Konzertsaal im Werksviertel: Schneewittchen ohne Prinz

Die Chancen für den neuen Konzertsaal im Werksviertel stehen wegen Corona schlecht wie nie. Zudem schafft die Stadt in Sendling Fakten, um die keiner mehr herumkommt. Eine Bestandsaufnahme.
| Georg Etscheit
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Das als "Schneewittchensarg" verspottete Äußere des geplanten Konzerthauses im Werksviertel, mit dem sich das Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur im Architekturwettbewerb durchsetzte. Im Moment steht auf dem Bauplatz ein Riesenrad.
Das als "Schneewittchensarg" verspottete Äußere des geplanten Konzerthauses im Werksviertel, mit dem sich das Architekturbüro Cukrowicz Nachbaur im Architekturwettbewerb durchsetzte. Im Moment steht auf dem Bauplatz ein Riesenrad. © picture alliance / Cukrowicz Nachbaur Architekten/dpa

München - Eine Milliarde Euro! Soviel könnte der neue Münchner Konzertsaal im Werksviertel kosten. Jedenfalls kursiert diese Zahl in der Münchner Kulturszene. Das würde sogar die Hamburger Elbphilharmonie in den Schatten stellen. Wenn es so käme, wäre Bayern wieder mal Spitze - zumindest im Geldausgeben.

Neue Heimstätte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks

Denn es darf bezweifelt werden, dass das Konzerthaus am Ostbahnhof als mutmaßliche neue Heimstätte des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks (BRSO) eine ähnliche Ausstrahlungskraft erlangen könnte wie der einem Schiffsbug nachempfundene Prachtbau in der Hamburger Speicherstadt. Zumal mittlerweile zwei Hotelklötze vor und neben den geplante Glaskubus ("Schneewittchensarg") gesetzt wurden. Wie solle da ein wesentlich niedrigeres Konzerthaus auf seiner Restfläche würdevoll zur Geltung kommen?", heißt es in einem jüngst in der Fachzeitschrift "Bauwelt" erschienenen Artikel.

Oder ist die exorbitante Zahl nur gestreut worden, um die Öffentlichkeit zu verschrecken und einen Grund zu finden, das Projekt irgendwann still und leise beerdigen zu können? Spätestens seit die Coronakrise das Land im Griff hält und das Kulturleben weitgehend zum Erliegen brachte, mehren sich die Zweifel, ob solch ein Vorhaben noch zeitgemäß ist. Oder ob es nicht nachgerade obszön wäre, Hunderte Millionen in ein möglicherweise überflüssiges Luxus-Konzerthaus zu stecken, während immer mehr Künstlerinnen und Künstler nicht wissen, wie sie die nächsten Wochen und Monate überleben können. Und niemand kann prognostizieren, wann sich das Publikum wieder angstfrei und zahlreich Livekonzerte anhören wird.

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Sendling: Am Flaucher wächst der Interimssaal

Während der Musentempel im Münchner Osten einer Fata Morgana gleicht, die sich in heiße Luft auflöst, je näher man ihr kommt, werden am anderen Ende der Stadt Fakten geschaffen, mit Beton, Stahl, Holz und Glas. In Sichtweite des Heizkraftwerks wächst derzeit beim Flaucher mit beeindruckendem Tempo der Interimssaal für die Gasteig-Philharmonie in die Höhe, von dem jeder weiß, dass er nach der Sanierung des Kulturzentrums mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht wieder abgerissen wird. Es wäre in der Tat widersinnig, den Saal (geschätzte Kosten des Interims: 43 Millionen Euro, geschätzte Kosten der Philharmonie-Sanierung: 100 Millionen) nach ein paar Jahren einfach zu verschrotten, zumal "Star-Akustiker" Yasuhisa Toyota für das Klangdesign verantwortlich zeichnet.

Die fast fertige Interimsphilharmonie in Sendling gegenüber dem Heizkraftwerk Süd.
Die fast fertige Interimsphilharmonie in Sendling gegenüber dem Heizkraftwerk Süd. © NÜSSLI Gruppe / Manfred Jahreiss

"Aus der intensiven Zusammenarbeit mit ihm und seinem Team erwarten wir eine Konzertsaalakustik von Weltrang, die den hohen Erwartungen des Münchner Publikums gerecht wird", schreibt Stephan Schütz, verantwortlicher Partner bei den das Interim planenden Architekten von Gerkan, Marg und Partner auf AZ-Anfrage. "Die Philharmonie in Sendling ist für die Nutzung durch große Symphonieorchester geplant." Dies beziehe sich auch auf den Backstagebereich. Nach der Rückübersiedelung der Gasteig-Institutionen in das generalsanierte Haus in Haidhausen würden zudem Flächen auf dem Sendlinger Gelände, vor allem aber in der mit der Philharmonie verbundenen Halle E frei, "die bei zukünftig wachsenden Flächenanforderungen zur Optimierung genutzt werden könnten".

Werksviertel: Liegt der Konzertsaal auf Eis?

Mit der neuen Klassik-Location werden Fakten geschaffen, die eine Beerdigung erster Klasse für das Konzerthaus im Werksviertel wahrscheinlicher werden lassen. Wenn in Sendling alles glatt läuft, könnte der Ausweichsaal im Herbst dieses Jahres eröffnet werden, Valery Gergiev, Chef der Münchner Philharmoniker, soll sich am 8. Oktober schon mal einen Termin freigehalten haben.

Das läge deutlich vor Beginn der Gasteig-Bauarbeiten in Haidhausen. Das Interim hätte also viel Zeit, sich im Konzertkalender der Veranstalter und im Bewusstsein der Münchner zu etablieren. Und wenn dann, in fünf, sieben oder wer weiß wie vielen Jahren die ebenfalls von Mr. Toyota aufgemöbelte Philharmonie wieder in Betrieb geht, wird man sich fragen, warum man jetzt noch einen weiteren Saal bauen und finanzieren sollte. Dass im Werksviertel schon bald die Bagger anrollen, dort wo sich heute ein Riesenrad dreht, wenn es sich dreht, ist unwahrscheinlicher denn je. "Konzertsaal auf Eis", lautete die Überschrift des schon erwähnten "Bauwelt"-Berichts, in dem es heißt, der Landtag wolle das Projekt auf die lange Bank schieben.

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Teurer Konzertsaal in München während Pandemie "nicht so einfach vermittelbar"

Wenn man Robert Brannekämper, den CSU-Vorsitzenden des Landtagsausschusses für Wissenschaft und Kunst, darauf anspricht, formuliert er Sätze, die sehr nach offizieller Sprachregelung klingen. Man solle doch etwas langsamer machen, abwarten, bis die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie überblickbar seien, die "Zeitschiene im Auge behalten", was immer das heißt. Dann schiebt er noch einen Satz nach, der harmlos klingt, der es aber in sich hat: "Wir sollten lieber in Menschen investieren statt in Stahl, Beton und Glas." Die Pandemie schlage doch durch bis ins letzte Dorf, wo es auch Säle gebe. Und da wäre es "nicht so einfach vermittelbar", wenn man in München nun Hunderte Millionen Euro verbaue.

Neue Säle gibt es übrigens auch in Nürnberg nicht, denn die Stadt hat gerade das ihr von Markus Söder als Ausgleich für München zugedachte neue Konzerthaus neben der sanierungsbedürftigen Meistersingerhalle wegen mangelnder Eigenmittel gestrichen. Man darf annehmen, dass Söder an der Entscheidung beteiligt war und man darf weiter annehmen, dass er die ihm angeborene Flexibilität auch in München unter Beweis stellen würde, auch wenn er sich vor nicht allzu langer Zeit noch zu dem Konzertsaal im Werksviertel bekannt hatte.

Münchner Konzerthaus-Schlamassel

Dass alles so kam, wie es jetzt vermutlich kommen wird, war ursprünglich nicht abzusehen. Am besten wäre es gewesen, man hätte zuerst den neuen Saal gebaut, im Werksviertel oder wo auch immer. Wenn man dabei etwas auf die Tube gedrückt hätte, hätte die gute alte Philharmonie sicher noch ein paar Jahre durchgehalten. Dann wäre die Musikstadt München zunächst mit dem neuen Saal plus Herkulessaal gut versorgt und nach Wiedereröffnung des runderneuerten Gasteigs sogar allerbestens aufgestellt gewesen.

Wäre, hätte, sollte. Leider kam es nie zu den für eine vernünftige Lösung notwendigen Absprachen zwischen Stadt und Land, Münchner Philharmonikern und BR-Symphonikern, weswegen einer, nämlich die Stadt, vorpreschte und eine neue Wirklichkeit schuf, um die niemand mehr herumkommt. Über den Konzerthaus-Schlamassel kann Andreas Schessl so lange den Kopf schütteln, dass ihm schwindelig wird. Man könnte denken, der Chef von MünchenMusik, dem größten privaten Konzertveranstalter der Stadt, müsse sich freuen über jede weitere räumliche Möglichkeit, Konzerte veranstalten zu könne. Doch dem ist nicht so.

"Wie sich halbleere Säle anfühlen, können wir ja gerade hautnah miterleben"

Schessl befürwortet zwar im Grundsatz einen Neubau, befürchtet jedoch Überkapazitäten, wenn der Saal im Werksviertel irgendwann gebaut werde und der Interimssaal doch bestehen bleibe. "Wie sich halbleere Säle anfühlen, können wir ja gerade hautnah miterleben." Beide Säle seien mit 1.800 Plätzen etwa gleich groß und stünden in direkter Konkurrenz zueinander. Zudem drohe das Niveau künftiger Programme zu sinken. "Die derzeitige Knappheit bringt qualitativ eher einen Zug nach oben", meint der erfahrene Musikmanager. "Wenn die wegfiele, würde immer mehr Schrott angeboten."

Die Politik scheint derzeit gewillt, das zu tun, was Politiker gerne tun, wenn sie nicht mehr weiter wissen: abwarten, aussitzen. Schessl hielte das für unklug. "Nichts zu tun ist immer unkreativ." Ergo: irgendeiner der beteiligten Akteure muss sich bewegen und eine Ansage machen. Dann könnte neu geplant werden.

Chefdirigent Simon Rattle mit BRSO bald dauerhaft in Sendling?

Wäre es unvorstellbar, wenn das BRSO mit seinem neuen Chefdirigenten Simon Rattle den neuen Saal in Sendling mit den daran anschließenden Bauten als neue Heimstätte erhielte, natürlich verbunden mit dem Recht, wie bisher auch bei besonders groß besetzten Werken in der Philharmonie auftreten zu können? Wäre es unvorstellbar, eine gemeinsame Betriebsgesellschaft der Münchner Konzertsäle zu gründen, die dafür sorgt, dass die Kapazitäten gerecht und bedarfsgerecht verteilt werden?

Oder ist auch dies eine Fata Morgana? Zumindest wird schon mal nach einem klangvollen Namen für das Gasteig-Ausweichquartier und den Interims-Musentempel gesucht. Unverbindlicher Vorschlag: Mariss-Jansons-Saal. Der verstorbene Chefdirigent hat sich immer einen eigenen Bau für sein BRSO gewünscht. Wieso sollte der nun nicht am Ende in Sendling stehen?

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