Kritik

Kinoerlebnis "Annette" von Leos Carax: Ein Traum, ein Paar, ein Alb

Leos Carax hat mit "Annette" ein weiteres besonderes Kinoerlebnis geschaffen - einer Mischung aus Starsatire, romantischer Tragödie und Musical.
| Adrian Prechtel
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Schönheit und Opulenz: Marion Cotillard als Opernsängerin in ihrem verwunschenen Landhaus.
Schönheit und Opulenz: Marion Cotillard als Opernsängerin in ihrem verwunschenen Landhaus. © Alamode

Was ist eine Traumfabrik? Der Regisseur sitzt am Mischpult - ja es ist wirklich Leos Carax selbst, der die Aufnahme von "So May We Start" der Sparks, der Elektro-Pop und Glam-Rock der 80er abmischt. Marion Cotillard kommt herein - dann Adam Driver. Alle verlassen jetzt singend und musizierend das Tonstudio und ziehen beschwingt durch eine amerikanische Großstadtstraße - sie zieht sich im Gehen ihren Bühnenmantel um, er setzt den Motoradhelm auf. Als Opernsängerin Ann hat sie jetzt gleich ihren großen Auftritt in der L. A. Opera und er braust weiter an großen Studiohallen vorbei - als Henry zu einer Bühne, wo er als Stand-up-Comedian seine tobenden Fans erwartet.

"Annette": Ein fantastisches, befremdendes, musikalisches Spiel

Wir sind in Hollywood. Und "Annette" macht von Anfang an kein Hehl daraus, dass alles ein großes Spiel ist - in diesem Fall ein besonders fantastisches, befremdendes, musikalisches.

Für Carax hat sich Catherine Deneuve noch 1999 ausgezogen ("Pola X"). Schon acht Jahre zuvor war ihm mit "Die Liebenden von Pont-Neuf" einer der anrührendsten Liebesfilme gelungen mit Juliette Binoche als Erblindender, die sich in einen Obdachlosen verliebt. "Holy Motors" war 2012 ein greller, traumhafter, atemloser Episodenfilm. Und jetzt?

Die Geschichte zweier Liebenden, die in ihrem Genre Stars sind, ein glamouröses und doch auch intellektuelles Leben führen, Lieblinge der Klatschpresse sind, eine Wunderkind-Tochter - die Titelgebende "Annette" - bekommen, die alles auf den Kopf stellt... aber natürlich kann so eine Glückssträhne nicht ewig weitergehen.

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"Annette": Ein Kinoerlebnis zwischen Musical, Fantasy und Krimi

Wenn man nach gut zwei Stunden berauscht, vielleicht auch ein wenig irritiert aus dem Kino kommt, fragt man sich: Was hatte man da gesehen? Ein Märchen über einen Mann, den zu große Liebe überfordert, den es nervös macht, dass seine Frau und Opernsängerin ihn überstrahlt und der daher zum (Eifersuchts-)Mörder wird? Oder war es eine Parabel auf die Starwelt, die so selbstverliebte Egos hervorbringt, dass Partnerschaft nicht funktionieren kann und Kinder als Starzirkus-Attraktionen missbraucht?

Und was war das Ganze überhaupt für ein Genre? Fantasy - weil viele surreale, kulissenhafte Elemente eingebaut sind, bis hin zur Tochter Annette, die hier eine rätselhafte Holzmarionette ist. Ein Krimi - weil Adam Driver, als ob ihm ein Alb im Nacken säße, dann doch drei Morde begeht?

Und war das ganze überhaupt ein Musical? Klar: Marion Cotillard singt, wenn auch in den Opernpartien synchronisiert, und sie singt angenehm natürlich. Adam Driver wiederum kann nicht gut singen, was besonders in den Rezitativen auffällt. Denn die Glamrock-Popper von Sparks haben fast alle Texte und Dialoge durchkomponiert und dabei ihren Disco-Popstil der 80er teilweise leicht angerappt, so dass sich eine witzige musikalische Wolke über alles legt.

"Annette" kann nur auf der großen Leinwand mit großem Ton funktionieren

Und zugegeben, all diese Ingredienzien ergeben keinen klaren, runden Filmgeschmack. Aber ist es nicht genau das, was Kino auch sein kann - und manchmal auch muss: wild (mit klarem Sex), formal experimentell, surreal-traumhaft und emotional "Bigger than Life"?

"Annette" jedenfalls kann nur - auch mit allen seinen skurrilen Details - auf der großen Leinwand und mit großem Ton funktionieren. Aber dann ist das eben ein ganz besonderes Kinoerlebnis.


Kino: Leopold, Isabella, Monopol, City, Theatiner (alle OmU)
R: Leo Carax (F, 140 Min.)

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