"Papa s'en va": Auf der späten Bühne des Lebens

Dok.Fest: "Papa s'en va." Pauline Horovitz porträtiert ihren Vater in einem hinreißend komischen Film.
| Michael Stadler
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Posen beim Ausprobieren von Golf, was aber nix ist für Monsieur Horovitz.
Posen beim Ausprobieren von Golf, was aber nix ist für Monsieur Horovitz. © Dok.Fest

München - Gar nicht so einfach, in der Wohnung des Vaters zu filmen. Alles mögliche Zeugs steht herum, der Laptop, Bücher, Dokumente, alles stapelt sich. Aber er weiß schon, wo was liegt, versichert der Papa seiner Tochter, der Filmemacherin Pauline Horovitz. Ja nichts verrücken, er hat da sein eigenes System.

Pauline Horovitz: Porträt über ihren Vater

Dass der Messie mal ein anerkannter Gynäkologe und Professor an der Universitätsklinik war, mag man kaum glauben, so bescheiden sind die Verhältnisse. Seit vierzig Jahren wohnt er in seinem Pariser Apartment, hinter dem Hospital, in dem er arbeitet(e). Hauptsache, er hungert nicht und ihm friert's nicht. Mehr verlangt der Professor gar nicht vom Leben. Eine angenehme Fernbeziehung unterhält er zu seiner Freundin Geneviève, die gerne mit ihm zusammen im Heim wäre. Aber mit Geneviève gemeinsam irgendwo wohnen, sich dort tagtäglich sehen - das wäre der Horror!

Solche und andere private Details erfährt man in dem hinreißend komischen wie anrührenden Dokumentarfilm "Papa s'en va". Mehr als eine Stunde braucht Pauline Horovitz nicht, um ihren Vater in seiner eigenwilligen Wesensart zu porträtieren. Dabei stellt sie durchaus seine Kauzigkeit aus, aber der Kamerablick ist ruhig, ganz liebevoll auf den Papa gerichtet. Mit 65 Jahre muss er sich in Rente begeben, die für ihn organisierte Abschiedsfeier lässt er über sich ergehen und erweist sich bei seiner Rede dann doch als gewitzter Entertainer, der es versteht, sein Publikum zum Lachen zu bringen.

Eine ziemliche Rampensau steckt in dem Eigenbrötler

Das Filmprojekt seiner Tochter unterstützt er gerne, gibt bereitwillig in die Kamera Auskunft und ist sauer, wenn seine verarmte, kranke, ebenso verschrobene Schwester, die er in seiner Wohnung aufnimmt, eine Aufnahme stört. Nach einer Phase der Orientierungslosigkeit - was macht man nur im Ruhestand? - entdeckt er die Lust am Spielen neu, nein, nicht beim Golfen, dass er in ein paar lustigen Szenen ausprobiert. Sondern in einem der Theaterkurse von der Pariser Schauspielschule "Court Florent" für Laien.

Da steht der Papa inmitten meist wesentlich jüngerer Kursteilnehmer und macht bereitwillig jede Übung mit. Den Verstand ausschalten und "Loslassen" - das braucht man beim Golfen und beim Schauspielen, bemerkt er. Es geht im Alter insgesamt darum, sich von einigen Dingen zu verabschieden, auch ein bisschen vom Leben. Bei aller Heiterkeit spukt auch die Möglichkeit des Todes im Kopf des Vaters herum. Eine Begräbnis-Versicherung hat man ihm aufgedrängt und er hat schon eine Grabstätte gekauft, in der nicht nur er, sondern insgesamt acht Personen Platz haben werden.

Da staunt die Tochter über die Voraussicht ihres Vaters, und muss dann doch ein bisschen lachen, wenn sie an anderer Stelle einen Haufen Gläser mit Brombeermarmelade entdeckt, die er mitsamt anderen Dingen für einen möglichen Krieg im Keller hortet. Aber er kommt nun mal aus einer anderen Generation. Seine jüdische Identität habe, behauptet der Vater, im Leben der Familie kaum eine Rolle gespielt. Später kommt dennoch kurz der Holocaust zur Sprache. Einige Familienmitglieder starben in den Konzentrationslagern, näher möchte er jedoch nicht drauf eingehen.

Emotional ist der Vater eigentlich ein zurückhaltender Mensch, aber beim Theaterspielen wird er animiert, sich zu öffnen, zu schreien! Auf der Soundspur erklingt mal Dalidas "Mourir sur scène", indem sie davon singt, dass sie im Scheinwerferlicht, vor einem vollen Saal sterben will. Und wieso auch nicht? Der Tod wird in unserer Gesellschaft gerne verdrängt, ist aber nun mal eine Tatsache, die man ins Licht rücken sollte. Auf der Bühne kann man das Sterben ausprobieren, es gehört zum Spiel. Vor allem aber bekommt der Papa bei seiner spät entdeckten Leidenschaft eine Menge Lebensfreude injiziert. Man freut sich mit ihm. 

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