Interview

Anthony Hopkins: "Habe viele Fehler gemacht - nur pünktlich war ich immer"

In "The Father" spielt Anthony Hopkins oscargekrönt einen an Demenz erkrankten Mann. Zeit für eine Lebensbilanz.
| Interview: Mariam Schaghaghi
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Anthony Hopkins als Anthony und Olivia Colman als Anne in einer Szene des Films "The Father".
Anthony Hopkins als Anthony und Olivia Colman als Anne in einer Szene des Films "The Father". © picture alliance/dpa/Tobis Film

Wie brillant Hopkins mit immerhin 83 Jahren ist, zeigt er ab Donnerstag im Kinodrama "The Father". Ganz schlicht, mit stillem Schmerz gibt er uns Einblick in die Perspektive des Kranken und in seine versch(r)obene Realität, die auch seine Tochter (Olivia Colman) immer weniger durchdringen kann.

AZ: Sir Anthony, denkt man mit 83 Jahren an seine Sterblichkeit oder verdrängt man Sie lieber?
ANTHONY HOPKINS: Nun, ich hatte beim Dreh von "The Father" ein einschneidendes Erlebnis: Mein Blick traf auf einen Nachttisch neben dem Bett, wo eine Brille lag und ein Familienfoto. Da traf es mich wie ein Hieb, das Gefühl für die Vergänglichkeit des Lebens: Irgendwann muss jeder sterben, und was übrig bleibt, sind Fotos und vielleicht eine Brille. Das Konzept von Zeit hat nicht viel Bestand abseits des Moments. Ich spürte förmlich, wie vergänglich alles ist.

"The Father" behandelt das Thema Demenz wie ein Thriller, wie ein Rätsel, das von dem Älteren und den Zuschauern gelöst werden muss. Eine geniale Idee. Wie gefiel Ihnen das Drehbuch des Bühnenautors Florian Zeller?
Ich war völlig begeistert. Ich musste mich auf die Rolle auch gar nicht vorbereiten, ich musste einfach nur meinen Text kennen und auf alles reagieren, was passiert. Wenn plötzlich ein Fremder vor mir steht, ist es nicht so schwer, überrascht zu sein!

Haben Sie selbst Demenz in Ihrer Nähe erlebt?
Oh ja. Vieles daran erinnerte mich an meinen eigenen Vater: Er litt im letzten Jahr seines Lebens an einer schweren Herzkrankheit, war dadurch depressiv, ungeduldig und streitsüchtig. Manchmal hatte ich sogar das Gefühl, dass ich jetzt meinen eigenen Vater spiele - mit seinem Schmerz, den er offenbar empfand, und den Verletzungen, die er bei uns allen verursachte. Vor allem bei meiner Mutter, er war oft rüde, schroff, unverschämt zu ihr. Heute weiß ich: Er war völlig verängstigt.

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis für den Umgang mit Demenz?
Geduld! Das Liebevollste, was man im Umgang mit Demenzkranken tun kann, ist, kein Besserwisser zu sein, der diese Menschen mit der harten Wahrheit konfrontiert. Wenn ein Ehepartner vor vielen Jahren verstorben ist, reicht es, wenn man sagt, dass er oder sie wohl bald wieder da sein wird. Man braucht Mut, diesen Menschen nicht ständig zu sagen, dass sie falsch liegen. Ich habe mal von einen New Yorker gehört, der jetzt in Los Angeles lebt und sich jeden Abend, wenn er auf den Pazifik schaute, verwundert war, warum der Hudson River so groß aussah. Seine Tochter hat ihn nie verbessert. Lassen wir diesen Menschen ihren Frieden!

Aber Familienangehörige leiden oft unter dieser Situation. Ging es Ihnen damals nicht ähnlich?
Selbstverständlich. Der Demenzkranke leidet auch, aber wenigstens ist er in seiner eigenen Welt. Es sind die Töchter und Söhne, die anderen Familienmitglieder, die lernen müssen, damit umzugehen. Es ist sehr schmerzhaft, dabei zuzusehen, wie ein geliebter Mensch langsam verlorengeht. Auch mein Vater hat in den letzten Wochen seines Lebens abgebaut, und es war schrecklich, das miterleben zu müssen.

Was gab Ihnen damals Trost?
Ich weiß noch, wie ich am Tag nach seinem Tod in einem Park in Wales spazieren ging. Und plötzlich waren die Bäume voller Blüten. Für mich war das ein Weckruf. Ich war damals ja noch recht jung, in meinen Vierzigern, aber als ich meinen Vater kurz vor seinem Tod sah, ging mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich eines Tages auch dran sein werde. Und am nächsten Tag erblickte ich die Kirschblüten. Da habe eine tiefe Verbindung zum Kreislauf des Lebens gespürt.

Wenn man Sie hört, könnte man meinen, dass mit dem Alter die Weisheit kommt.
Ich bin alt genug, um darauf zu antworten: Ja! Früher dachte ich, ich wüsste alles besser. Ich bin inzwischen weise genug, um zu wissen, dass ich nichts weiß! Das gibt mir inneren Frieden. Ich habe in meinem Leben einen sehr zufriedenen, friedlichen Punkt erreicht. Ich bin mir meiner Sterblichkeit bewusst. Meine Arbeit hält mich am Leben. Ich liebe das Leben und genieße jeden Tag. Meine Frau traf einen meiner alten Lehrer, er war inzwischen Mitte 90. Sie befragte ihn über mich, und er sagte, dass ich als Schüler nicht besonders klug oder schlau war. Ich konnte mich an diese Schulzeit gar nicht mehr erinnern. War es nicht Schopenhauer, der gesagt hat, dass der Rückblick auf das eigene Leben oft wie ein Roman wirkt, den jemand anderes geschrieben hat?

"Nur pünktlich war ich immer"

Blicken Sie manchmal auf Ihr Leben zurück?
Ja, aber dabei habe ich gar nicht das Gefühl, dass ich selbst dazu viel beigetragen habe. Ich kann mir das Glück, das ich erlebe, nicht selbst zuschreiben. Ich habe viele Fehler gemacht - nur pünktlich war ich immer! Sollte ich alter Sünder wirklich Anerkennung dafür bekommen?

Sie beziehen sich auf die Zeit Ihres Alkoholismus. Sie feierten vor kurzem, dass Sie seit 45 Jahren trocken sind.
Ich habe keine Ahnung, wie zur Hölle ich das geschafft habe. Aber das gibt mir eine wunderbare Freiheit. Wenn ich meditiere - ich mag das Wort "meditieren" eigentlich nicht -, aber wenn ich nachdenke, wird mir klar: Ja, das Leben ist mehr, als ich je verstehen könnte. Vielleicht ist Gott damit gemeint. Es ist eine so große Erfahrung, einfach nur am Leben zu sein!

Während der Pandemie waren Sie aktiv: In Instagram-Posts zeigten Sie offen Ihr Zuhause, Ihre Privatsphäre, sogar Ihre Katze, setzen sich ans Klavier oder gaben kleine Konzerte. Sie trösteten, alberten herum, sprachen Mut zu. Die Reaktionen waren herzzerreißend, Sie spendeten vielen Menschen offenbar ganz viel Trost!
Ja, das hoffe ich. Jetzt merke ich, wie schön es ist, für andere da zu sein. Jetzt versuche ich, etwas zurückzugeben, besonders an die Menschen, die unsere Demokratie am Laufen halten, die sich um unseren Alltag, um unsere Gesundheit, um unseren Müll kümmern - alle, die dafür sorgen, dass wir ein gutes Leben haben! Die will ich aufmuntern und Hoffnung geben. Ich bekomme auch viele Nachrichten von Menschen, die sehr einsam sind oder mit Depressionen kämpfen. Wir brauchen Hoffnung. Ohne Hoffnung sterben wir.

Waren Sie auch schon vorher auf Sozialen Medien so aktiv?
Ich habe vor fünf Jahren gemerkt, wie viel Gutes ich bewirken kann. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft der jungen Leute! Alle, die jetzt mit der Schule oder dem Studium fertig sind, stehen vor einer ungewissen Zukunft. Ich hoffe, dass Präsident Biden sein Versprechen wahr macht und die Schulden der Studenten streicht. Die nächste Generation hat es verdient, neu anzufangen. Ich hatte ein so tolles Leben. Aber jetzt ist die nächste Generation dran.

"Ich würde momentan mit keinem Politiker tauschen wollen"

Woher haben Sie solch einen engen Bezug zu den Jüngeren?
Ich verbringe viel Zeit in Sozialen Medien. Ich merke, dass ich junge Menschen damit erreichen kann. Ich verschicke auch persönliche Nachrichten, weil ich Menschen damit inspirieren kann. Früher war ich viel selbstsüchtiger und habe in meiner eigenen Welt gelebt.

Keine Gesellschaft kommt länger ohne Kunst und Kultur aus. Was hat Ihnen im Lockdown Hoffnung geschenkt?
Die Welt hat schon zwei kolossale Weltkriege erlebt, sie hat Verzweiflung, Zerstörung und Horror erlebt. Millionen von Menschen sind damals gestorben. Verglichen damit geht es uns gerade noch relativ gut! Ich bin mir sicher, dass wir diese Zeit überstehen werden. Dieses Virus ist keine Verschwörung, sondern ein echtes Problem, das wir lösen müssen.

Sie sind gebürtiger Waliser, besitzen aber neben der britischen auch die US-Staatsbürgerschaft, da Sie seit Jahrzehnten in Los Angeles wohnen. Was halten Sie von Boris Johnson?
Ich würde momentan mit keinem Politiker tauschen wollen. Ich besuche England regelmäßig, mindestens einmal pro Jahr. Ich bin gerne dort und treffe mich in Wales jedes Mal mit alten Freunden.

Verfolgen Sie die britische Politik überhaupt noch?
Nein. Mich ermüdet das alles zu sehr. Wann hören wir endlich auf zu streiten und uns gegenseitig Vorwürfe zu machen? Diese politischen Schuldzuweisungen bringen uns nirgendwo hin.

Ihre Gelassenheit ist vorbildlich.
Ich habe als Junge den Krieg miterlebt, ich weiß noch genau, wie wir bombardiert wurden. Die Zerstörungen nach Kriegsende waren schrecklich, oder wie wir nach dem Krieg die Lebensmittel rationieren mussten. Es war eine sehr bittere Zeit, aber die Nationen konnten zusammenfinden und später Frieden schließen. Auch jetzt müssen wir wieder zusammenfinden und eine neue Welt schaffen. Wir leben nicht im Krieg, aber die Pandemie stellt uns ebenfalls vor größte Herausforderungen. Dem müssen wir mit Einheit begegnen, wir müssten alles, was uns trennt, beiseitelegen und gemeinsam eine neue Welt schaffen. Wir halten uns für so wahnsinnig schlau, aber unser Gehirn ist nicht Gott. Lösungen werden wir nur gemeinsam finden.

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