieser Technik schon in Gymnasiumszeiten. Das früheste gezeigte Werk ist der von Hand abgezogene Holzdruck des 20-jährigen Schülers "Über den Hügel" von 1903.

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Auch das beliebteste Brücke-Modell, das etwa zehnjährige Mädchen "Fränzi", fehlt nicht. Heckel griff wohl 1911 auf eine seiner früheren Zeichnungen zurück und stellte "Fränzi stehend" dar. Aber nicht in der sächsischen Landschaft, sondern vor zwei Hügeln, auf denen eine Pinie zu sehen ist. Heckel hat das Girlie einfach in die italienische Campagna versetzt, die er 1909 bereist hatte. Davon zeugen zahlreiche römische und italienische Landschaften in verschiedenen Techniken mit Bleistift, als Aquarell oder in Öl.

Beindruckende Selbstbildnisse

Beeindruckend sind auch die zahlreichen Selbstbildnisse, die Heckels Schaffen bis in die späten Jahre begleiten. Oder die Städte und Landschaften, die von Zeichnungen vom Main, von der Feste Marienberg in Würzburg über Nordseeküsten bis hin zu dramatischen Bergformationen aus den Schweizer Alpen reichen.

Auch Buchheims Beziehung zu Heckel wird brisantes Thema. Buchheim ersteigerte 1955 im Stuttgarter Kunstkabinett von Norbert Ketterer für 1250 D-Mark ein Ölbild mit dem Titel "Frau und Kinder". Auf dessen Rückseite sich ein Gemälde von 1910, ein "in einem Liegestuhl schlafender Mann" befinde - so die Beschreibung im Auktionskatalog.

Buchheim und das verloren geglaubte Bild "Schlafender Pechstein" 

Der alte Fuchs Buchheim erkannte freilich bei der Vorbesichtigung sofort, dass es sich dabei um das verloren geglaubte Bild "Schlafender Pechstein" handelte. Heute ist dieses Werk, auf dessen Erwerb Buchheim mächtig stolz war und dessen Authentizität von Erich Heckel sofort bestätigt wurde, eines der wichtigsten Brücke-Werke im Bestand des Museums.

Heckel gefiel wohl auch die 1955 publizierte Einschätzung Buchheims in seinem großen Brücke-Buch: In der "Sturm- und Drangperiode" von 1905 bis 1909 sei Heckel mit "bedenkenloser Kühnheit" auf die Leinwände losgegangen. Aber er habe als erster erkannt, dass mit der "Nachahmung der ungebändigten Farbstürme Van Goghs" kein eigenständiger Stil zu schaffen sei. Und habe sich dann auf seine eigentliche, "doch eher lyrische Natur" besonnen. Was sich in der Ausstellung nun wirklich gut nachvollziehen lässt.


Erich Heckel im Buchheim Museum bis 30. Juni, Di - So 10 bis 17 Uhr, ab April bis 18 Uhr, Katalog 32 Euro. Einlass nach Buchung eines online-Tickets oder online-Anmeldung für zwei Stunden, www.buchheimmuseum.de

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