Kritik

"Nightmare Alley": Genialer Psychothriller kommt in die Kinos

Mit "Nightmare Alley" von Guillermo del Toro kommt ein genialer Psychokampf in den amerikanischen 30er Jahren in die Kinos. Der Noir-Thriller nicht nur wegen seiner Starbesetzung sehenswert.
| Margret Köhler
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare
lädt ... nicht eingeloggt
Teilen
Geistiges Duell zwischen Psychoanalytikerin und Mentalmagier: Cate Blanchett und Bradley Cooper in "Nightmare Alley".
Geistiges Duell zwischen Psychoanalytikerin und Mentalmagier: Cate Blanchett und Bradley Cooper in "Nightmare Alley". © Kerry Hayes / 20th Century Studios

München - Wie kein Zweiter beherrscht der Mexikaner Guillermo del Toro das Spiel mit fantastischen Elementen und Manierismen. Diesmal wollte er sich mal in einer anderen Richtung ausprobieren. Trotz magischer Atmosphäre spielt sein neues Werk "in einer Realität, die man sofort als solche erkennt und spürt", wie der Meister erklärt.

Reise in die Randgesellschaft der 1930er Jahre

Für Guillermo del Toro gibt es nur zwei Geschichten, die es wert sind, "in irgendeiner Form erzählt zu werden: Eine Figur gewinnt alles oder eine Figur verliert alles". Dazu braucht es Fallhöhe für Stanton Carlisle, einen Mann, der in den 1930er Jahren wie Phoenix aus der Asche plötzlich auf einem Jahrmarkt auftaucht. Umgeben von Kleinwüchsigen, Riesen und grotesken, manchmal auch erbarmungslos ausgebeuteten Kreaturen am Rande der Gesellschaft verfolgt er seinen Karriereplan, lernt bei der Kartenlegerin Zeena (Toni Collette) und ihrem Mann, dem Mentalisten Pete (David Strathairn), die Tricks, wie man Menschen manipuliert. Er bezirzt die junge und naive Molly (Rooney Mara), die vor Publikum theatralisch Stromschläge überlebt, und bricht mit ihr nach New York auf. Gemeinsam feiern sie Erfolge in angesagten Nachtclubs. Stanton scheint es in die Welt der Reichen und Schönen geschafft zu haben.

Niemand zweifelt seine übernatürlichen Fähigkeiten an, bis ihn eines Abends eine Dame provoziert und ihm Paroli bietet, sein Wissen in Frage stellt. Durch die Psychoanalytikerin (Cate Blanchett) gerät sein Leben aus der Spur. In dieser klassischen Geschichte von Korruption, Laster, Verrat und Hochmut durchlebt die Figur des Illusionskünstlers ihr eigenes Inferno.

Bradley Cooper überzeugt als zwiegespaltener Dämon der Liebe 

Im Nachhinein gesehen war es kein Problem, dass Leonardo DiCaprio absagte und Bradley Cooper ("A Star is born") für die Rolle des von Dämonen der Vergangenheit gejagten Ehrgeizlings einsprang. Denn er ist perfekt als einer, der lieben lässt, aber nicht wirklich liebt, einer, der um Anerkennung kämpft und die Einsamkeit fürchtet, ein Typ zwischen Strahlkraft und Finsternis.

Er findet in Blanchett eine eiskalte Virtuosin, die ihn an seiner verwundbarsten Stelle trifft und für ihre Zwecke benutzt. Eine atemlos und elegant inszenierte Schlacht zwischen zwei Menschen, bei der es nur Verlierer geben kann.

Gelungene Neuverfilmung des Greshams Roman

William L. Greshams gleichnamige Romanvorlage über Gier und Betrug wurde 1947 bereits mit Tyrone Power in der Hauptrolle verfilmt. In "Der Scharlatan", so der deutsche Titel damals, nahm Edmund Goulding mit auf eine sinistre, in schwarz-weiß gedrehte Reise ins Verderben. Dagegen trumpft die Neuverfilmung mit einem visuell immensen Schauwert auf, mit perfekter Ausstattung, fulminanter Kamera und Lichtsetzung und einer atemberaubenden Besetzung - darunter noch Willem Dafoe als Zirkusdirektor und Richard Jenkins als reicher Geschäftsmann, der Stantons Dienste in Anspruch nimmt.

Lesen Sie auch

Lesen Sie auch

Noir-Thriller mit der Handschrift Guillermo del Toros 

"Nightmare Alley" verneigt sich auch vor Tod Brownings "Freaks" von 1932, der hinter dem Zirkusvorhang ganz normale Menschen entdeckte, die eine Familie suchen. Das passt auch zu Guillermo del Toros humaner Weltsicht. In diesem Noir-Thriller ist seine unverkennbare Handschrift zu spüren, auch wenn er nicht den verführerischen Charme und die zarte Poesie seiner mit vier Oscars ausgezeichneten Fabel "Shape of Water - Das Flüstern des Wassers" erreicht, dieser betörenden Lovestory zwischen einer gehörlosen Putzfrau und einer in einem Regierungslabor gefangenen mysteriösen Wasserfigur.

Trotzdem: wuchtiges und moralfreies Kino mit einem Schuss Monstrosität. Ein fantastischer düsterer Alptraum.


Kino: City (auch OmU), Leopold, Monopol, Maxim (OmU) sowie Cinema, Museum (OV), R: Guillermo del Toro, (USA, MEX, CAN, 139 Min.)

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
0 Kommentare
Bitte beachten Sie, dass die Kommentarfunktion unserer Artikel nur 72 Stunden nach Veröffentlichung zur Verfügung steht.
Ladesymbol Kommentare