Interview

Julia von Heinz im Interview: Gewalt für die gute Sache?

"Und morgen die ganze Welt" war zuerst bei den Filmfestspielen von Venedig zu sehen. Nun kommt der autobiographisch inspirierte Spielfilm der Regisseurin Julia von Heinz ins Kino.
| Margret Köhler
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Die Regisseurin Julia von Heinz.
Die Regisseurin Julia von Heinz. © Jacopo Salvi

München - In ihrem sehr persönlichen, politischen Drama "Und morgen die ganze Welt" zeichnet Julia von Heinz mit emotionaler Wucht ein Bild vom heutigen Deutschland und lässt reale Erfahrungen aus ihrer Jugend in der Antifa einfließen. Im Fokus steht Luisa (Mala Emde), eine Jurastudentin aus konservativer Familie, die sich der Antifa anschließt und mit dem Einsatz von Gewalt konfrontiert wird. Sie steht vor der Frage: Wie weit darf oder muss man für eine gute Sache gehen?

Die deutsche Drehbuchautorin und Filmregisseurin Julia von Heinz (44) wuchs in Bonn auf. Nach einem Überfall von Neonazis auf ihre Geburtstagsfeier in den Bonner Rheinauen schloss sie sich 1991 als 15-Jährige antifaschistischen Initiativen an.

AZ: Frau von Heinz, was treibt junge Menschen heute noch zur Antifa?
JULIA VON HEINZ: Gerade wächst eine Generation heran, die wieder politischer ist. Linke Bewegungen haben mehr Zulauf, ob Black Lives Matter oder die Klima-Demos, und mich freut das sehr. Die jungen Leute spüren: Es geht um ihre Zukunft. Aber es ist loser und offener als damals in den 1990er Jahren. Die straffer organisierte bundesweite Antifaschistische Aktion hat sich 2001 offiziell aufgelöst. Heute würde ich Antifa eher als Haltung bezeichnen.

"Ich habe mich nie zu 100 Prozent von der Antifa verabschiedet"

Luisas Vater zitiert Winston Churchill: "Wer mit 20 Jahren kein Kommunist ist, hat kein Herz, wer mit 30 noch Kommunist ist, hat keinen Verstand". Stimmen Sie dem zu?
Es gab eine Zeit, wo Familie und Beruf bei mir so viel Raum einnahmen, da konnte ich keine Demos mehr organisieren, konnte nicht mehr zu Gruppentreffen gehen oder eine Jugendgruppe leiten. Das war ja damals ein Fulltime-Job. Aber ich habe immer darauf gewartet, meine Haltung in meine Kunst stärker einfließen lassen zu können. Ich habe mich ja nie zu 100 Prozent von der Antifa verabschiedet oder mich gar widersprechenden Ideen angeschlossen. Aber ich wurde offener, teile nicht mehr alles rigoros in Gut oder Böse, Richtig und Falsch ein, stelle eher Fragen, als dass ich Antworten habe.

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Julia von Heinz: "Ich wollte nichts romantisieren"

Es stehen sich zwei Richtungen gegenüber: Anführer Alfa, dem viel in den Schoß fällt, und der vorsichtige Lenor, der ihm vorwirft, nur mal in die Bewegung hinein zu schnuppern, aber keinesfalls die Karriere nach dem Studium zu gefährden. Ist das symptomatisch für einen Teil der Jugend, den Rebell auf Zeit zu spielen?
Ich habe diese Tendenz mal Durchlauferhitzer genannt. Die Gruppendynamik ist sehr ausgeprägt, junge Leute verbringen eine sehr intensive Zeit miteinander, finden eine Ersatzfamilie. Aber irgendwann kollidiert das mit dem sich ergebenden Lebensentwurf, neuen Plänen. Ich thematisiere in meinem Film das Phänomen, dass oft weiße, privilegierte Mittelschicht-Kids sich linken Bewegungen anschließen, die diese auch jederzeit wieder verlassen können. Denn ich wollte nichts romantisieren, sondern präzise eine solche Gruppe darstellen. Auch Luisa kommt aus gutem Haus. Ihre Herkunft wird ihr auch vorgehalten, sie ist dem Vorwurf ausgesetzt, ihre Eltern würden sie aus jeglicher Notsituation herausboxen. Und das ist gleichzeitig Teil ihrer Motivation. Sie hat Schuldgefühle und will beweisen, dass sie ihr Engagement ganz besonders ernst nimmt.

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Über den Einsatz von Gewalt streitet sich die Gruppe. Wurden Sie in Ihrer Antifa-Zeit mit der Frage der Gewalt konfrontiert?
Ja, und ich stelle mir heute diese Frage zunehmend wieder. Es gibt so viele Überschneidungen von rechten Strukturen mit Staatsorganen wie Polizei, Verfassungsschutz und Bundeswehr, dass das Vertrauen in die Gewaltenteilung verloren geht. So geht es leider vielen und so bricht irgendwann die demokratische Mitte ein. Wie weit dürfen wir Rechten wieder Raum geben und sie unsere Gesellschaft übernehmen lassen, wie lange darf man zugucken und mit welchen Mitteln muss man sich dem irgendwann entgegensetzen? Das sind Fragen, die wir uns heute alle wieder stellen müssen.

"In Deutschland werden dem Kino politische Themen zu wenig zugetraut"

Gibt es für Sie einen Unterschied zwischen rechter und linker Gewalt?
Auf jeden Fall. Rechte Gewalt richtet sich gegen Menschen, die sind, wer sie eben sind. Vielleicht sind sie behindert oder dunkelhäutig, fliehen aus Kriegsgegenden nach Europa. Sie haben sich dieses Leben nicht ausgesucht und werden dafür angegriffen oder gar ermordet. Linke Gewalt - wenn überhaupt - richtet sich gegen Nazis, die selbst entschieden haben, unmenschliche Ideologien zu vertreten. Sie können jederzeit entscheiden, damit aufzuhören.

Ist Gewalt ein legitimes Mittel, wenn sie sich gegen Menschen richtet?
Ich würde niemals Gewalt gegen Menschen als adäquates Mittel bezeichnen. Aber auch das Naziregime in Deutschland wäre 1945 nicht freiwillig abgetreten. Die Alliierten haben es mit Gewalt beendet. Nicht mit Diplomatie und gutem Zureden.

Seit 20 Jahren wollten Sie diesen Film realisieren. Wieso mussten Sie so lange um die Finanzierung kämpfen?
In Deutschland werden dem Kino politische Themen zu wenig zugetraut. Man meint, im Fernsehfilm könnten sie schneller und aktueller umgesetzt werden. Seit 20 Jahren wollte ich diesen Film machen und jedes Jahr hörte ich, er sei womöglich zu aktuell. Diese Vorbehalte kamen von möglichen Senderpartnern, Verleiher, Weltvertrieben und einigen Förderern. Aber zum Glück gab es die, die daran glaubten und jetzt ist er so aktuell wie nie, genau der richtige Zeitpunkt! Die Handlung musste im Deutschland von heute spielen. Auf großen internationalen Festivals gibt es ein Interesse an politischem Kino aus Deutschland. Mir ist ein Rätsel, warum da nicht mehr aus Deutschland heraus entsteht.

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Julia von Heinz über ihre Zusammenarbeit mit Marcus H. Rosenmüller

Sie loben in einem Interview die Streamer, "die das alte System durcheinandergeworfen" hätten und die vielfältigen Formen und Formate. Ich hielt sie durch und durch für eine Kinoliebhaberin.
Die Aussage bezog sich auf das Fernsehen, da bedeuteten Streamer eine große Erleichterung, weil man plötzlich aus bestimmten Schemata und Formaten ausbrechen kann. Als Regisseurin, die auch für das Fernsehen arbeitet, spüre ich, dass sich hier plötzlich mehr Möglichkeiten auftun, unkonventionell zu erzählen, weil sich die Fernsehanstalten mit Netflix und anderen Streamern messen. Das kam mir vor wie ein Befreiungsschlag. Bezüglich des Kinos müssen wir aufpassen, ihm seinen wichtigen Platz zu lassen. Deshalb werde ich mich immer dafür einsetzen, dass die entsprechenden Filme erst im Kino laufen und anschließend auf den Plattformen der Streamingdienste.

Mit Marcus H. Rosenmüller übernehmen Sie die Leitung des Studiengangs Regie Kino- und Fernsehfilm an der HFF München. Wie wollen Sie sich die Arbeit aufteilen? Sie sind beide sehr unterschiedlich.
Wenn man nur noch lehrt, fangen die Studenten an zu zweifeln, ob man ihnen überhaupt noch etwas aus der Praxis beibringen kann. Wenn man aber wegen Dreharbeiten nur durch Abwesenheit glänzt, wird man dieser großen und verantwortungsvollen Aufgabe auch nicht gerecht. Wir haben uns deshalb überlegt, die Arbeit im engen Austausch aufzuteilen und es uns gegenseitig zu ermöglichen, in beiden Berufen präsent zu sein. Rosi ist ein sehr herzlicher und warmer Mensch, wir stehen beide für Offenheit und flache Hierarchien und freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit.

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Julia von Heinz: "Ich versuche, mich zu vernetzen"

Was geben Sie Ihren Studenten mit auf den Weg?
Die Notwendigkeit der persönlichen Herangehensweise. Je tiefer sie in das eintauchen, was sie selbst gefühlt und erlebt haben, umso stärker und präziser werden die Erzählungen. Je weiter man von sich weg ist, umso mehr droht die Gefahr, sich in Klischees zu verlieren. Zum anderen wünsche ich mir einen offenen Umgang mit Konkurrenzdruck und der daraus resultierenden Vereinzelung. Alles muss auf den Tisch, wenn wir offen über diese Probleme reden, werden sie kleiner. Unsicherheiten, das habe ich bisher in der HFF gespürt, liegen oft unausgesprochen in der Luft. Neid, Missgunst und Konkurrenz sind völlig normale Gefühle in unserer Branche, sie werden aber nur größer, wenn man darüber nicht sprechen kann.

Bei arrivierten Filmemachern ist der "Futterneid" auch ein Problem.
Bei der Antifa hieß es immer: Bildet Banden. Das zeigt auch mein Film. Ich versuche, mich zu vernetzen und gebe jeden nützlichen Kontakt an Kollegen weiter, wenn sie mich danach fragen. Und dasselbe bekomme ich auch zurück. Fabian Gasmia, David Wnendt, Erik Schmitt und ich haben 2018 die Produktionsfirma "Seven Elephants" gegründet nach dem Vorbild von X Filme Creative Pool, "Und morgen die ganze Welt" war unser erstes Projekt. Wir setzen uns alle füreinander ein. 


"Und morgen die ganze Welt" läuft ab Donnerstag; City-Atelier, Leopold, Monopol, Mathäser, Studio Isabella, Neues Rex.

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