Terry Gilliam wird 80: Schöpfer der Traumwelten

Sonntag ist Feiertag: Andreas Ströhl, der ehemalige Chef des Filmfest München, gratuliert Regisseur Terry Gilliam zum 80. Geburtstag.
| Andreas Ströhl
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Bei der Künstler-Floßfahrt des Filmfests München 2009 durfte Regisseur Terry Gilliam auch mal ans Ruder.
Bei der Künstler-Floßfahrt des Filmfests München 2009 durfte Regisseur Terry Gilliam auch mal ans Ruder. © Filmfest München

Nobody expects the Spanish Inquisition, hieß ein Sketch von Monty Python. Ja, und niemand hat erwartet, dass dieser ewig kindliche, raffiniert alberne Großmeister des abseitigen Humors plötzlich 80 geworden ist. In diesem Moment müsste jetzt, und ich bitte alle, die dies lesen, ihre Vorstellungskraft zu bemühen, ein Fuß aus heiterem Himmel erscheinen, von "oben her", wie Brecht sagen würde, und alles breit treten. Dazu wäre dann ein furzähnliches Geräusch hörbar. Der Fuß, the foot of pride, würde jeder Huldigung ein schnelles Ende bereiten. Aber, Terry, wir müssen da durch. Und übrigens würde ich gerne nochmal mit dir zusammen die Isar runterrutschen.

Es gibt nur ein paar Menschen, die mit 80 noch so staunen, so fabulieren, sich mit so viel Begeisterung in ihren Traumwelten verlieren können wie Terry Gilliam. Schon als Kind kannte ich seine Cartoons aus den Monty-Python-Folgen, als Teenager kam ich an "Die Ritter der Kokosnuß" (1975) und vor allem an "Das Leben des Brian" (1979) nicht vorbei.

Fantasy-Abenteuerfilme aus einer bleiernen Zukunft

Es folgten die großen Klassiker. War "Der Sinn des Lebens" (1983) noch von einem pythonesken Humor durchsetzt, so schlug Gilliam schon zuvor in "Time Bandits" (1981), und dann in "Brazil" (1985) und "12 Monkeys" (1995) einen ganz anderen Ton an. Das sind Fantasy-Abenteuerfilme aus einer bleiernen Zukunft, in der menschliche Überheblichkeit zu einer Diktatur aus anmaßender Überwachung und fehlerhafter Technik geführt hat. Sardonischer Humor prägte auch diese Filme Gilliams, aber sie waren düsterer. Erst die an sich wenig gilliameske aber wunderschöne Literaturverfilmung "Fear and Loathing In Las Vegas" von 1998 beendete fürs erste die Reihe seiner dystopischen Humoresken.

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Zum Filmfest München kam Gilliam dann zuerst 2005 mit seinem Film "Tideland". Damals glaubte ich schon, Gilliam eigentlich zu kennen. Schließlich hatte ich nicht nur seine eigenen Filme gesehen, sondern auch "Lost In La Mancha", eine wundervolle Dokumentation darüber, wie schön man mit einem Film übers Scheitern scheitern kann. Nach 20 Jahren übrigens, Im dritten Anlauf, schaffte es Gilliam vorletztes Jahr wider Erwarten dann doch noch, seinen "The Man Who Killed Don Quixote" fertigzustellen. Doch Terry Gilliam sieht im Scheitern ohnehin keine Niederlage.

"Gilliam ist genau so, wie man sich Gilliam vorstellt"

Ich lernte also Terry Gilliam kennen: als offen bis vertrauensselig, ungeheuer lustig und energiesprühend. Wir verstanden uns auf Anhieb bestens. Gilliam ist genau so, wie man sich Gilliam vorstellt. Wir spazierten durch München, ich auf dem Bürgersteig, Terry auf dem Radweg. Nun ist nicht jedem Amerikaner das Konzept von Radwegen geläufig - weder, dass es sie gibt, noch gar dass man sich mit militanten Radlern besser nicht anlegt.

Meinen fürsorglichen Hinweis auf den "bike path" beantwortete Terry mit dem merkwürdigen Ausdruck "cycle path". Daraus wurde im Handumdrehen das sehr ähnlich ausgesprochene "psychopath". Eines führte zum anderen und schließlich zu einer bizarren Slapsticknummer, die Terry jedes Mal aufführte, wenn uns ein nichtsahnender Radler passierte.

Warten mit Gilliam: Whiskey Sour im Bayerischen Hof

2009 lud ich Terry ein, mit seinem damals brandneuen Film "Das Kabinett des Doktor Parnassus" das Filmfest zu eröffnen. Das war durchaus risikobehaftet, denn der Film hatte fünf Produzenten, die alle dieser deutschen Erstaufführung zustimmen mussten, und einer von ihnen stellte sich tot - bis drei Tage vor der Eröffnung, als es natürlich längst keine Alternative mehr gegeben hätte. Aber mit einem Experten fürs Scheitern zu tun zu haben, stärkt irgendwie das Nervenkostüm. Trotzdem entging mir nicht die Verzweiflung meiner Mitarbeiter, die immer häufiger ohne erkennbaren Grund auf der Schwelle zu meinem Büro standen und nur stumm blickten - stumm, aber durchaus anklagend.

Als Terry dann schließlich ankam, holte ich ihn vom Flughafen ab. Er war - wie eigentlich immer - bester Laune. Ich brachte ihn in den Bayerischen Hof, wo sein Zimmer aber noch nicht fertig war und wir deshalb gezwungen wurden, morgens um 10 Uhr je zwei doppelte Whiskey Sour an der Bar zu nehmen, an einem Tag, an dem mir noch bis 3 Uhr nachts unzählige Ansprachen, Interviews und Reden bevorstehen würden.

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Floßfahrt mit Gilliam: "Niemand wagte, ihn anzusprechen"

Dann kam die Floßfahrt, die ich zu Beginn meiner Amtszeit als Festivalleiter eingeführt hatte, um unsere Gäste miteinander zu vernetzen, vor allem aber, um ihnen ein ortsspezifisches und einzigartiges Erlebnis zu bescheren. Es war ein wunderschöner, heißer Sommertag, die Isar flimmerte pflichtgemäß, und morgens zogen noch Nebel durch das nahe Uferdickicht, als wir lautlos durch die Pupplinger Au glitten.

Terry saß seitwärts am Rand des Floßes, die Beine im Wasser. Mit unbewegtem Kopf starrte er ins nah vorüberziehende, in der Morgensonne noch dampfende Gestrüpp, irgendwie konzentriert, und doch sehr entspannt. Niemand wagte, ihn anzusprechen. Ich setzte mich eine Weile neben ihn, und wir starrten gemeinsam, wortlos, sprachlos. Ich muss sagen, nach ein paar Festivaltagen praktisch ohne Schlaf stellt sich in der Morgensonne eine durchaus psychedelische Wirkung ein, wenn man von einem Floß aus längere Zeit ins geradezu arrogant gleichgültig vorbeigleitende, sonnengleißende Unterholz starrt.

Als ich nach einiger Zeit, etwas verwirrt, wieder aufstand, um mich um die anderen Gäste zu kümmern, nickte Terry, ich glaube: dankbar. Wer weiß, welches zum allerschönsten Scheitern vorverurteilte Filmprojekt in diesen Momenten in ihm zu keimen begonnen hatte.

Gilliam: Liebevolle Huldigungen an menschliche Unzulänglichkeiten

Übrigens ließen wir Terry später sogar noch ans Ruder. Man muss wissen, dass der Mann am Ruder bei Floßfahrten auf dem Isarkanal keinen echten Schaden anrichten kann. Das Ganze ist mehr symbolisch, was der alte Flößer Angermeier sicher bestätigen würde. Aber Terry war stolz; er war der Steuermann des Narrenschiffs.

Ich bin schon vor neun Jahren vom Filmfest zurück zum Goethe-Institut gewechselt. Die letzten vier Jahre habe ich in Washington gelebt, inmitten einer bizarren, dystopischen Tragikomödie, die "Brazil" in kaum etwas nachsteht. Angeregt von einer Frage, wie denn das Neue an sich in die Welt komme, haben wir hier ein Projekt entwickelt. Die Antwort auf die Frage hätte lauten können: indem man lange genug in psychedelische Gebüsche starrt. Aber sie kann auch lauten: indem Menschen Fehler machen. Gerade weil sie unzulänglich sind, schaffen sie Überraschendes.

Der amtierende Großmeister liebevoller Huldigungen an menschliche Unzulänglichkeiten, absurde Zufälle und ans Skurrile im Alltag ist für mich ganz klar Terry Gilliam. Natürlich beginnt unser Goethe-Projekt zu Fehlern mit der Szene aus "Brazil", in der eine Fliege den Weltenlauf verändert.

Sporadische Kontakte zu den Monty Pythons

Natürlich habe ich versucht, die Monty Pythons in München wieder zu vereinen. Das ist mir nicht gelungen. Immerhin gab es sporadische Kontakte. Michael Palin schrieb mir einen sehr schönen, langen Brief, mit Feder und Tinte. Aber zwischen den ehemaligen Monty Pythons stimmte die Chemie nicht mehr, am wenigstens zwischen Terry Gilliam und John Cleese. Letzterer sympathisierte mit der populistischen UKIP und dem Brexit, während Gilliam Brite wurde, um nicht mehr Amerikaner sein zu müssen.

Während ich diese Sätze schreibe, Anfang November in Washington, keine zehn Minuten vom Weißen Haus entfernt, kommt die Nachricht, dass John Biden die Präsidentschaftswahl gewonnen hat. Das ist gut so. Denn andernfalls hätte der dann 84-jährige Terry Gilliam 2024 repatriiert werden und antreten müssen, um das Land zu retten. Denn: wer sonst? Darüber könnte man dann auch einen schönen Film drehen.

Einen Whiskey Sour, einen doppelten, auf Dein Wohl, Terry!

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