"Spencer": Wahrheit und Tapferkeit

Die Umkehrung eines behaupteten Märchens: Pablo Larraín erzählt in "Spencer" das Leben und die Psyche von Lady Di.
| Adrian Prechtel
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Zerrüttet und dennoch stark: Kristen Stewart als Lady Diana in "Spencer".
Zerrüttet und dennoch stark: Kristen Stewart als Lady Diana in "Spencer". © DCM

In Deutschland gilt seit den 70er-Jahren das Zerrüttungsprinzip: Es wird nicht mehr festgestellt, wer am Ende einer Ehe schuld ist, sondern nur noch, dass die Ehe gescheitert ist. Für die öffentliche Meinung gilt diese Fairness oft nicht. Vor allem wenn die Presse erst einmal das Bild einer jungfräulich blonden Märchenprinzessin aufgebaut hat, die 1982 den englischen Thronfolger heiraten darf.

Die Übertragung der Hochzeit ist ein globaler Straßenfeger, eine Projektionsfläche glamouröser, romantischer Phantasien. Der folgende, anhaltende popkulturelle Hype um Lady Di machte sie zur meist gejagten Person und brachte eine unfassbare Fallhöhe mit sich, die sich mit der standesgemäßen Geburt zweier Prinzen weiter steigerte.

"Spencer": Eine Ehe zu dritt

Dann Gerüchte um Bulimie, die Geschichte einer "überfüllten" Ehe zu dritt mit Camilla Parker Bowles als Maitresse und die Scheidung. Es war die genaue Umkehrung eines Märchens. Und als Lady Diana im Sommer 1997 mit ihrem Lebensgefährten nachts in einem Pariser Tunnel im Auto zermalmt wird, weiß noch fast jeder, wo er gerade war, als morgens die Nachricht um die Welt ging.

Der Chilene Pablo Larraín hat schon ein Biopic über Pablo Neruda gedreht und ein weiteres über Jackie Kennedy in den Tagen des tödlichen Attentats auf ihren Mann. Was ihn als Regisseur für "Spencer" empfahl.

Dramaturgisch muss man - wenn man nicht abhakend episodisch viele Jahre überspannen will - dafür einen archimedischen Punkt finden, an dem man das Leben von Diana Spencer festmachen kann. Larraín und sein Drehbuchautor Steven Knight finden ihn zehn Jahre nach der "Märchenhochzeit": an drei Weihnachtstagen im winterlichen England auf Schloss Sandringham, in direkter Nachbarschaft, wo Diana aufgewachsen ist.

Film über Lady Di: Beklemmend und witzig zugleich

Der Film hat wunderbare, beklemmende, aber auch witzige Einfälle und Details, die - obwohl alles hinter abschirmenden Schlossmauern stattgefunden hat - die Geschichte spürbar glaubwürdig machen: angefangen von der Ankunft der Küchen-Crew im fast lächerlich-militärischen Landrover-Konvoi, der gleich mal einen Fasan totfährt. Dann werden Lebensmittelkisten hineingetragen, die wie Särge aussehen.

Diana (Kristen Stewart) wird - ohne Chauffeur im offenen 911er - zu spät kommen an diesem 24. Dezember, weil sie unbewusst gar nicht ankommen will. In einem Landimbiss versetzt die Prinzessin alle in Schockstarre, als sie wie eine Erscheinung eintritt und nach dem Weg fragt. Dann holt sie auch noch eine alte Jacke einer Vogelscheuche von einem nahen Acker. Ihr Vater hatte sie abgelegt und vor Jahren dem Bauern geschenkt. Diana wird sie wieder herrichten lassen, von ihrer Schneiderin, ihrer einzigen Vertrauensperson (Sally Hawkins) - abgesehen von ihren Kindern, die sie endlich schützen will - vor einer kindheit-negierenden, höfischen Totalvereinnahmung.

Aber war nicht genau das der erwartete Teil eines Gesellschaftsvertrages, den sie mit ihrer Heirat abgeschlossen hatte und der atmosphärisch in jedem Prachtraum steckt? Oder sich in jedem Kleiderständer versinnbildlicht, auf dem das protokollarisch genau aufgereihte Kleider-Dutzend klar macht, dass hier jede Minute und Geste durchgetaktet sind: nicht nur an Weihnachten, hier als Fest der Form statt der Familie - inklusive sinnlosem Fasanen-Abballern beim Jagdausflug, bei dem Charles seinem ältesten Sohn gesteht, dass er das Schießen selbst gehasst hat.

Weder Charles noch die Queen werden dämonisiert

Überhaupt werden bei alledem weder die Queen noch Charles dämonisiert, sondern nur gezeigt in ihrer verinnerlichten Akzeptanz der vorgegebenen Rolle und den daran geknüpften Erwartungen. Etwas, dem sich Di ab jetzt nicht mehr unterordnen will und auch nervlich nicht mehr kann - zur Rettung ihres eigenen Seelenheils und zum Heil der Kinder.

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Kristen Stewart schafft es, uns das tausendfach zu Tode fotografierte Gesicht von Lady Di noch einmal natürlich vor Augen zu stellen - charmant, geistreich, ehrlich verunsichert, fast wahnhaft, eingeschüchtert und dennoch entschlossen. Pablo Larraín gelingt es, uns mit einzusperren in einem Schloss, in dem einem selbst die Feierlichkeit des Weihnachtszimmers mit den netten Geschenken für die Prinzen die Luft zum Atmen nimmt, symbolisiert auch in den ewig zugezogenen schweren Vorhängen - auch als Abschirmung gegen die Paparazzi, die um das gesamte Schloss in den Büschen lauern.

"Spencer" beschreibt die versuchte Befreiung der Princess of Wales

"Spencer" ist die Geschichte einer versuchten Befreiung, an deren Ende die Princess of Wales die königliche Familie in einem Kraftakt herausfordert. Eine Art Happy End. Aber jeder kennt das Ende. Und natürlich bleibt die Frage, was man über eine zigfach auserzählte Tragödie noch sagen kann?

Aber genau das ist hier die große filmische Kunst: nichts Neues, aber dafür die Tragik visuell klug, kunstvoll verdichtet und psychologisch einfallsreich zu erzählen, so dass man danach das Gefühl hat, nicht nur Bekanntes weiterhin zu wissen, sondern es verstanden und auch gefühlt zu haben - selbst wenn der Film sogar sanft kühl ist, wie britisches Understatement im milden englischen Winter.

Kino: ABC, Arri, Gloria, Rex, Solln sowie City (auch OmU), Arena, Leopold, Maxim, Isabella (OmU), Cadillac (auch OV), Cinema, Museum (OV)
R: Pablo Larraín (GB, D, 111 Min.)

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