Interview

Regisseur Tim Fehlbaum: Ohne Holzhammer etwas über den Zustand der Welt sagen

Der Science-Fiction "Tides" von Tim Fehlbaum ist eine große deutsche Produktion. Es geht um unsere Erde nach dem ökologischen Untergang - gedreht wurde in der Bavaria und im Watt.
| Florian Koch
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Die Astronautin Blake (Nora Arnezeder) ist zurück auf der Erde und sucht nach überlebenden Menschen.
Die Astronautin Blake (Nora Arnezeder) ist zurück auf der Erde und sucht nach überlebenden Menschen. © Constantin Film

In "Hell" ließ er die Erde verbrennen, in "Tides" versinkt sie im Hochwasser. Erst zwei Filme hat Tim Fehlbaum gedreht. Doch sowohl sein vielbeachtetes Debüt "Hell" als auch sein neuer Endzeitfilm wirken angesichts der Klimakrise aktueller denn je. In "Tides" lebt ein Großteil der Menschheit auf dem Planeten Kepler 209. Doch angesichts einer steigenden Unfruchtbarkeit versucht man, die einst kollabierte Erde wieder zu besiedeln. Eine heikle Mission, bei der die Astronautin Blake (Nora Arnezeder) auf überlebende Unterdrückte und Unterdrücker trifft.

Der 39-jährige Schweizer Filmregisseur gewann nach seinem Studium an der Münchner HFF für sein Debüt "Hell" 2011 den Förderpreis Deutscher Film. Zehn Jahre später ist jetzt "Tides" fertig.
Der 39-jährige Schweizer Filmregisseur gewann nach seinem Studium an der Münchner HFF für sein Debüt "Hell" 2011 den Förderpreis Deutscher Film. Zehn Jahre später ist jetzt "Tides" fertig. © BR

Tim Fehlbaum ist nicht nur ein Regisseur, der bildgewaltige apokalyptische Szenarien entwirft, sondern auch ein detailbesessener Tüftler. Für "Tides" bestand er auf für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich aufwändige Sets, darunter ein flutbares Becken in den Bavaria Studios. Der Aufwand wurde nun mit zwei Bayerischen Filmpreisen (auch für die beste Regie) honoriert. Am Donnerstag kommt der Film ins Kino.

AZ: Herr Fehlbaum, der zweite Film gilt immer als der Schwerste. Warum hat es nach "Hell" stolze zehn Jahre bis zu "Tides" gedauert?
TIM FEHLBAUM: Ich bin nicht wirklich stolz darauf, dass es so lange gedauert hat. Anfangs war ich vielleicht ein bisschen überwältigt, wie "Hell" auf den Festivals ankam. Dann habe ich eine Weile mit Hollywood kokettiert, Drehbücher in Los Angeles gelesen, Meetings genommen. Nach und nach bemerkte ich aber, dass das nicht so ganz meine Welt ist. Und dann habe ich irgendwann einen Schnitt gemacht, um mit meinen alten Mitstreitern von "Hell" wieder etwas auf die Beine zu stellen. Immerhin kann ich versprechen, dass der nächste Film nicht so lange auf sich warten lässt.

"Tides" beschreibt wie im Moment viele Filme eine Endzeitstimmung. Liegt diese Häufung von Dystopien auch an einer gefühlt immer bedrohlicheren Realität?
Bei meinem ähnlich gelagerten Debütfilm "Hell" vor zehn Jahren war das Endzeit-Thema in Deutschland noch ein Ausnahmefall. Mittlerweile kann man hier wirklich von einem eigenen Genre reden. Mich persönlich reizt daran ganz profan das "Was wäre wenn"-Spielchen und das visuelle Erlebnis, was im Fall von "Tides" die bildliche Umsetzung einer überfluteten Welt heißt, in die der Zuschauer förmlich hineingesaugt wird. Das Tolle an Science-Fiction finde ich, dass man ohne mit dem Holzhammer auch etwas sagen kann über den Zustand unserer Welt heute.

Roland Emmerich, der mit "The Day After Tomorrow" die Klimakrise fiktional schon 2004 verarbeitet hat, ist wieder als ausführender Produzent gelistet.
Ich bin froh, dass Roland bei diesem Projekt noch mehr involviert war als bei "Hell". Ganz besonders war für mich, dass er extra nach München kam, um sich eine frühe Fassung von "Tides" im Kino anzusehen. Danach ist er mit uns gleich zwei, drei Tage in den Schneideraum gegangen, um hochkonzentriert an dem Film zu arbeiten. Roland hat uns mit seinem Blick von außen letztlich geholfen, das Herz des Films zu finden. Und zwar nicht in einem Mehr an Effekten, sondern in einer Reduktion. Das hätte man so von ihm vielleicht gar nicht erwartet.

Beruht Ihre Untergangsvision auf wissenschaftlich nachvollziehbaren Prognosen?
Nein. Wir haben zwar viel recherchiert, auch mit der Luft- und Raumfahrtbehörde gesprochen. Mein Film soll und will aber keine realistische Prognose sein, was der Menschheit in der Zukunft blühen könnte. Viel eher soll er die Einzigartigkeit unseres Planeten unterstreichen. Und während andere Filme zeigen, wie wir die Erde verlassen, um neue Lebensräume zu erforschen, wollte ich den anderen Weg gehen. Also zeigen, dass die Erde eigentlich unsere Heimat ist und wir doch eher auf sie aufpassen sollten als andere Pläne zu schmieden.

Die Aneignung von anderen Kulturen wird in der Gesellschaft gerade heiß diskutiert. Sie spielt auch im Film eine große Rolle, weil nach dem Zusammenbruch der Zivilisation sich die Überlebenden aus den verschiedensten Kulturen zusammentun müssen.
Das war uns fast noch wichtiger als das Klimathema. Ich wollte unbedingt zeigen, dass der von Iain Glen gespielte Unterdrücker denkt, dass er aus seiner Sicht das Richtige macht. Für sein fragwürdiges Verhalten hat er auch durchaus Argumente. Ein Schlüsselbild ist dann für mich, wenn er seinem Jungen, der nicht mit Besteck essen will, die Hand wegschlägt. Damit will ich zeigen, dass dieses Aufzwängen der eigenen Lebensweise nicht im Interesse des anderen, des Kindes, sondern nur im eigenen Interesse steht.

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Warum haben Sie die Angst vor einer die Menschheit bedrohenden Unfruchtbarkeit integriert?
Das spielt noch in den Gedanken der Einzigartigkeit der Erde mit rein. Denn was man bei all den Weltraum-Reisen, die gerade auch geplant und unternommen werden, nicht weiß, ist, wie die kosmische Strahlung unser Biosystem langfristig beeinflusst. Mit der Sterilität des Lebens auf einem anderen Planeten setze ich auch einen Gegensatz zu den noch fruchtbaren Überlebenden auf der Erde der Zukunft. Auch wenn diese Erde nur aus Überresten besteht und aus dem Müll früherer Generationen, also unseren, wiederaufgebaut wurde.

Die Besetzung der Hauptrolle mit Nora Arnezeder, die noch eher unbekannt ist, überrascht. Was hat Sie, was andere im Casting nicht hatten?
Ihre Ernsthaftigkeit, ihre Physis und ihre Entschlossenheit waren für die Besetzung ausschlaggebend. Mein Vorbild für ihre Figur war dabei die ikonische Ripley aus der "Alien"-Reihe, wie sie Sigourney Weaver spielt. Bei dieser schwierigen Entscheidung wurde ich glücklicherweise von allen Beteiligten unterstützt.

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