Sophia Loren kehrt zurück: Noch einmal mit Gefühl

Nach langer Abstinenz kehrt die Schauspielerin Sophia Loren mit "Du hast das Leben vor dir" zum Film zurück.
| Michael Stadler
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Vom Schicksal gebeutelt, gemeinsam stark: Madame Rosa (Sophia Loren) und ihr Schützling Momo (Ibrahima Gueye).
Netflix Vom Schicksal gebeutelt, gemeinsam stark: Madame Rosa (Sophia Loren) und ihr Schützling Momo (Ibrahima Gueye).

Sich als sozial gesinnter Mensch nebenbei um ein Straßenkind zu kümmern, ist keine leichte Aufgabe, schließlich braucht es dafür einiges an Zeit, Geduld und Energie. "Ich schaffe es nicht mehr. Ich bin zu alt", sagt Doktor Coen, immer noch praktizierender Arzt in der apulischen Hafenstadt Bari. "Ach, und ich bin ein junges Ding, oder was?!", entgegnet ihm Madame Rosa.

Einst arbeitete die betagte Dame als Prostituierte, lebt in Bari nun in einem kleinen Apartment, in dem sie für ein kleines Honorar die Kinder von Sexarbeiterinnen betreut. Der zwölfjährige Mohammed, genannt "Momo", den Doktor Coen ihr zur Obhut geben will, ist jedoch eine besonders harte Nuss: Das Waisenkind aus dem Senegal hält sich als Gelegenheitsdieb und Drogendealer über Wasser und hat ausgerechnet der Madame vor kurzem eine Tasche mit wertvollem Inhalt bei einem Marktbesuch geklaut.

Doktor Coen kann sie überreden, das widerständige Kind neben zwei aktuellen kleinen Mitbewohnern bei sich aufzunehmen. Auf zwei Monate lässt sie sich ein, aber auch nur, weil der Doktor auf ihre Gehaltsforderungen eingeht. Bald muss sie mit dem Jähzorn Momos zurechtkommen. Und bald entdeckt er an ihrem Arm eine eintätowierte Nummer: Madame Rosa war in Auschwitz interniert.

Zwei hervorragende Schauspieler für den Clash der Kulturen

Ein muslimisches Problemkind aus dem Senegal, eine jüdische Holocaust-Überlebende - die Weichen für ein sozialkitschiges Melodram sind gestellt, aber auch wenn der Film "Du hast das Leben vor dir" sich wenig um ein detailliert-authentisches Porträt des Milieus bemüht und die Sonne ab und zu sehr aufmunternd durch die Fenster strahlt, ist es Regisseur Edoardo Ponti gelungen, nicht allzu rührselig, aber dennoch gefühlvoll von der Annäherung zweier Lebensversehrter zu erzählen, deren Altersunterschied hoch ist, die sich aber in ihrem robusten Umgang mit der harten Realität erstaunlich ähneln.

Für den glaubwürdigen Clash der Kulturen und Generationen stehen Ponti zwei hervorragende Darsteller zur Verfügung: Newcomer Ibrahima Gueye hat als Momo eine schnörkellose Präsenz, wie geschaffen für das Kino, auch wenn dieser Film jetzt nach seiner Premiere auf dem Festival in Rom nicht in den Kinos, sondern auf Netflix läuft. Und die 86-jährige Sophia Loren feiert nach über zehn Jahren Leinwand-Abstinenz ein Comeback, bei dem sie eine resolute Madame aus der Unterschicht gibt, die bei aller Raubeinigkeit die Ausstrahlung einer Grande Dame und das Herz am rechten Fleck hat.

 

Sophia Loren: Eine Kinolegende weiß, wie der Hase läuft

Regisseur und Drehbuchautor Edoardo Ponti ist der Sohn aus Lorens zweiter Ehe mit dem Filmproduzenten Carlo Ponti und sah in seiner Mama schon früh die Idealbesetzung für seine aktualisierte Adaption des Romans von Romain Gary, der dafür 1975 den Prix Goncourt gewann. Die erste Verfilmung des Stoffes, "Madame Rosa" mit Simone Signoret in der weiblichen Hauptrolle, spielte noch in Frankreich und gewann 1978 den Oscar für den "besten fremdsprachigen Film". Manche Kritiker sprechen jetzt davon, dass Sophia Loren vielleicht einen Oscar, den dritten ihrer Karriere, für ihre Darstellung in Pontis Neufassung gewinnen könnte, was dann doch ein bisschen viel des Lobs ist.

Allemal ist es schön anzusehen, wie die alte Dame und ihr neuer Schützling allmählich zusammenwachsen, mit ein paar dramatischen Momenten, weil Madame Rosa hin und wieder in die Verwirrung abdriftet, die traumatische Vergangenheit vor dem inneren Auge.

Auch die Nebenrollen sind ausgezeichnet besetzt: Die spanische Transgender-Schauspielerin Abril Zamora kommt als Rosas Nachbarin Lola in Konflikt mit einem Ex-Partner, der plötzlich Ansprüche auf ein Kind anmeldet, das sie aufgezogen hat. Und der iranische Schauspieler Babak Karimi bietet sich in der Rolle eines gutmütigen Ladenbesitzers als Vaterfigur für Momo an, stößt dabei aber auch an seine Grenzen.

Wie (Ersatz-)Eltern und Kinder sich streiten und manchmal auch zusammenraufen, spielt der Film auf verschiedenen Ebenen durch. Und man fragt sich, wie Sohn Edoardo wohl seiner Mama Sophia Regieanweisungen gegeben hat: Strikt, sanft oder gar nicht? Eine Kinolegende weiß ja in der Regel, wie der Hase läuft.

Abrufbar auf Netflix

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