Filmfestival in Cannes: Frankreich in einem Setzkasten

In Cannes gefallen die neuen Filme von Wes Anderson und Oliver Stone, indes wächst die Sorge über steigende Corona-Infektionen.
| Matthias Greuling
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Regisseur Wes Anderson (von links) sorgte in Cannes für den großen Aufmarsch der Stars; Tilda Swinton, Bill Murray und Benicio Del Toro sowie Filmkomponist Alexandre Desplat kommen zur Premiere des Films "The French Dispatch".
Regisseur Wes Anderson (von links) sorgte in Cannes für den großen Aufmarsch der Stars; Tilda Swinton, Bill Murray und Benicio Del Toro sowie Filmkomponist Alexandre Desplat kommen zur Premiere des Films "The French Dispatch". © Vianney Le Caer/Invision/AP/dpa

Cannes - Man könnte sich ja freuen über die knallvollen Kinosäle, über die jubelnden Menschen, die vollen Restaurants und die langen Schlangen vor den Eisdielen: In Cannes ist Hochbetrieb, und die zweite Festivalwoche macht fast vergessen, dass hier bis vor wenigen Wochen eigentlich noch alles geschlossen hatte und keiner von einer normalen Sommersaison ausgehen konnte.

Cannes: Festival dementiert Gerüchte über einen Corona-Cluster

Normal ist sie trotzdem nicht, denn sowohl Touristen als auch Festivalbesucher sind an der Croisette etwas spärlicher gesät als sonst. Jedoch: Für Gefahrenpotenzial sorgen die Gäste allemal. Immerhin werden drei positiv getestete Akkreditierte pro Tag aus dem Verkehr gezogen, lokale Medien sprechen von höheren Zahlen. Das Festival dementiert Gerüchte über einen Corona-Cluster und über ein vorzeitiges Abbrechen der Veranstaltung.

Im Kino warnt nun mit Pierre Lescure der Festivalpräsident höchstselbst per Tonband vor jedem Film vor einem allzu leichtsinnigen Umgang mit der Maske. Und seit mit Léa Seydoux, die mit vier Filmen im Programm vertreten ist, auch einer von Frankreichs größten Filmstars trotz Impfung positiv auf Corona getestet wurde, ist das Bewusstsein für die Delta-Variante zumindest auch hier in den Köpfen angekommen.

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"The French Dispatch": Klischeebelastete Hommage an alles Frankophone

Doch Festivalchef Thierry Frémaux will seine Filmschau bis zum Schluss durchziehen, und so gibt es hier einen potenziellen Filmhit nach dem anderen im Programm. Am Montag feierte "The French Dispatch" von Wes Anderson endlich seine Premiere im Wettbewerb um die Goldene Palme, nachdem er schon im Vorjahr hätte laufen sollen. Anderson steckte die Festivalabsage 2020 weg und wartete geduldig, weil sein Film eben nur hier eine Premiere feiern kann.

"The French Dispatch" ist klischeebelastete Hommage an alles Frankophone, an die Grande Nation und all ihre Marotten, das Ganze so detailverliebt umgesetzt, als blättere man durch die farbige Hochglanzbeilage einer Tageszeitung. Viel Fantasie hat Wes Anderson seit jeher in seinen Filmen bewiesen, aber mit diesem Frankreich-Setzkasten krönt er sein schräges, fantastisches und inspirierendes Oeuvre.

"The French Dispatch": Wes Anderson erzählt mit liebevollen Details

Alles dreht sich um einen Verleger (Bill Murray), der beschließt, sein Magazin "The French Dispatch" fortan von Kansas nach Frankreich zu übersiedeln, in die Stadt Ennui, was so viel wie Langeweile bedeutet.

Fad wird es aber nicht, denn hier schreiben sich mitunter recht zickige Edelfedern die Finger wund über Kunst, Politik, Kultur und den Weltschmerz. Anderson baut das dramaturgisch so auf, als hätte man ein Magazin in der Hand, bei dem jede Seite eine neue Überraschung birgt; es ist fast, als wäre "The French Dispatch" ein Plädoyer für die gedruckte Zeitung, und ganz nebenbei feiert es Frankreich in jeder denkbaren Facette.

Die Geschichten sind vielfältig, mal geht es um einen inhaftierten Mörder (Benicio del Toro), der im Knast beginnt zu Malen und dem dort eine gestrenge Aufseherin (Léa Seydoux) zur Muse wird. Mal spielt sich Tilda Swinton als Kunstrichterin auf, mal gibt Owen Wilson den Luftikus, der durch Ennui taumelt, und Frances McDormand verfasst als linke Reporterin das Manifest eines Studenten-Revoluzzers (Timothée Chalamet) gleich mit. Es ist liebevolle Satire mit einem Detailreichtum, der "The French Dispatch" zu einem Film macht, den man wie ein Magazin immer wieder aufschlagen kann.

Nanni Morettis "Tre Piani" zählt zu den Enttäuschungen in Cannes

Es gibt in diesem Wettbewerb aber auch Enttäuschungen: Nanni Morettis "Tre Piani" erzählt nach dem Roman des Israelis Eshkol Nevo von gar vielen Handlungssträngen in einem dreigeschossigen Wohnhaus in Rom, wo die Sorgen des weißen Mittelstandes verhandelt werden; es ist ein Film, der vor allem ob seiner Unerheblichkeit verärgert.

Mia Hansen-Love wiederum zeigt in "Bergman Island" zwei liierte Filmemacher (Tim Roth als Regisseur, Vicky Krieps als Drehbuchautorin), die Inspiration in Ingmar Bergmans einstiger Lebensumgebung suchen - und finden. Das alles mit viel Dialog und wachsender Beziehungs-Skepsis, vor der Naturkulisse von Farö, und mit einem Film-im-Film noch ganz chic dramaturgisch aufpoliert, aber letztlich auch: unerheblich.

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Mehr Freude brachte da Catherine Corsini, die in dem eindringlichen "La fracture" die Situation von Pflegekräften betrachtet, während Sean Penn in "Flag Day" einen Vater-Tochter-Konflikt vor dem Hintergrund der kriminellen Machenschaften des Vaters eskalieren lässt. Das Ganze aber in einem Maximum an 70er- und 80er-Ästhetik, die zum Schwelgen in eigene Gefühlswelten einlädt.

Oliver Stones "JFK Revisited: Through the Looking Glass" macht hellhörig

Außerhalb des Wettbewerbs zeigte Oliver Stone in seiner inhaltlich dichten, fordernden Doku "JFK Revisited: Through the Looking Glass" das Ergebnis seiner jahrelangen Recherchen im Mordfall John F. Kennedy: Die Doku bestätigt die Skepsis über die offizielle Version des Attentats, die Stone schon 1991 in seinem Spielfilm "JFK" äußerte und schlüsselt minutiös die Unstimmigkeiten des Tathergangs auf. Ein Film, der noch für Debatten sorgen wird.

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