"Die Unbeugsamen": Tragen die denn einen BH?

Morgen startet der Film "Die Unbeugsamen" im Kino: Es ist ein unfassbares Dokument über Sexismus und Männerbünde gegen Frauen als Politikerinnen.
| Margret Köhler
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Ursula Männle (l. CSU) und Renate Hellwig (CDU).
Ursula Männle (l. CSU) und Renate Hellwig (CDU). © Majestic Filmverleih

Lautes Gelächter und Gejole, Schenkelklopfen, auf Bänke hämmern und obszöne Zwischenrufe wie "Du willst es doch nur besorgt bekommen". Wer bei dem Getöse glaubt, ein tobender Männerstammtisch fröne seiner Frauenverachtung irrt.

Die Bilder stammen aus dem deutschen Parlament 1983 während und nach der Rede der Grünen-Abgeordneten Waltraud Schoppe. Sie hatte es gewagt, die Bestrafung der Vergewaltigung in der Ehe zu fordern und den "alltäglichen Sexismus im Parlament einzustellen". Für die feixenden Herren der Schöpfung eine Provokation und Zumutung, Macht halten sie für "unweiblich". Für Frauen in der Politik war jedenfalls die Bonner Republik eine ungeheure Zumutung.

Fein montierten Zeitreise in die Bonner Republik

Da konzedierte der CDU-Grande Heiner Geißler den "Damen" jovial, doch "ganz passabel" auszusehen, um dann festzustellen "Der Zahn der Zeit nagt auch bei Ihnen ganz schön". Aber es blieb nicht bei Verbalattacken. Wenn Helga Schuchardt von der FDP sich daran erinnert, wie der CSU-Abgeordnete Richard Stücklen im Plenarsaal des Bundestags mit dem Daumen über ihren Rücken fuhr, um herauszufinden, ob sie einen BH trug, ist man fassungslos. Anlass für diese weltbewegende Frage war eine dämliche Wette mit seinen wiehernden Parteigenossen.

Regisseur Torsten Körner will der einseitig männerzentrierten Geschichtsschreibung etwas entgegensetzen und erzählt in der sehr fein montierten Zeitreise in die Bonner Republik wie sich diese eigenwilligen, streitbaren und widerborstigen Pionierinnen mühsam, geduldig und unerschrocken durchsetzten und eine eigene Stimme fanden, ganz ohne zu gendern. Dabei verzichtet er auf belehrende Kommentare und Off-Texte, teilt die Doku in verschiedene Kapitel auf.

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Das schockierende, teilweise unveröffentlichte Archivmaterial zeigt, was los war im Hohen Haus, zeichnet von den 1950er Jahren bis zur Wiedervereinigung eine Epoche sexueller Diskriminierung und Demütigung. Dazu kommen manchmal bittere, absurde aber auch humorige Erinnerungen an westdeutsche Politik in den zahlreichen Interviews mit damaligen Politikerinnen, die sich mutig gegen Männermacht stellten, sich über die Parteigrenzen hinweg solidarisierten. Nachdem die CSU-Politikerin Ursula Männle den grünen Frauen gratuliert hatte, als die 1984 den Fraktionsvorstand kaperten, hatte sie in ihrer Partei nicht mehr viel zu lachen. Unvergessen bleibt Gesundheitsministerin Elisabeth Schwarzhaupt mit braver Perlenkette, die erste Ministerin überhaupt und noch eine Einzelkämpfern. Sie wollte 1961 gerne "Frau Ministerin" genannt werden, worauf ihr Bundeskanzler Konrad Adenauer kurzerhand erklärte "in diesem Kreis sind auch Sie ein Herr".

Erschütternd ist das Kapitel "Petra & Hannelore": Das Leben von Hannelore Kohl, der "stillen Frau an seiner Seite", und von Petra Kelly, der Ikone der Friedensbewegung, endete jeweils in einer Tragödie. Was Bundesministerin Käte Strobel einst sagte, hat leider kaum an Aktualität verloren: "Politik ist eine viel zu ernste Sache, um sie alleine den Männern zu überlassen."

Dass der Frauenanteil im Bundestag derzeit bei nur 31,5 Prozent liegt und damit ähnlich niedrig wie 1998 mit 30,9 Prozent ist beschämend. Also: Mehr Frau wagen!


Regie: Torsten Körner (D, 99 Min.)

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