"Kino der Kunst" in München: Im Einsatz für die Schönheit

"Kino der Kunst" trotz mit über 40 Beiträgen aus fast 30 Ländern der Krise: Das Festival startet - ganz real - in drei Münchner Filmtheatern.
| Roberta De Righi
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Frei nach Tschaikowskys "Schwanensee" tanzen vier Schwäne gegen die Staatsgewalt an. Im Gegensatz zum Ballettklassiker ist dieser Kampf zwischen Schwarz un Weiß grotesk. Der Kurzfilm "Ballerinas and Police" des türkisch-kurdische Künstlers Halil Altindere ist am Freitag im Theatiner (18 Uhr) und am Samstag an der HFF (14.30 Uhr) zu sehen.
Courtesy of the Artist/PILOT Gallery, Istanbul Frei nach Tschaikowskys "Schwanensee" tanzen vier Schwäne gegen die Staatsgewalt an. Im Gegensatz zum Ballettklassiker ist dieser Kampf zwischen Schwarz un Weiß grotesk. Der Kurzfilm "Ballerinas and Police" des türkisch-kurdische Künstlers Halil Altindere ist am Freitag im Theatiner (18 Uhr) und am Samstag an der HFF (14.30 Uhr) zu sehen.

München - Auf Spitzenschuhen gegen die Staatsgewalt - kann das gut gehen? Der türkisch-kurdische Künstler Halil Altindere lässt Tschaikowskys vier Schwäne gegen ein Polizei-Sondereinsatzkommando - ebenfalls auf Spitzen - antreten. Das Ergebnis ist ein grotesker Ballett-Kampf der Gegensätze von Weiß und Schwarz, unbewaffnet gegen bewaffnet, Kunst und Politik, Schönheit und Macht.

Altinderes Kurzfilm "Ballerinas and Police" von 2017 ist am Freitag und Samstag bei "Kino der Kunst" in München zu sehen. Das Festival, das zum vierten Mal stattfindet, steht heuer unter dem Motto "Verbotene Schönheit". "Warum ist der Begriff der Schönheit in der Gegenwartskunst so verpönt?", fragt sich Festivalleiter Heinz-Peter Schwerfel in der Einführung. "Kino der Kunst" will das unausgesprochene Dogma entkräften, dass die publikumswirksame Produktion schöner Bilder als Zeichen künstlerischer Schwäche gedeutet wird. Die Botschaft der über 40 Filme von Künstlern aus fast 30 Ländern will heißen: Kritische, gute Kunst kann trotzdem ästhetisch und hochartifiziell sein.

Viele Filme, reduziertes Rahmenprogramm

Anders als zuletzt 2017 findet "Kino der Kunst" diesmal im Herbst statt. Die Film-Dichte ist umfangreich wie immer, aber das Rahmenprogramm wurde Corona-bedingt komplett reduziert. Zwar gibt es drei Künstlergespräche vor Publikum, die meisten Interviews mit den Künstlern finden allerdings als "Online Events" statt.

Auch heuer werden wieder vier Preise vergeben: Im Internationalen Wettbewerb entscheidet die Jury unter Vorsitz des Ästhetik-Perfektionisten Luca Guadagnino ("Call Me By Your Name") über die beiden jeweils mit 10.000 Euro dotierten drei Hauptpreise - für Langfilm, Kurzfilm und ein "medienüberschreitendes Gesamtwerk". Letzterer wurde bereits vorab ausgewählt und geht an die südkoreanische Künstlerin Anicka Yi. Der Jury gehören noch Andrea Lissoni vom Haus der Kunst, die italienische Produzentin Beatrice Bulgari und die französische Künstlerin Camille Henrot an. Außerdem gibt es noch den mit 5.000 Euro dotierten Projekt-Preis als Förderung junger Film-Künstler.

Gezeigt werden Filme einiger Stars der Szene, die auch schon bei "Kino der Kunst" zu Gast waren. Etwa Matthew Barneys - diesmal überraschend wenig obsessiv - mythisches Natur-Epos "Redoubt", Sue de Beers Psycho-Horror "The White Wolf" und Isaac Juliens Sklavenbefreiungs-Biopic "Lessons of The Hour". Weniger bekannt dürfte hier Kudzanai Chiurai aus Zimbabwe sein, der in "We live in Silence" ebenfalls (post-)koloniale Traumata aufarbeitet. Einiges sieht dabei heuer weniger nach visuellem Experiment als nach fast schon klassischem Erzählkino aus.

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Aus China kommt Cao Feis verhaltene Liebesgeschichte "Asia One" in einem vollautomatisierten Versand-Supermarkt, in dem die Mitarbeiter nur noch Strichcodes sind und der Roboter fast am menschlichsten anmutet. Und ihr Landsmann Wang Tuo gibt in "The Interrogation" eine Einführung in psychologische Gesprächsführung zwischen Therapie und Verhör.

Es wird viel getanzt und erstaunlich oft mit Schusswaffen hantiert

Und es wird ziemlich viel getanzt, nicht nur bei Altindere und Barney, sondern etwa auch in "Prisoners of the Body" der HFF-Absolventin Elisa Maria Nadal. Ebenso häufig wird mit Schusswaffen hantiert ("The Undertaker" von Yael Bartana) und auch geschossen - wie in der familiären Gewaltorgie "Heavy Metal Honey" des Georgiers Vajiko Chachkhiani.

Doch von Maschinengewehren lassen sich die Tänzerinnen bei Altindere nicht einschüchtern, sie tanzen einfach weiter - egal, ob im Übungssaal, unter dem Bildnis von Erdogan oder im Gefängnis, vorbei an desinteressierten Generälen und Despoten, die die Weltkarte unter sich aufteilen wollen. "Resist" steht auf dem Banner, das am Ende über allem schwebt.

Kino der Kunst: bis Sonntag an der Hochschule für Fernsehen und Film (Bernd-Eichinger-Platz 1), im City Kino (Sonnenstraße 12 a) und im Theatiner Kino (Theatinerstraße 32), Programm und Tickets ab 7 Euro unter www.kinoderkunst.de oder an der Abendkasse

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