Doku über Tina Turner: "T&T - liebenswürdiges Dynamit"

Im Kino und auf Konserve: "Tina" - ein abschließender, intimer Dokumentarfilm spannt gekonnt den Bogen über ein unfassbares Leben.
| Dominik Petzold
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Sich selbst neu erfinden nach Jahren der Erniedrigung und Gewalt: Tina Turner im November 1979 Backstage.
Sich selbst neu erfinden nach Jahren der Erniedrigung und Gewalt: Tina Turner im November 1979 Backstage. © Graam Slide Box

September 1993 reist Tina Turner zum Filmfestival von Venedig, um einen Spielfilm über ihr Leben zu präsentieren. Der Auftrieb am Lido ist groß, der Glamour des Weltstars überstrahlt alles, am Roten Teppich wie in der Pressekonferenz. 

Tina Turner: "Deshalb habe ich den Film nicht gesehen"

Da sitzt die junge Hauptdarstellerin und Film-Tina Angela Bassett neben ihr, ist angemessen aufgetakelt - und fällt doch neben dem Original kaum auf. Als die Blitzlichter endlich erloschen sind, stellt jemand die schlichte erste Frage: Was halten Sie von dem Film, Miss Turner? "Ich habe ihn noch nicht gesehen."

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Die Spannung im Raum ist spürbar, auf die Stille folgt Geraune. "Wieso?", ruft jemand, und nach einer wirkungsvollen Pause erklärt sich Tina Turner. Sie denke nicht gern darüber nach, wie sie ihr Leben gelebt habe, die ständige Erinnerung an ihre Vergangenheit tue ihr nicht gut. Ja, diese Vergangenheit gebe eine gute Story ab, und die habe sie erzählt. Aber: "Will ich auf der Leinwand all die Gewalt und Brutalität sehen? Nein. Deshalb habe ich den Film nicht gesehen."

Tina Turner begegnet ihrer Vergangenheit - mit Ambivalenz

Tina Turner bewirbt ein Biopic über den Abschnitt ihres Lebens, an den sie nicht erinnert werden will: Dieser einminütige Ausschnitt der Pressekonferenz, der in dem neuen Dokumentarfilm "Tina" zu sehen ist, spiegelt eindrücklich, mit welcher Ambivalenz die Sängerin ihrer Vergangenheit begegnet.

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Dieser grauenvollen, traumatisierenden Vergangenheit, unter der sie zeitlebens spürbar leidet. Aber die doch die ganze Welt mit ihr verbindet - und von der sie eben auch selbst immer wieder erzählt: in dem Spielfilm "What's Love Got To Do With It", den sie in Venedig vorstellte, in mehreren Autobiographien, in einem Broadway-Musical. Und nun in dem Dokumentarfilm "Tina".

1976 verließ Tina ihren Partner Ike - trotz Todesangst

Aber diese Lebensgeschichte ist nun mal, wie sie selbst sagt, eine gute Story - und alles darin hat riesige Dimensionen, das frühe Elend wie der späte Triumph. Die Frau aus den US-Südstaaten wurde eineinhalb Jahrzehnte lang von ihrem Mann und musikalischen Partner Ike Turner geschlagen, vergewaltigt, drangsaliert und gedemütigt. 1976 verließ sie ihn trotz Todesangst.

Dann schlug sie sich jahrelang irgendwie durch, ohne Plattenvertrag und Perspektive, als Sängerin mittleren Alters suchte sie lange erfolglos ihren eigenen Stil. Als sie den 1984 endlich gefunden hatte, wurde sie mit Mitte vierzig und gegen jede Wahrscheinlichkeit zum Weltstar. Was für eine Story.

Tina Turner startet spät als Solokünstlerin durch

Drei Jahre zuvor hatte sie im auflagenstarken Magazin "People" erstmals erzählt, wie sie in ihrer Ehe misshandelt wurde. Ein Befreiungsschlag, dessen zusätzlichen PR-Effekt die halbvergessene Sängerin sicher gern mitnahm: Die Öffentlichkeit sollte endlich wahrnehmen, dass das Duo Ike & Tina Turner Vergangenheit und sie nun Solokünstlerin war. Ein paar Jahre später kannte so gut wie jeder in der westlichen Welt diese wildmähnige Wahnsinnssängerin. Sie hatte die Zukunft erobert, doch ihre Vergangenheit wurde durch ihren Ruhm nur noch interessanter.

Dokumentarfilm "Tina": Turners deutscher Ehemann ist Mitproduzent

Welcher Megastar hatte schon eine Biographie von solcher Dramatik? Und so fragten die Journalisten immer und immer wieder nach Ike und den alten Schaudergeschichten.

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Mit dem Dokumentarfilm "Tina" gibt sie nun vielleicht ein letztes Mal die Antwort. Auch wenn die Oscar-prämierten Regisseure Dan Lindsay und T. J. Martin dahinter stehen, hat der Film etwas Offiziöses: Tinas deutscher Ehemann Erwin Bach ist Mitproduzent, und in einem Interview gegen Ende sagt er, dass der Film für seine Frau eine Art Abschluss sei, ein letzter Blick auf ihr Leben also.

Tina Turner spricht erneut über ihre Horror-Ehe

Der Film thematisiert und reflektiert ausführlich, wie sehr das Drama ihrer ersten Ehe bis heute die öffentliche Wahrnehmung der Tina Turner prägt, wie die Biographie der heute 81-Jährigen vor allem auf die zwei Jahrzehnte mit Ike reduziert wird. Doch paradoxerweise macht der Film genau damit weiter und setzt äußerst stark auf dieses Narrativ.

Ausführlich sind die Tonbänder des "People"-Interviews von 1981 zu hören, und Tina Turner, die sich seit längerem aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat, spricht auch selbst über die Horror-Ehe. Dazu fährt die Kamera durch den noch existierenden, heruntergekommenen Bungalow in L.A., in dessen düsteren Gängen und Gemächern sich das Drama abspielte; besonders gruselig wirkt das herzförmige Himmel-Ehebett.

Dokumentarfilm "Tina": Das sind die Stärken und Schwächen

Warum sie so lange bei ihrem Peiniger geblieben sei? Wegen einer Mischung aus Gehirnwäsche, Angst, Loyalität und Schuldgefühlen, sagt sie. Bei dieser zentralen Frage hätte man gern tiefer in die Seele dieser Frau blicken wollen, die so selbstbewusst und hochenergetisch wirkt und so lang bei einem gewalttätigen Ehemann blieb.

Der Dokumentarfilm hat auch einige weitere Schwächen. So ist ausgerechnet die Stimmung der Hintergrundmusik oft höchst unpassend, und auch der Versuch, Tinas Flucht vor Ike zu visualisieren, scheitert.

Umso stärker ist der Aufbau des Films, der weitgehend, aber nicht streng chronologisch ist. Erst spät und umso wirkungsvoller erschließt sich, welch traumatisches Erlebnis Tina Turner schon durchgemacht hatte, bevor sie Ike kennenlernte. Und so entfaltet die unglaubliche Lebensgeschichte dieser charismatischen Frau immer mehr Wucht, am Ende ist der Film absolut berührend.

Tina Turner: In ihrem Leben war alles überdimensional groß

Die Musik spielt darin meist eine Nebenrolle, außer in dem sehr interessanten Abschnitt über die Jahre 1976 bis 1984, als Tina Turner mit ihrem Manager nach ihrem Solo-Stil und Image sucht.

R&B? Disco? Rock? Am Ende landet sie den Volltreffer mit einem Popsong, zu dem sie gegen ihren energischen Widerstand überredet werden muss: "What's Love Got To Do With It". Die Originalversion der englischen Grand-Prix-Gewinner Bucks Fizz wird kurz angespielt, und sofort erstrahlen die interpretatorischen Fähigkeiten der Tina Turner in einem noch helleren Licht. Bei ihr war eben alles überdimensional groß: das Elend und der Triumph, das Talent und die Stimme. 


Am Mittwoch bei Kino, Mond & Sterne (OmU, Einlass 20 Uhr, Beginn gegen 21.30 Uhr), am Samstag, 17.45 Uhr im Filmtheater Sendlinger Tor, ab 8. Juli auf Blu-ray, DVD und digital.

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