Interview

Münchner Dok.Fest: "Wir schauen noch genauer hin"

Das 36. Dok.Fest startet am heutigen Mittwoch. Festivalleiter Daniel Sponsel spricht über die Chancen einer digitalen Ausgabe, Fakefilme und die Konkurrenz im Internet.
| Adrian Prechtel
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Alles schläft, einer wacht: Das Dok.Fest eröffnet mit dem Film "Hinter den Schlagzeilen"über investigativen Journalismus.
Alles schläft, einer wacht: Das Dok.Fest eröffnet mit dem Film "Hinter den Schlagzeilen"über investigativen Journalismus. © Dok.Fest

München - Mit 131 Filmen aus 43 Ländern lädt das Dok.Fest ein, sich eine Auswahl gesellschaftlich wichtiger und künstlerisch herausragender Dokumentarfilme der aktuellen Zeit anzusehen.

AZ: Herr Sponsel, 2020 war die erste komplette Onlineerfahrung für das Dok.Fest. Was hat man daraus lernen können?
Daniel Sponsel: Wir haben innerhalb von sieben Wochen das in Kinos und an verschiedenen Orten geplante Festival komplett ins Internet verlegt. Ohne zu wissen, ob das so angenommen würde. Aber dann gab es sogar eine Publikumssteigerung, was darauf zurückzuführen war, dass wir plötzlich bayernweit gesehen wurden, teilweise sogar deutschlandweit. Das war neues Publikum, das zum ersten Mal beim Dok.fest dabei sein konnte, weil man ja nicht für einen Film aus Straubing, Regensburg, Erlangen oder Kempten nach München fährt, aber sich online eben doch für Filme einloggt. Auf dieser guten Erfahrung bauen wir jetzt auf.

Es besteht aber nach über einem Jahr Corona und mehreren Lockdowns auch die Gefahr einer Online-Ermüdung.
Ja, das kann tatsächlich sein, aber wir versuchen natürlich, in den Regionen mit unserer Werbung und auf Plattformen präsent zu sein.

Daniel Sponsel leitet seit 2009 das Internationale Dokumentarfilmfestival München.
Daniel Sponsel leitet seit 2009 das Internationale Dokumentarfilmfestival München. © Dok.Fest

Und klassisch älteres Kinopublikum könnte man aber online verloren haben.
Mit Sicherheit haben einige den Sprung ins Internet nicht mitgemacht. Aber die Corona-Zeiten haben bei allen Altersgruppen zu einer größeren Onlineaffinität geführt, was wir an unseren gestiegenen Zuschauerzahlen auch gemerkt haben. Und am liebsten hätten wir in diesem Jahr beides angeboten: Kino und online, aber Kino war jetzt zum zweiten Mal nicht möglich.

Festivals haben oft eine gewisse Dramaturgie. Warum stellt man ab dem ersten Tag alle Filme gleichzeitig für die gesamten 18 Festivaltage zur Verfügung und staffelt nicht?
Terminierungen waren bisher an die Orte, also meist Kinos gebunden. Die waren die beschränkenden Faktoren.

Aber eben auch ein ordnender Faktor…
Wenn jemand abends um 20 Uhr lieber erst einmal die "Tagesschau" anschaut oder draußen sitzt, soll er das tun… Das Publikum kann sich so frei sein Programm selber kuratieren und schauen, wann und wo sie wollen. Warum sollte man die Chance der größeren Freiräume im Internet als Festival nicht nutzen?

Dazu zählt auch die Länge: Warum hat man das Dok.Fest von normalerweise rund 10 Tagen auf 18 ausgedehnt?
Auch im vergangenen Jahr haben wir diese Möglichkeit genutzt, um die Reichweite mit dieser Verlängerung zu erhöhen - das hat sehr gut geklappt. Auf dieser Erfahrung bauen wir auf.

Die großen Streamingplattformen haben selbst Dokumentarfilme im Angebot. Warum nutzen die nicht ein Dokumentarfilmfestival als Premierenplattform, bevor sie es selbst anbieten?
Diese internationalen Konzerne kennen sich im Festivalmarkt nicht aus und so ein Festival passt nicht in ihre globalen Marketingstrukturen. Um beim Oscar mitzuspielen, haben sie ja vieles in Bewegung gesetzt und bei Spielfilmen spielen die Festivals für Netflix und Amazon durchaus schon eine Rolle. Wir haben sogar versucht, bei Netflix Zuständige anzusprechen, aber das war unheimlich schwer, und oft waren nach einigen Monaten die Kontaktleute schon wieder gegangen oder an einer anderen Stelle. Aber ich bin optimistisch, dass Dokumentarfilm-Festivals bald als Premierenorte mitgedacht werden.

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Dokumentarfilme sind oft schneller beim Aufgreifen von aktuellen Themen.
Auch Dokumentarfilme brauchen produktionstechnisch einen größeren Vorlauf und eine längere Postproduktion, als man vielleicht denkt. Das ist ja kein journalistisches Genre. Und die Corona-Filme beziehen sich so auch meistens auf den Lockdown vor einem Jahr. Aber natürlich sind auch "MeToo"- oder Black-Lives-Matter"-Stoffe dabei.

Wenn man den Film über den sexuellen Missbrauch bei einem Casting vor fünf Jahren nimmt: Da müssen sich fünf Frauen in einer neuen Situation zurückerinnern, ohne dass der wahre Ort oder der wahre Täter von damals benannt werden kann. Hat man da nicht Angst, wieder einen Dokumentarfilm vor sich zu haben, der vielleicht eher "scripted reality" ist als ein echter Dokumentarfilm?Der Skandal um "Lovemobile"mit Schauspielerinnen, die Prostituierte gespielt haben, müsste der Branche ja noch in den Knochen sitzen.
Ja, der Fall "Lovemobile" hat uns alle sensibilisiert, noch genauer hinzuschauen. Für den angesprochenen Film "The Case you" haben wir Rücksprache mit der Regisseurin gehalten. Der mögliche Verdacht belastest sie sehr. Auch Protagonistinnen werden beim Filmgespräch dabei sein, somit stehen mehrere Personen für die Authentizität des im Film Geschilderten ein. Vor "Lovemobil" hätten alle den Film frei von Skepsis betrachtet. Es wäre bedauerlich, wenn jetzt jeder Dokumentarfilm, der besonders nah dran ist, unter generellem Verdacht steht. Den Dokumentarfilmerinnen und Dokumentarfilmer stehen vielfältige Wege und Formen zur Verfügung, um dem Publikum von ihrem Blick auf die Wirklichkeit zu erzählen.


Das Internationale Dok.Fest München bis 23. Mai, alle Infos und Tickets (6/7 Euro pro Film oder Festivalpass 70 Euro, inklusiv Kinosolidaritätszuschlag): www.dokfest-muenchen.de

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