Interview

Sigi Zimmerschied im Interview: "Ich bin nicht kompatibel"

Sigi Zimmerschied ist in zwei bayerischen Kinofilmen zu sehen und stellt am Mittwoch sein neues Programm "Maskenball" vor.
| Thomas Becker
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Kommissar Kreuzeder (Sigi Zimmerschied) hat im Kinofilm "Weißbier im Blut" auch noch anderes intus.
Kommissar Kreuzeder (Sigi Zimmerschied) hat im Kinofilm "Weißbier im Blut" auch noch anderes intus. © perathon Film/Hendrik Heiden

München - AZ-Interview mit Sigi Zimmerschied: Der 67-jährige Passauer ist Kabarettist, Schauspieler, Regisseur und Autor.

Als Dienststellenleiter Moratschek in den "Eberhofer"-Krimis ist er seit Jahren auch einem Massenpublikum vertraut. Das würde sich aber teilweise sehr wundern, wenn es sich in seine Kabarettsoloprogramme wie zuletzt "Heil - vom Koma zum Amok" verirren würde. Nun legt Zimmerschied nach, mit zwei neuen Kinofilmen und einem neuen Kabarettprogramm. Ein Gespräch über Mut und Masse.

AZ: Herr Zimmerschied, 1983 standen Sie erstmals vor der Kamera, an der Seite von Peter Fonda, dem Hauptdarsteller von "Peppermint Frieden". Wie sind Sie als damals schon gefeierter Kabarettist zum Film gekommen?
SIGI ZIMMERSCHIED: Alle meine Kabarettprogramme hatten immer auch eine stark visuelle Seite: Bilder respektive Sprachbilder, die eine gewisse visuelle Umsetzung verlangen. Als die ersten Angebote gekommen sind, habe ich das mit großem Interesse angenommen - auch um auszutesten, ob es neben diesem Kabarettisten auch noch einen Schauspieler gibt.

Kabarettist Zimmerschied über die Schauspielerei

Ganz offensichtlich gibt es den!
Das hat sich immer mehr entwickelt, mehr Facetten sind hinzugekommen. Es war immer eine sehr bereichernde Abwechslung. Das Spiel vor der Kamera, dieser Minimalismus, der da gefordert ist, hat sich positiv auf die Figurengestaltung im Kabarett ausgewirkt.

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In Form von Zuspitzung und Verdichtung?Man bekommt immer mehr Vertrauen in das Wesen einer Figur, muss die Pointe nicht breit austreten. Wenn man eine flüssige, plausible Figur auf die Bühne stellt, verträgt die auch leisere Töne. Das ist etwas, was man dann schon vor der Kamera lernt. Insofern haben sich die beiden Arbeitsfelder immer sehr befruchtet.

Sigi Zimmerschied über seine erste Regie-Arbeit "Schartl"

Nach Ihrer ersten Regie-Arbeit mit "Schartl" 1994 gab es aber eine fast 15-jährige Filmpause. Wieso?
In dieser Zeit habe ich sehr intensiv an meinen Kabarettprogrammen gearbeitet, die immer komplexer geworden sind. Die haben mich voll ausgefüllt, so dass ich zu nichts anderem Zeit hatte. Aber da sich immer viel Material mit visuellem Charakter angesammelt hatte, wollte ich einen eigenen Film machen, den "Schartl" eben, wollte präsentieren, wie für mich Filmkomik ausschaut. Es war damals schon - und das hat sich bis heute fortgesetzt - eine sehr kräftezehrende und letztlich unergiebige Auseinandersetzung mit den Fernsehredaktionen, mit Produzenten und Leuten, die Filme machen, mit dieser ganzen Macher-Seite. Denen konnte ich nie wirklich plausibel erklären, was ich will. So habe ich dann selbst einen Film gemacht: "Schaut's her: So sieht's in meinem Kopf aus. Wenn euch das gefällt, dann meldet euch wieder!" Dann ist es sehr still geworden - wodurch man sich viele unnötige Diskussionen erspart hat. "Schartl" war ein faszinierender Prozess, all die Disziplinen zu koordinieren und selber zu durchlaufen. Das war schon einer der Höhepunkte in meinem Schaffen.

Sigi Zimmerschied: "Die Welt, die ich im Kopf habe, ist so eigen"

Aber es ist Ihr einziges Regie-Werk geblieben.
Ich habe zwischendurch schon Versuche gemacht, meinen Roman "Der Komparse" als Drehbuch zu verarbeiten und angeboten. Aber es ist offenbar wirklich so: Ich bin nicht kompatibel. Die Welt, die ich im Kopf habe, ist so eigen, so unvereinbar mit den Zeitgeistströmen, dass ich es zwar immer wieder wie Sisyphos versuche, mit großem Vergnügen diesen Stein den Berg hoch zu schieben, aber ich weiß genau: Kurz vorm Gipfel fällt er wieder runter.

Sigi Zimmerschied: "Die Preise, die ich haben wollte, habe ich bekommen"

Weil wieder ein Bedenkenträger aufgestanden ist. Diese Ahnung beschleicht einen auch, wenn man die Liste Ihrer Auszeichnungen anschaut. Da sind zwar ein paar schöne dabei wie der Österreichische Kabarettpreis, aber den Deutschen oder Bayerischen Kabarettpreis sucht man vergebens. Wie kommt's?
Beim Bayerischen Kabarettpreis ist nicht die Jury schuld. Die wollten ihn mir schon öfter geben, aber ich habe abgelehnt. Es ist auch ein Preis des Bayerischen Rundfunks, billig gefüllte Sendezeit, und ich kann keinen Preis annehmen von einem Sender, der mir in 40 Jahren nicht ein Mal die Chance gegeben hat, meine Kreativität zu entfalten. Man hat mich immer gern als Studio- oder Talk-Gast genommen, hat ein paar Ausschnitte gezeigt, aber einmal zu sagen: "Zimmerschied, geh' her: Wir geben dir ein Format, und damit stellst du dich vor." Das ist nie passiert. Diesen Preis anzunehmen, da wäre ich mir vorgekommen, wie jemand, der beim FC Bayern spielt, ständig auf der Ersatzbank sitzt, am Schluss aber als "Spieler des Jahres" ausgezeichnet wird. Das ist einfach absurd. Die Preise, die ich haben wollte, habe ich bekommen, und damit ist es auch wieder gut.

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Zimmerschied über Kreuzeder: "Da sind viele Parallelen zu meiner Biografie"

Reden wir über "Weißbier im Blut", wo Sie in die Rolle des kaputten Kommissars Kreuzeder schlüpfen. Sie haben das als Lebensrolle bezeichnet - weil so viel Zimmerschied im Kreuzeder steckt?
Von der Grundbefindlichkeit hat er sehr viel mit mir zu tun. Diese dialektische Lebenssituation, dieses ständig Hin-und-her-gerissen-Werden zwischen Fatalismus, Resignation und tiefem Humanismus, Menschenliebe und Aggression. Da sind viele Parallelen zu meiner Biografie. Die Rolle beschäftigt mich schon zwölf Jahre, und so lange war es nicht möglich, für diesen Stoff einen Produzenten zu finden. Wir haben daraus vier Hörspiele gemacht, sogar ein Roman ist aus dem Drehbuch entstanden.

Sigi Zimmerschied: "Ich bin kein Quotenbringer"

Schwer zu glauben, dass ein Sigi Zimmerschied nach all den Jahren und Erfolgen mit einem Projekt hausieren gehen muss.
Offensichtlich sammeln sich in den Unterhaltungs-Redaktionen immer die größten Flaschen. Die haben keine inhaltlichen Diskussionen, die haben nur eins: Angst. Vor der Quote. Und ich bin kein Quotenbringer. Mein Humor im Kabarett und auch im Kreuzeder ist so speziell, dass der zwar eine kleine Liebhabergemeinde haben wird, aber nicht das, wovon Redakteure träumen: gigantische Zahlen wie aus Veitshöchheim.

Oder den Eberhofer-Krimis.
Da bin ich gern dabei. Ich mag das Team, dass man sich einmal im Jahr trifft. Eberhofer-Filme haben andere Türen geöffnet für ähnliche Filme. Aber diese Redakteure, die zu verantworten haben, was geschieht, die haben kein Bewusstsein, sondern in erster Linie Angst. Offenbar bin ich bei denen ein großer Angstfaktor: Wer sich für Zimmerschied einsetzt, stürzt ab. Weil einfach nur Quantität zählt.

Sigi Zimmerschied: "Kreuzeder ohne Popcorn? Undenkbar!"

"Weißbier im Blut" hatte unlängst Freiluft-Premiere auf dem Passauer Domplatz. Wie war's?
Das war ein Bild! Ich als abgehalfterter Kommissar vorm Dom: Da hab' ich schon lange hinschauen müssen, bis ich das geglaubt habe. Was ich an dem Film so mag: diese melancholisch-tschechisch-niederbayerische Art, die ihn elementar von anderen bayerischen Krimis unterscheidet. Der Film hat wirklich eine Seele.

Ab wann läuft er deutschlandweit?
1. Juli. In manchen Kinos läuft er noch nicht, mit einem Argument, das mich vom Stuhl gehauen hat: weil man noch kein Popcorn verkaufen darf. Kreuzeder ohne Popcorn? Undenkbar! Das ist ja wie Chabrol ohne Leberkas-Semmel! Das tut schon weh. Aber wir machen weiter.

Sigi Zimmerschied: "Kreativität ist stärker als jede Pandemie"

Am Mittwoch gibt es die Premiere Ihres Programms "Maskenball". Als "Spaziergang mit alten Freunden" haben Sie das bezeichnet: ein Wiedersehen mit Figuren aus früheren Programmen, die mit der pandemischen Gegenwart konfrontiert werden, korrekt?
Es ist kein Programm, in dem es eine fast theaterhafte Hauptfigur gibt, an der eine Geschichte erzählt wird. Diese Form habe ich im letzten Programm "Heil" ausgereizt. Da gibt es keine Steigerung mehr. Da muss ich jetzt sowieso woanders hin. Es macht mir auch Spaß, mich mit anderen Formen zu beschäftigen. Daher der Versuch, aus meinen bekannten Figuren und einer krassen, aktuellen Situation ein Gesamtbild zu konstruieren. Auch mit der Absicht, zu zeigen, dass manche Dinge ihre Gültigkeit nicht verlieren. Vieles von dem, was ich bisher bespiegelt habe, diese Heillosigkeiten, sind die Wurzeln für das Dilemma, das man momentan in dieser Pandemie hat. Deshalb der Versuch, eine Balance zu schaffen zwischen Einlassungen und zeitlosen Figuren.

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Was hat diese Pandemie offengelegt? Und was sagt das über den Zustand unserer Gesellschaft?
Dass sie heillos ist, erkenntnisunfähig, nicht lernfähig. Das Einzige, was mich überzeugt hat, war die Wissenschaft. Wenn diese fünf, sechs Köpfe in den Laboren nicht die Impfstoffe entdeckt hätten, wären wir alle längst verreckt. Die Wissenschaft wird es hinbekommen, dass diese Seuche verschwindet, aber die Seuche Homo sapiens bleibt. Das Positive daran ist, dass ich das überlebt habe. Und das es eine Konzentration ermöglicht hat. Dieses Prinzip "trotzdem" ist schon etwas Wesentliches, das Hoffnung gibt. Dass man sich nicht unterkriegen lässt, sondern weitermacht. Dass es immer noch Ideen und Explosionen im Kopf gibt. Dass die Kreativität stärker ist als jede Pandemie.

Hat also gar nicht geschadet, mal auf sich selbst zurückgeworfen zu sein?
Mir hat das nicht geschadet. Aber für jemanden, der nichts im Kopf hat, ist dieser Zustand vielleicht eine Bedrohung.


Die fünf "Maskenball"-Auftritte von Sigi Zimmerschied im Garten der Seidlvilla sind ausverkauft, Zusatztermine sind in Vorbereitung.

 

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